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Kommentar zum Einheitsdenkmal: Spart Euch die Kranzabwurfstelle!

Dass der Bundestag nun ein Einheitsdenkmal plant, ist schön - zumindest erinnert es an etwas Erfreuliches. Doch warum muss das Ding ausgerechnet in Berlin stehen - Berlin ist doch sowieso schon eine einzige Gedenkstätte.

Von Anja Lösel

Gedenken ist schön. Zu viele Mahnmale können allerdings die Freude am Gedenken trüben. Und wer an jeder Ecke auf ein anderes Denkmal stößt, der ist am Ende nur noch genervt. Nun also hat der Bundestag beschlossen, ein weiteres Denkmal in Berlin zu bauen: für die Einheit und Freiheit. Zur Erinnerung an die friedliche Revolution der DDR im Herbst 1989 und an den Mauerfall. Wunderbar eigentlich und ein guter Grund zum Feiern. Aber muss es denn ausgerechnet in Berlin stehen?

Berlin ist jetzt schon gepflastert mit Denkmalen. Da gibt es das Mahnmal für die Ermordeten Juden, gleich neben dem Brandenburger Tor, die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße und die Kreuze für die Maueropfer an der Spree, nahe dem Reichstag. Es gibt die Gedenkstätten Deutscher Widerstand im Bendlerblock, die Gedenkstätte Plötzensee, wo 3000 Menschen von den Nazis hingerichtet wurden und die Gedenkstätte im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. An vielen Stellen der Stadt zeigt ein Metallstreifen im Pflaster, wo einst die Mauer stand, es gibt alte DDR-Grenztürme und das private Haus am Checkpoint Charly. Grade im Bau ist die Topographie des Terrors, die an die Gräueltaten von SS und Gestapo erinnern soll. Mahnmale für die ermordeten Sinti und Roma und für die ermordeten Homosexuellen sind geplant. Wenn das so weiter geht, wird Berlin bald flächendeckend mit Denkmalen vollgestellt sein.

Nun also noch ein Denkmal. Immerhin wäre es das erste, das an etwas Erfreuliches gemahnt. Ideen dazu gibt es auch schon: zwei halbe Metallringe, die aus der richtigen Perspektive betrachtet einen ganzen Ring ergeben. Oder das Wort "Freiheit" ins Pflaster vor dem Brandenburger Tor eingelegt. Oder zwei Stählträger, die sich aufeinander zu biegen. Ja, das könnte man so machen. Aber muss es denn wirklich sein? Ist die gesamte Stadt Berlin nicht sowieso eine einzige Gedenkstätte?

Keine neue Kranzabwurfstelle

Eigentlich genügt es, einmal durchs Regierungsviertel zu laufen, um Einheit und Freiheit zu begreifen. Wer den Reichstag mit seiner neuen Kuppel sieht und die neuen Bundesbauten entlang der Spree, der begreift sofort, was hier seit 1989 gewachsen ist. Noch besser ist es, sich in einen der Spreedampfer zu setzen: Dann gleitet man vorbei an der "Schwangeren Auster", einem Geschenk der Amerikaner an das geteilte Berlin, vorbei am Kanzleramt mit seiner Kanzlerin aus dem Osten in der Partei aus dem Westen, vorbei an der Museumsinsel, die sich grade zu neuem Glanz erhebt und deren Häuser die Schätze aus beiden Teilen der Stadt wieder vereinen. Vorbei auch an der Abriss-Ruine des Palastes der Republik, wo die Volkskammer das Ende der DDR beschloss, und vorbei an der Oberbaumbrücke, die mal Grenzübergang war. Alles Orte, die an die wiederhergestellte Einheit erinnern - und zwar intensiver und lebendiger, als es eine Skulptur oder eine Schrifttafel jemals könnten.

Das wiedervereinte Berlin ist eine einzige, höchst lebendige Gedenkstätte - überall. Ein künstliche geschaffener Erinnerungsort dagegen könnte schnell zur reinen Kranzabwurfstelle verkommen, an der man sich nur ein einziges Mal im Jahr versammelt. Schon zum 9. November 2009 wollen die Politiker von SPD, CSU und FDP das Ding haben. Wo genau ist noch unklar, irgendwo in Berlin. Nicht in Leipzig jedenfalls, obwohl dort alles begonnen hatte mit den Montagsdemonstrationen und obwohl die Leipziger das Mahnmal gern auf ihren Augustusplatz gestellt hätten. Daraus wird nun nichts. Schade. In Berlin sind eigentlich schon alle Plätze belegt.