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Fall Fritzl als Theaterstück: "Keller Soap" empört Österreich

Kunst oder Krawall - noch bevor Josef Fritzl vor Gericht steht, bringt der Wiener Theatermacher und Provokateur Hubsi Kramar eine Satire über den Inzest-Fall auf die Bühne. Am 23. Februar soll "Pension Fritzl" in Wien Premiere feiern. Durch die Alpenrepublik geht ein Aufschrei der Entrüstung.

Von Thomas Soltau

Österreicher kennen wir zumeist als besonnenes, kaum aus der Ruhe zu bringendes Völkchen. Momentan jedoch treibt ein Mann mit dem harmlosen Namen Hubert "Hubsi" Kramar einigen unserer Nachbarn die Zornesröte ins Gesicht. Der Schauspieler und leidenschaftliche Aktionist will einen Fall auf die Bühne bringen, den die Österreicher lieber ganz unter den Teppich kehren würden: die Taten des Josef Fritzl. Der 74-Jährige sperrte seine Tochter 24 Jahre im niederösterreichischen Amstetten in einen Keller, vergewaltigte sie dort immer wieder und zeugte dabei sieben Kinder. Demnächst muss sich Fritzl für seine Verbrechen vor Gericht verantworten. Obwohl das Theaterstück noch gar nicht geschrieben ist, hat die bloße Ankündigung bereits für Furore gesorgt

"Alles, was Sie immer schon über die Fritzls wissen wollten", steht provokant auf der Website des Wiener 3raum Anatomietheater, in dem das Stück laufen soll. Nicht nur der geständige Inzest-Täter soll Ziel der Satire werden. "Im Keller unterm Teppich: Tiefer geht's nicht mehr: Einfach Nieder-Österreich", heißt es im Untertitel des Stücks, Regisseur Hubsi Kramar verspricht eine bissige Abrechnung mit der österreichischen Gesellschaft, den Medien und ein Wiedersehen mit den "bekanntesten und beliebtesten Österreichern". Näheres gab das Theater bis vor kurzem nicht über die makabre Seifenoper bekannt. Passend dazu weilte Regisseur und Hauptdarsteller Kramer länger im Ausland - für Anfragen nicht erreichbar. Das schürte die Neugier und das Interesse der Medien erst Recht.

Erfolg in "Schindlers Liste", Aufsehen durch Provokation

Die Frage lautet: Ist das nun kalkulierte Provokation oder Kunst eines Querkopfes? Kramar eckte angeblich schon in frühester Kindheit an. Er soll den Kindergarten in seiner Heimatstadt Scheibbs genau drei Tage besucht haben, bevor er ging. Später änderte sich an seiner Verachtung von autoritären Systemen nicht viel. Nach dem Besuch des Reinhardt-Seminars in Wien sowie der Film- und Musikhochschule und seinem Abschluss-Diplom in Harvard für kulturelles Management begann er seine Karriere als Schauspieler am Burgtheater. Auch auf den Bühnen renommierter Theater in Deutschland hielt er es nur einen Augenblick aus. Immer wieder verweigerte sich Hubsi Kramar dem etablierten Kunstbetrieb. Der linksliberale Künstler fühlte sich in seiner freien Meinungsäußerung viel zu oft behindert.

Filmrollen wie etwa die in "Schindlers Liste" ermöglichten es ihm, seine freien Theaterprojekte und Aktionen zu verwirklichen. Er gründete 1980 die Theatergruppe "SHOWinisten" und 1996 das Residenztheater im Museumsquartier. Der 60-Jährige verschaffte in einer späteren Aktion Obdachlosen deren ersten Urlaub am Meer.

Als Adolf Hitler auf den Opernball

Im Jahre 2000 gelingt ihm wohl der spektakulärste Auftritt: Im Zuge einer Protestaktion gegen die konservative Regierung wollte Kramar als Adolf Hitler kostümiert den Opernball besuchen. Dabei wurde er schließlich von der Polizei festgenommen. Seit drei Jahren leitet der Schauspieler das "3raum Anatomietheater" im dritten Wiener Gemeindebezirk. Neben Aufführungen laufen hier auch Performances, Konzerte, Filme, Feste und Literaturvorstellungen. Und im Februar nun "Pension Fritzl".

Wie immer bei politisch brisanten Themen lässt das gesellschaftliche Echo nicht lange auf sich warten. Ganz vorne an der Empörungsfront kämpft, wie so häufig, der rechtsorientierte Landtagsabgeordnete und Kultursprecher der FPÖ-Wien, Gerald Ebinger. Es handele sich um einen "unglaublichen Skandal, der nach harten Konsequenzen ruft", schimpft Ebinger. "Kramar", so der Abgeordnete, "möchte durch sein unappetitliches Schauspiel nicht nur die Amstettnerinnen und Amstettner verunsichern und verärgern, sondern hat offenbar auch vor, dem österreichischen Volk einen unbeschreiblich großen Schaden im Ausland zuzufügen", erklärt er in einer Pressemitteilung. Als notwendige Konsequenz verlangt Ebinger sogar die Schließung des Theaters. Ins gleiche Horn bläst der Rechtspopulist Michael Tscharnutter, der die sofortige Einstellung der Subventionen seines Theater von jährlich angeblich 150.000 Euro fordert.

"Satire stößt an moralische Grenze"

Immerhin reagiert der unter Dauerfeuer geratene Künstler zumindest auf die verbalen Attacken aus der rechten Ecke mit gewohnter Kampfeslust. Empörte Medienreaktionen akzeptiert er nicht: "Kennen die meine Arbeit? Sie haben keine Zeile und keine Szene gesehen und fallen über mich her, weil sie wissen, dass es eigentlich um sie selber geht. Sie haben durch ihre Berichterstattung die Opfer verhöhnt und damit Geld gemacht", holt Kramar zum Gegenschlag aus. Dennoch dürfte der Verweis auf Gesellschaftskritik allein für "Pension Fritzl" wohl kein Freibrief sein. Für Amstettens Bürgermeister Herbert Katzengruber jedenfalls steht Kramar mit seiner "Keller-Soap" auf glitschigem Untergrund: "Diesem Fall liegt unsagbares Leid zugrunde. Da stößt Satire an eine moralische Grenze", wie er in einem Interview betonte.

Dabei sind unsere Nachbarn durch den großen Thomas Bernhard doch in Skandalen reichlich geschult. Seine bitterbösen Texte lösten in schöner Regelmäßigkeit Debatten aus, die in Forderungen nach Aufführungsverbot und Ausbürgerung des Schriftstellers mündeten. "Vaterlandsverräter" und "Nestbeschmutzer" waren noch die harmlosesten Beschimpfungen für den großen Künstler. Krawall reloaded: Vor zehn Jahren wurde Thomas Bernhards "Heldenplatz" im Burgtheater aufgeführt. Damals tobten die Massen vor dem Theater, sogar eine Fuhre Mist wurde ausgeleert. Keiner kannte das Stück, aber die Medien hauten munter drauf. In die Fußstapfen, des Genies und Brandstifters Bernhards versucht offensichtlich der Wiener Theatermann Hubsi Kramar zu treten.

Tabus der Gesellschaft aufbrechen

Um die Wogen zu glätten, gab es in Wien nun eine kurze Pressekonferenz, die aufgrund von Gewaltdrohungen gegen Kramar gar unter Polizeischutz stattfand. Die Familie F. käme aus aus Pietätsgründen gar nicht vor, erklärt der Wiener. Vielmehr gehe es um den F. in uns, um die Ursachen. Inzest, Gewalt in den Familien gehören zu den größten Tabus unserer Gesellschaft. Die Opfer werden stets hinter einer Mauer des Schweigens versteckt, das ist Teil der patriarchalen Gesellschaft. Genau darüber mache er ein Stück.

Einst steht fest: Der Skandal wir vermutlich länger im Gedächtnis blieben als das Stück. Die Emotionen, die man sich bei der ausverkaufte Premiere gewünscht hätte, wurden wohl schon im Vorwege verfeuert. Früher oder später wird der Fall Fritzl leztlich in allen medialen Formen erscheinen. Josef Fritzl selbst hat noch vor kurzem erfolglos versucht, seine Vernehmungsprotokolle für vier Millionen Euro zu verkaufen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann TV-Dokus und Kinofilme laufen werden. Jetzt kommt ein Theaterstück auf die Bühnen, das mit Sicherheit vor allem eines wird: polarisieren.