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Einheitsdenkmal in Berlin: Die Freiheit in der Salatschüssel

Nun ist es also beschlossen: Deutschland bekommt ein "Freiheits- und Einheitsdenkmal" auf dem Berliner Schlossplatz. Aber warum nur? Und weshalb sieht es aus wie eine goldene Salatschüssel?

Von Anja Lösel

Gedenken ist schön. Warum also nicht ein weiteres Denkmal in Berlin bauen: für die Einheit und Freiheit, zur Erinnerung an die friedliche Revolution der DDR im Herbst 1989 und an den Mauerfall. Wunderbar eigentlich und seit gestern beschlossene Sache. Aber irgendwie ist der Wurm drin in dieser Idee: von Anfang an nichts als Pleiten, Pech und Pannen.

Seit vier Jahren gurken wir nun schon herum um das Thema. Der erste Wettbewerb zum gemeinsamen Denkmal aller Deutschen war ein Desaster: Keiner der 533 eingereichten Entwürfe hatte das Zeug zu einem prägnanten Statement. Stattdessen: jede Menge langweilige Kugeln und Säulen, ein paar Schlümpfe und eine goldenen Riesenbanane.

"Bürger in Bewegung"

Beim zweiten Mal durfte deshalb nicht mehr jeder Dahergelaufene mitmachen. Gezielt lud man Künstler und Architekten ein, die geeignet und schwergewichtig genug schienen, so ein Thema zu stemmen. 33 reichten einen Entwurf ein. Aber wieder konnte die 15-köpfige Jury sich für keinen Sieger entscheiden. Immerhin wurden drei gekürt, die überarbeiten sollten.

Nun steht das Gewinnerteam fest: Der Stuttgarter Architekt Johannes Milla und die Berliner Tänzerin und Choreografin Sasha Waltz. "Bürger in Bewegung" heißt ihre Arbeit, eine Schale aus Glas und Metall. An der Unterseite: Fotos aus dem Herbst 1989. Auf dem Asphalt darunter: Zitate zur friedlichen Revolution. Kulturstaatsminister Bernd Neumann findet das Ding toll, der Kulturausschuss des Bundestages hat es abgenickt.

Mit vereinten Kräften schwere Brocken bewegen

Der Clou an dem 50 Meter langen, gebogenen Ungetüm: Es darf, ja muss betreten werden. Denn nur wenn mindestens 50 Menschen drauf herumturnen, bewegt es sich, neigt sich zur einen oder anderen Seite, eine Art von riesiger Waage auf dem alten Sockel des früheren Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm - und Symbol dafür, dass man mit vereinten Kräften auch schwere Brocken bewegen kann. Sasha Waltz: "Wir können gemeinsam mit unseren Körpern die Erinnerung generieren." Schön wär's.

Aber was ist, wenn das Ding sich zur Fun-Maschine und zum Trimmgerät entwickelt? Wenn Horden von Touristen darauf herumturnen, ohne so recht zu wissen, was das soll? Ist dann die Würde der Einheit in Gefahr? Und wird dann der Platz vor dem noch zu bauenden Schloss zum Rummelplatz? Was ist, wenn Skater das Ding erobern? Oder wenn einer runterfällt, hinabgezogen von der Last der Geschichte? Braucht die Schüssel vielleicht Geländer, um das zu verhindern? Dann wäre es vorbei mit der Eleganz. Fragen über Fragen. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Zehn Millionen Euro darf der Spaß kosten, in drei Jahren soll alles fertig sein. Wenn das mal nicht schief geht. Die Einheit als Riesenwippe: Womöglich wird das Volk da ganz böse verschaukelt.