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A.R. Penck: Der Höhlenmaler der Postmoderne

Soviel Penck war noch nie: Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt mit 130 Gemälden, Skulpturen und Objekten sowie 70 Skizzen- und Künstlerbüchern die bislang umfangreichste Retrospektive des deutschen Malerfürsten A.R. Penck.

Von Alexander Jürgs

Überwältigt wird man gleich im ersten Ausstellungsraum: Dort hängt das schon lange nicht mehr gezeigte Gemälde "Quo vadis Germania", das A.R. Penck 1984 in einem malerischen Exzess in der Düsseldorfer Messehalle erschaffen hat. Drei mal zehn Meter Wucht und Wut auf Leinwand - inklusive Adlern, Fratzen und archaischen Strichmännchen. Es gibt Fotografien der Aktion, die zeigen, wie Penck mit ausladender Geste ungeheure Massen an Dispersionsfarbe gegen die Leinwand klatscht. An Kraft und Mut zur Auflehnung hat es dem Künstler, der 1939 als Ralf Winkler in Dresden geboren wurde, nie gemangelt.

In der DDR hatte er immer mit Widerstand zu kämpfen. Viermal bewarb er sich an den Kunstakademien in Dresden und Berlin - und wurde jedes Mal abgelehnt. Sein Stil und seine Freude am kritischen Denken passten nicht in einen Kunstbetrieb, der auf Sozialistischen Realismus und Staatstreue getrimmt war. Im Kreis der subversiven Maler war er trotzdem der einzige, der fleißig weiter die Theorien von Marx und Lenin las und an Ideen für einen "besseren Sozialismus" feilte. Mit der Wissenschaft der Kybernetik wollte er die Welt, die Politik, den Gegensatz zwischen Ost und West erklären - und schuf in der Anfangszeit seiner Karriere wort- und bildgewaltige "System- und Weltbilder".

Pseudonym einem Eiszeitforscher entliehen

Ein Wissenschaftler war es auch, dem der Künstler sein Pseudonym entlieh: der Dresdner Eiszeitforscher Albrecht Penck (1858-1945). 1968, als Ralf Winkler zum ersten Mal das Pseudonym A.R. Penck für sich beanspruchte, herrschte Eiszeit aber auch zwischen den zwei deutschen Staaten, zwischen den Systemen Kommunismus und Kapitalismus. Penck geriet bald in die Mitte dieses Eisernen Vorhangs und wurde dabei immer erfolgreicher. Der westdeutsche Galerist Michael Werner hatte den Künstler entdeckt und in der Kölner Galerie Hake ausgestellt, die aufstrebenden Maler Jörg Immendorff und Markus Lüppertz wollten Penck unbedingt kennen lernen und besuchten ihn im Osten. 1972 wurde Penck zum ersten Mal zu einer documenta eingeladen, zwei weitere Auftritte auf der Weltkunstschau sollten noch folgen.

Mit dem Aufstieg im Westen verschärften sich die Repressionen und Schikanen im Osten. Der staatliche Künstlerverband verweigert seine Aufnahme. 1973 wird der damals 34jährige Penck für ein halbes Jahr in die Nationalvolksarmee (NVA) einberufen. Danach brechen alle Dämme gegen die rote Staatsdoktrin: Unter den neuen Pseudonymen Mike Hammer (das er von einer Romanfigur Mickey Spillanes übernommen hatte), Tancred Mitchell oder Theodor Marx entstehen die düstersten und aggressivsten Werke des Malers. Sehr präzise und konzentriert verewigt Penck in diesen Bildern seinen Pessimismus und seine Wut. Er bleibt trotzdem noch einige Jahre in der DDR, bis er 1980 schließlich, wie vorher schon sein Freund Wolf Biermann, ausgebürgert wird. Für die beiden verfeindeten deutschen Staaten hat Penck ein treffendes Bild gefunden: Der Osten war Wüste, der Westen Dschungel.

Penck galt als "Neuer Wilder"

Ein großes Kabinett ist in der Schirn den Standart-Bilder Pencks gewidmet, jenen an Höhlenmalerei erinnernden Bildern von Strichmännchen, die den Maler in den achtziger Jahren zum Star der Kunstwelt machten. Damals galt Penck als "Neuer Wilder", obwohl er selbst sich jungen Graffitikünstlern wie dem New Yorker Jean-Michel Basquiat viel näher fühlte. Mit den kraftvollen Strichmännchen wurde sein Stil unverwechselbar - aber leider auch ein wenig vorhersehbar. Die Sprache der abstrakten Zeichen, der Hieroglyphen, der archaischen Symbolen ist bis heute gleichzeitig Markenzeichen und Stigma des Künstlers.

"Niemand kennt den ganzen Penck", sagt Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Ausstellung. Darum will sie mit ihrer Retrospektive, der ersten seit beinahe zwanzig Jahren, neue Facetten des Künstlers, der heute in Dublin lebt, kenntlich machen. Der spannendste Raum der Ausstellung ist deshalb auch der auf den ersten Blick unspektakulärste. In schlichten Vitrinen kann man in einem Seitenkabinett einen in dieser Fülle bislang noch nie gezeigten Schatz entdecken: 70 Skizzen- und Künstlerbücher, die einen anderen, einen neuen Penck ins Rampenlicht führen. Mit begeisternder Leichtigkeit und in ungewohnt hellen Farben zeichnet, malt und schreibt der Künstler in diesen Büchern. Auch der Musiker Penck ist hier zu entdecken: Über Kopfhörer hört man Free Jazz-Stücke, die er mit Freunden und Künstlerkollegen eingespielt hat, an der Wand hängen von Penck für diese Musikprojekte gestaltete Schallplattencover.

Neuer Blick auf ein spektakuläres Werk

In Frankfurt hat man große Erwartungen an die Penck-Retrospektive. Nicht ohne Zufall wurde die Ausstellung parallel zur Kasseler documenta eröffnet. Vom großen Kunstsommer 2007, vom Boom um documenta, Biennale in Venedig und die Skulpturen-Projekte in Münster, will auch die Schirn profitieren - zu bieten hat sie einen überraschenden, neuen Blicke auf das spektakuläre Werk eines Superstars des Kunstbetriebs.