Cartoons im Netz Schauplatz für den scharfen Strich


Was Youtube für Filme und Flickr oder View für Fotos sind, ist toonpool für Cartoons: ein Internet-Portal für alle, die Spaß am gezeichneten Witz haben. Schon nach vier Monaten haben die Berliner toonpool-Macher 500 Cartoonisten aus aller Welt mit rund 6000 Zeichnungen auf ihre Site ziehen können.
Von Almut F. Kaspar

Im realen Leben steht die 21-Jährige noch ganz am Anfang - als Studentin der Berliner Technischen Kunstschule im zweiten Semester - doch im Netz ist sie bereits ein Star. Mehr als 5000 Mal wurden ihre Bilder angeklickt. Das begehrteste Motiv ist eine verführerische Wies'n-Kellnerin - mit weit geöffneten Augen und prallem Dekolleté stemmt sie die schäumenden Maßkrüge dem Betrachter entgegen.

Marie Sann ist eine von etwa 500 Zeichnerinnen und Zeichnern, die auf toonpool.com ihre Werke ausstellen. Was Youtube für Filme ist und Flickr oder View für Fotos sind, das ist toonpool für Cartoons: ein Mitmach-Portal für alle, die Spaß am gezeichneten Witz haben. Das System ist so einfach wie bei den anderen Web-2.0-Angeboten: Die Nutzer können eine Profilseite anlegen, eigene Bilder hochladen und diese dann bewerten und kommentieren lassen. Gute Bilder mit vielen positiven Bewertungen landen ganz oben, die schlechteren verschwinden bald im virtuellen Nirvana.

Zwar gibt es die Website erst seit vier Monaten, doch mit rund 6000 Bildern, Karikaturen und Cartoons ist toonpool inzwischen eine feste Größe in der Zeichner-Community. Blutige Anfänger stehen neben berühmten Cartoonisten: Til Mette vom stern ist dabei, Rainer Schwalme von der "Berliner Zeitung", Klaus Stuttmann vom "Tagesspiegel", OL vom Berliner Stadtmagazin "Tip", Bernd Zeller von der "Titanic".

Berührungsängste gibt es keine. Unter den Bildern wird heftig kommentiert und kommuniziert. Es werden Kontakte geknüpft und Favoriten hinzugefügt. Und auch wer nur nach neuen Ideen sucht, wird schnell fündig. Eine Suchmaschine erleichtert die Fahndung nach ausgefallenen Motiven, abstrusen Themen und schrägen Künstlern.

Cartoonisten sind Einzelkämpfer

Gegründet wurde die Seite von dem Zeichner Bernd Pohlenz und dem Journalisten Karl Hermann. Beim Berliner "Tip" hatten sie vor Jahren ein Forum für junge Zeichner eingeführt - und dabei eine Marktlücke entdeckt. "Cartoonisten sind als Einzelkämpfer oft einsam", sagt Hermann, "sie brauchen den Austausch mit Kollegen, um sich zu reiben und Inspirationen zu erhalten".

Pohlenz, der schon seit Jahren zur etablierten Cartoon-Szene gehört, ist nebenbei Dozent an einer Kunstschule. Er hält nicht nur Kontakt zu berühmten Kollegen, sondern sorgt auch für Nachwuchs aus den Zeichenschulen: "Für die jungen Zeichner ist es wie ein Ritterschlag, wenn sie von Til Mette kommentiert werden." Betreut wird die Seite von seinem Sohn Max Pohlenz, einem passionierten Cartoon-Sammler und Video-Künstler.

Lange Tradition

Cartoons haben in Deutschland eine lange Tradition. Die ersten Karikaturen entstanden wahrscheinlich auf einer Schulbank: Pralle Strichweibchen wie die Lehrerin mit den großen Brüsten, von fröhlich pubertierenden Jugendlichen in das schorfige Holz einer tintenbefleckten Tischplatte geritzt. Später waren es dann Zeitschriften wie der "Simplicissimus", die sich in der Kaiserzeit über reaktionäre Politiker, satte Kapitalisten und verkalkte Aristokraten lustig machten. Cartoons, das konnte man auch an dem heftigen Streit über die Mohammed-Karikaturen erfahren, gilt vielen als Fortsetzung des Krieges mit zeichnerischen Mitteln. Und so mussten auch schon einige Karikaturisten ihren Mut zur Frechheit und offenen Meinung mit dem Verlust der Freiheit bezahlen.

Bei toonpool sollen sie nun alle zusammen kommen: Junge Comic-Zeichner und erfahrene Presse-Karikaturisten, Manga-Mädchen und Street-Art-Designer, politische Zeichner aus aller Herren Länder. Fast 50 verschiedene Nationalitäten sind bereits versammelt, darunter Künstler aus Polen, Russland, Frankreich, England, Kanada, Brasilien, Chile, Syrien und der Schweiz. Auch eine junge Zeichnerin aus Täbriz im Iran ist seit kurzem Mitglied. Und macht sich über einen Weihnachtsmann lustig, dessen Auto auf einer persischen Straße liegen geblieben ist. Fadi, ein Zeichner aus Syrien, hat ein Zebra gemalt, hinter dessen Streifen ein afrikanisches Kind wie hinter Gittern sitzt. Während Camacho aus dem Sudan den gebeutelten Kontinent als löchrigen Flickenteppich darstellt.

Humor, das ist die Botschaft, verbindet unterschiedliche Kulturen. Und so kann man neben einer bösen Zeichnung aus Rumänien, die eine muslimisch-verhüllte Justitia mit Waage und Sprengstoff-Gürtel zeigt, auch einen afghanischen Cartoon sehen, auf dem ein amerikanischer Militärroboter Gefangene auf "Guantana-Mars" bewacht. Jeder darf hochladen, was ihn bewegt. Eine Zensur findet auf toonpool.com nicht statt. Nur, wer offen zu Gewalt aufruft und sexistisch oder rassistisch ist, fliegt raus.

Von Brasilien in die Berliner U-Bahn

Bei toonpool.com ist ständig Betrieb: Während "Junior Lopes" aus Brasilien begonnen hat, seine Community-Kollegen zu porträtieren, werden andere Cartoons aus dem Pool direkt auf die 2500 Monitore des Berliner U-Bahn-Fernsehens überspielt, wo sie die rund 1,5 Millionen Fahrgäste erheitern - pro Tag, versteht sich.

Zusätzlich wollen die Betreiber des Cartoon-Portals nach und nach neue, zum Teil weltweit einzigartige Tools programmieren. So soll es bald möglich sein, ein Foto von sich hochzuladen, um sich zeichnen zu lassen - dazu werden Stilproben und Honorarvorschläge von den Künstlern aus aller Welt eingeholt. In der Rubrik "Inspire" wiederum können Nicht-Zeichner witzige Ideen oder Erlebnisse als Text eintragen, um diese zeichnen zu lassen, so dass sich kleine Teams aus Textern und Zeichnern bilden. Schließlich soll es irgendwann ein "Coaching Tool" geben, mit dem jeder noch so untalentierte User seinen eigenen Cartoon in Profi-Qualität zeichnen kann.

"Cöp icin ben bunu yapiyorum"

Damit sich die Künstler verständigen können, ist das Portal auf Englisch gestaltet. Doch kann beispielsweise auch ein Türke verstehen, was ein Künstler auf Deutsch formuliert, dazu gibt es ein Übersetzungs-Tool auf jeder Bildseite. So hat "fubu" den Dialog zwischen zwei Müllmännern von Til Mette - "Geld... Geld, was ist schon Geld...?!? Es ist der Müll, warum ich's mache“ - ins Türkische übersetzt: "Para... para nedir kine?!? Cöp icin ben bunu yapiyorum."

Andere Bilder kommen ohne Worte und Sprachen aus. Marcin Bondarowicz aus Polen hat die Quelle aller visionären Kunst gefunden: in einer Höhle in der Steinzeit. Im flackernden Licht einer Pech-Fackel malt ein Neandertaler neben Büffeln und Urzeitpferden ein geometrisches Gebilde an die Wand. Es ist der Grundriss eines modernen Appartements.

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