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Einar-Schleef-Ausstellung: Deutschlandbilder eines Wahnsinnigen

Sie hätten damit Millionen machen können. Doch die Erben von Einar Schleef warfen seinen malerischen Nachlass nicht dem Kunstmarkt zum Fraß vor. Stattdessen übergaben sie ihn der Stiftung Moritzburg in Halle an der Saale. "Einar Schleef - Der Maler" zeigt das künstlerische Werk des deutschen Schriftstellers und Regisseurs.

Von Frauke Hunfeld

Er war ein Außenseiter. Er war ein Wahnsinniger. Er war ein Stotterer. Er war ein Flüchtling. Er war Maler, Fotograf, Regisseur, Autor - einer der großen und einer der letzten Universalkünstler, er war ein Ostler, der sich nach dem Westen sehnte, der im Westen war und sich nach zuhause sehnte, der Zuhause war und Zuhause hasste: Einar Schleef, geboren 1944 in Sangerhausen, gestorben 2001 in Berlin an Herzversagen.

Was für ein Glück, was für ein Freude, was für eine Sensation, das sein gesamter malerischer Nachlass jetzt in Halle in einer großen Ausstellung gezeigt wird. Was für eine Freigebigkeit der Erben, die das großartige Werk dem Kunstmarkt zum Fraß hätten vorwerfen können und damit Millionen einspielen und stattdessen es der Stiftung Moritzburg in Halle an der Saale übergaben. Was für eine wunderbare Idee des Kurators Michael Freitag, diesen Nachlass in einem leerstehenden Betonklotz aufmarschieren zu lassen, der einst ein Kaufhaus war, in dem es immer das nicht gab, was man gerade wollte.

In den Zwängen des Hüben und Drüben

Schleef war einer von den im Osten geborenen in den Westen geflohenen Künstlern in diesen Jahren des kalten Krieges, die zerrissen wurden und sich zerrissen haben, weil immer dort, wo sie gerade waren, etwas fehlte. West und Ost, kein Hier und kein Zurück. "Zuhause, das sind die Eltern, der Vater, die Mutter, der Schulweg, das Kino, die Dörfer, das Gestrüpp, die Stadt, die man sein Leben nicht loswird" schreibtmalt er auf eine seiner Tafeln. "Nie mehr zurück, das verwinden, bis man ein eigenes Zuhause hat, das einen erstickt und auffrisst."

Es ist die deutsche Gegenwart, gespiegelt in seiner Seele, großflächig auf die Leinwand gebracht, mit Wut und Meisterschaft, für keinen Markt und kein Museum. Schaffen schien nicht die Kategorie gewesen zu sein, sondern Loswerden. Malen, so wie andere schreien, wenn es wehtut.

Es sind Porträts, gezeichnet und gemalt, die den Menschen auf diese Schleefsche Weise ins Gesicht sehen, und wenn man sie ansieht, dann begreift man, wie die Hertas und Hermanns, die Helgas und Siegfrieds und Martins aus Schleefs literarischem Werk ausgesehen haben könnten, die ihr eines Leben, dass sie nun mal nur haben, eingerichtet haben in den Zwängen des Hüben und Drüben.

Es sind die gemalten Deutschlandbilder, die Deutschland auf diese Schleefsche Weise ins Gesicht sehen, und wenn man sie ansieht, "Schwarz-Rot-Gold", "Ein Volk von Brüdern", "Im Todesstreifen", dann begreift man, wie die Deutschen aus Schleefs Werk sich eingerichtet haben in den Zwängen zweier verfeindeter Länder, die sie nun mal waren.

Es sind wieder Wörter, die zu Bildern werden, die zu Gefühlen werden, die einen schaudern lassen, die einen wärmen, die verzeihen. Wie sein Theater, das die Bühne verließ, und in schmutzige Hallen zog, über Stege und Bretter ins Publikum und am Ende sogar auf die Straße.

Der Höhepunkt dieser Ausstellung, ganz am Ende der Halle: die Serie "Die Klage". Ein Mann in einer Telefonzelle, achtzehnmal gemalt, ringend, lauschend, wartend. Mal als Umriss, mal als Mensch, mal nur ein Gespenst, bloß eine Ahnung. Ein Mann voller Heimweh, voller Sehnsucht, nach Verbindungen suchend in ein altes Leben, in das er nicht mehr zurück kann, in ein neues Leben, das er nie erreichen wird. Und dort, ganz im Dunkeln, vor den angestrahlten Bildern, da steht ein Mann an diesem Eröffnungstag, hofft, dass keiner ihn sieht, und weint.

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