VG-Wort Pixel

Bildband "Sex-Workers" Alltag und Sexarbeit – so lebt die Prostituierte von nebenan

Vivi  Wer hat hier die Macht? Wer übt den Einfluss aus, der Kunde mit dem Geld oder die Sexarbeiter*innen mit der Dienstleistung? Beide Parteien haben Bedürfnisse, hat also einer mehr Macht als der andere? Nun, ja. Als ziemlich unstrittige Regel gilt: Wer das Geld hat, hat die Macht.
Vivi
Wer hat hier die Macht? Wer übt den Einfluss aus, der Kunde mit dem Geld oder die Sexarbeiter*innen mit der Dienstleistung? Beide Parteien haben Bedürfnisse, hat also einer mehr Macht als der andere? Nun, ja. Als ziemlich unstrittige Regel gilt: Wer das Geld hat, hat die Macht.
© Tim Oehler/Gingko Press / PR
Tim Oehler zeigt in "Sex-Workers" Prostituierte aller Geschlechter in den Zeiten der Pandemie. Rotlicht-Fotos vom Job und Bilder aus dem Alltag in der Küche. In den Texten beschreiben 30 Sexarbeiter ihr Leben.

Sex-Workers ist ein prächtiger Bildband – mit großformatigen, leuchtenden Bildern. Doch die Fotos protzen nicht, sie erschlagen den Leser nicht mit einer hochgeputzten Ästhetik. Die Bilder von "Sex-Workers - Das ganz normale Leben" sind in einem wohltuenden Sinn normal – nämlich auf dem Teppich geblieben. Und das ist bei diesem Thema eine Leistung. Prostitution war schon seit jeher ein Lieblingssujet der bildenden Künste, bei dem sich vor allem die Fantasie des meist männlichen Künstlers austoben durfte. Eine Ausstellung in Paris hatte Tim Oehler auf die Idee gebracht. Er sah sich "Pracht und Misere – Bilder der Prostitution (1850-1910)" an. Dort hingen Toulouse-Lautrec, Picasso, Van Gogh, Degas, Munch und Manet und wurden von den Zuschauern gefeiert. Danach lief er ohne Ziel mit der Kamera an der Seine entlang, bis er durch Zufall am Straßenstrich des Boulevard Strasbourg landete, und dieses Mal wurde nicht gejubelt, es wurden die Köpfe geschüttelt.

Projekt des Coronajahrs

Im Coronajahr begann er das Projekt. Tim Oehler hält sich zurück, er tritt hinter die von ihm Porträtierten zurück. Die Texte stammen von den 30 Sexarbeitern – es sind auch Männer dabei. Der ganze Band ist frei von Voyeurismus und bedient sicher nicht die Libido des Betrachters.

Die Bilder sind nicht ohne erotischen Reiz – doch die Akteure bestimmen die Regeln. Sie zeigen die Protagonisten in ihrem Arbeitsumfeld, entsprechend aufgerüscht und zurechtgemacht. Doch mit Realismus. Die Szenen wirken so wie einschlägige Bars und Etablissements eben aussehen. Die Akteure sind hübsch und wirken verführerisch. Doch sie haben nichts vom Übermenschen-Sex-Appeal der Starfotografen der Erotikfotografie – aber auch nichts vom Elend vieler Reportagefotos aus diesem Milieu. Daneben stehen Bilder, die die Personen in ihrem privaten Leben zeigen. Die gleichen Hände, die eben noch über nackte Haut geglitten sind, greifen nun beherzt in den Kuchenteich. Das Nebeneinander von Bügelbrett, Badezimmer und Rotlichtästhetik zeigt das Alltägliche des Berufes mehr als alle Diskussionen. Oehler zeigt die beiden Rollen eines Menschen und sie fallen nicht weiter auseinander, als würde man einen Bankmanager einmal in der Konferenz und dann bei der Gartenarbeit zeigen.

Der Mittelbau der Sexarbeit

Das macht das Buch so ehrlich – weit weg vom billigen Demaskieren und schwülstigen Bordellfantasien. Die Texte stammen von den Personen selbst und sind so ehrlich, wie es Selbstauskünfte eben sein können. Das Buch porträtiert 30 Sex-Worker in "mittleren Segment" – es gibt nicht die Elendsgestalten des Drogenstrichs und nicht die Escort-Kurtisanen des Jetsets. Die Akteure hadern nicht mit ihrem Job, eher im Gegenteil. Sexarbeit ist eine Wahl. Am Anfang steht meist die bewusste Entscheidung weniger für die Prostitution, sondern gegen ein anderes Leben, das die Gesellschaft eigentlich vorgesehen hatte. Und das nicht besonders berauschend ausgesehen hätte. Ferdinand beschreibt die Sache sehr nüchtern: "Wenn ich die Gründe meiner Berufswahl zusammenfassen soll, dann komme ich zu einem profanen Schluss: Moneten machen, ohne mich von Menschen gängeln zu lassen, die mir zähneknirschend die Gnade des Mindestlohnes erweisen und dafür über einen Großteil meiner Tageszeit bestimmen wollen."

Ulrike und viele andere sehen die Sexarbeit in einem positiven Licht: "An meinem ersten Arbeitstag im Bordell habe ich mit mehr Männern geschlafen als in meinem bisherigen Leben. Das hat sich ziemlich gut angefühlt – die vielen Komplimente, die intensiven Gespräche, der abwechslungsreiche Sex und das viele Geld. Davon hatte ich vorher zu wenig."

Respekt und Akzeptanz

Vielleicht sind diese Beschreibungen etwas rosarot. Der Band gibt einen Einblick – er ist keine statistische Auswertung. Oehler gelangte an seine 30 Personen, weil sie organisiert sind. Hier trifft man auf Personen, die sich ausdrücken können und ein sehr reflektiertes Verhältnis zu ihrer Arbeit haben. Zwangsprostitution findet sich hier nicht. Die Sexarbeiter sprechen lieber von Prekariatsprostitution. In ihrer Welt gibt es keinen fiesen Menschenhändler, aber ausweglose ökonomische Situationen. Im 19. Jahrhundert nannte man das Elendsprostitution. Doch heute erlaubt die Sexarbeit immerhin ein auskömmliches Leben. Früher hat der Staat mit diesen Frauen seine Arbeitshäuser gefüllt oder sie als defacto Ehesklaven in die Kolonien verfrachtet.

Es ist nicht der Job, der schmerzt, sondern die gesellschaftliche Stigmatisierung. Diese Ablehnung und Ausgrenzung herrschen nach wie vor, auch in einer vermeintlich liberalen Gesellschaft. Wenn auch der Druck der Kriminalisierung vorüber ist. Selbstverständlich ist Sexarbeit darum noch lange nicht. Wie würden wir, die Aufgeklärten, reagieren, wenn in der Kita bekannt würde, dass eine Mutter ihr Kind abgibt, um danach als Escort in ein Messehotel zu fahren? Das Getuschel kann sich jeder vorstellen und wenn man ehrlich ist, wäre man nicht frei davon. "Urteile nicht über ein Leben, das Du nicht selbst gelebt hast", hat Oehler seinem Buch vorangestellt.

Das könnte Sie auch interessieren:

Dieser Artikel enthält sogenannten Affiliate-Links. Mehr Informationen dazu gibt es hier.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker