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Herlinde-Koelbl-Ausstellung: Was machen die Leute eigentlich im Bett?

Sie fotografierte Intim-Tattoos und nackte Männer, dicke Frauen und extremen Haarwuchs, Deutsche in ihren Wohnzimmern und die Bussi-Bussi-Schickeria, Angela Merkel, Til Schweiger und Domenica. Über die Jahre ist Herlinde Koelbl zu einer Porträtistin Deutschlands geworden. In Berlin ist ihre erste große Bilderschau zu sehen.

Von Anja Lösel

Dass sie bald 70 Jahre alt wird, sieht man Herlinde Koelbl wirklich nicht an. Mit ihrem orangenen Lockendutt und der gleichfarbigen Jacke marschiert sie straff und dynamisch durch die Gegend - wie Joschka Fischer zu seinen fittesten Zeiten. Vor dessen Fotos bleibt sie stehen, im Berliner Gropiusbau, wo sie ihre erste große Überblicksausstellung hat. Dick, sehr dick sieht Joschka aus. 1991 war das, da hatte sie ihn zum ersten Mal fotografiert für ihre Serie "Spuren der Macht". Und dünn, sehr dünn ist er am Schluss der Bilderreihe 1998.

"Spuren der Macht" war Herlinde Koelbls beste Idee unter vielen guten. Sieben Jahre lang begleitete sie diverse Politiker, fotografierte und interviewte sie. Einfach weil sie neugierig war: Wird die Macht diese Leute verändern? Und wenn ja, was passiert mit ihnen, kann man ihnen den Erfolg, die Anstrengung, die Anspannung ansehen?

So ist sie, die gelernte Modedesignerin Koelbl: macht Bilder, weil sie selbst was erfahren will über die Menschen. Sie hat einen guten Riecher, ein Gespür für Themen. Die verfolgt sie stur und geradlinig und gegen jeden Widerstand.

Soziologische Studie Wohnzimmer

Als sie in den siebziger Jahren Deutsche in ihren Wohnzimmern fotografieren wollte, rieten ihr die Freunde ab: "Was willst du denn damit? Das interessiert doch niemanden." Sie zog es trotzdem durch, denn was sie selbst spannend findet, so glaubt sie, müsste doch auch ein paar anderen gefallen. "Das deutsche Wohnzimmer" wurde ein Riesenerfolg und brachte ihr den Durchbruch. Heute wirkt es fast wie eine soziologische Studie aus vergangenen Zeiten: Wie da der Bauer mit dem Kachelofen wohnt, der Stadtrat mit den Hirschgeweihen, und der Großdichter Martin Walser mit seinen Teppichen. "Das Wohnzimmer als Spiegel des Charakters". Sie muss gar nicht lang suchen nach solchen Themen: "Die kommen zu mir", sagt sie.

Als die Kanzlerin noch Kohls Mädchen war

Mit den "Spuren der Macht" hatte Herlinde Koelbl besonderes Glück: Drei der Leute, die sie 1991 aussuchte, waren damals zwar bekannte Politiker, aber was aus ihnen werden könnte, ahnten nicht einmal sie selbst. Angela Merkel, Gerhard Schröder und Joschka Fischer hießen sie. Ein niedersächsischer Ministerpräsident, ein hessischer Umweltminister in Turnschuhen und eine Frau, die "Kohls Mädchen" genannt wurde. Auf dem ersten Bild blickt Angela Merkel mit kindlichem Augenaufschlag von unten in die Kamera, lieb, harmlos und brav.

Koelbls jährliche Fototermine und vor allem die parallel dazu geführten Interviews fand sie "unglaublich lästig", dachte sich gar: "Was soll der Quatsch?" Aber irgendwann musste sie zugeben, "dass ich offensichtlich doch eitel genug bin, Ihr Projekt interessant zu finden." Als Angela Merkel dann 2005 Kanzlerin wurde, klopfte Koelbl noch einmal bei ihr an, obwohl die Serie längst zu Ende war. Diesmal ließ sie sich bereitwillig fotografieren. Und Joschka Fischer gestand am Ende sogar: "Sie werden mir fehlen. Das hatte was, alle Jahre wieder befragt zu werden."

"Mein Blick" heißt die große Ausstellung, mit der Koelbl nun im Martin-Gropius-Bau geehrt wird. 250 Bilder aus drei Jahrzehnten sind zu sehen, es ist ihre erste Retrospektive. Manches wirkt ein bisschen selbstverliebt. Im Foyer etwa sieht es aus wie in einem schlechten Prominentenrestaurant. Fotos von Schauspielern, Politikern, Großjournalisten hängen da dicht an dicht: Hannelore Elsner und Til Schweiger, Helmut Kohl und Renate Künast, Alice Schwarzer und Matthias Döpfner. Aber man guckt ja so was gern.

Karrierestart mit Kinderporträts

Angefangen hatte Herlinde Koelbl mit Porträts der eigenen Kinder. Einige davon, wie das nackte Mädchen auf dem Baum, sind sensationell und nehmen sogar die Bilder des Fotokünstlers Wolfgang Tillmans vorweg. Spätere Aufnahmen sind viel berechnender, inszenierter, weniger spontan.

Aber Porträts kann sie. Da merkt man, das sie den Menschen nahe kommt, sie aus der Reserve lockt. Tom Wolfe schwingt vergnügt wie ein Kind auf der Schaukel. Die steinalte Künstlerin Louise Bourgeois nuckelt kokett an einer Coladose und guckt frech in die Kamera. Wolfgang Joop hat für Koelbl sogar den Oberkörper entblößt, so dass man seine völlig ungelifteten, gar nicht straffen Brüste sieht. Und Peter Klaus Schuster, Berlins Ex-Generaldirektor der Staatlichen Museen, posiert mit verschränkten Armen und Ausfallschritt: ein Geck im dunklen Anzug.

"Ich lese, telefoniere und wichse

Dann die Haar-Bilder. Wieder so ein Koelbl-Thema: Haare im Gesicht, Haare auf der Brust, Wuschelhaare, Intimhaare. Klar, dass daraus sogar eine stern-Story wurde: sehr dekorativ, ein wenig zu glatt. Die Männerakte. Die starken Frauen. Die feinen Leute. Und die Bett-Serie, in der auch der junge Christoph Schlingensief auftaucht. Verträumt liegt er auf einer Matratze am Fußboden. Was er so zu machen pflegt in seinem Bett, hat Koelbl ihn gefragt. Und Schlingensief antwortet: "Ich lese, telefoniere und wichse."

Misslungen ihr Experiment der abstrakten Fotos. Allzu gewollt ist die Gegenüberstellung von feinen Damenbeinen und ornamentalen Fundstücken. Anrührend die Bilder aus dem Sterbehospiz oder aus einem traurigen Tanzcafé in Bad Kissingen.

Jüdische Porträts und Witze

Am allerschönsten und wirklich aufwühlend sind ihre jüdischen Porträts, die sie zwischen 1985 und 1989 machte. Der Älteste war damals 94, der Jüngste 70 Jahre alt, viele sind heute schon tot. Den eindringlichen Schwarz-Weiß Fotos hat sie Zitate gegenübergestellt. Die kluge Schriftstellerin Grete Weil etwa sagt: "Man lebt nicht vier Jahre lang unter einer andauernden Todesgefahr, ohne dass etwas davon bliebe." Mit dem wunderbaren Theatermacher George Tabori unterhält Koelbl sich über jüdische Witze. Die könnten Distanz schaffen zur Katastrophe, erklärt er ihr. Und fragt dann: "Kennen Sie den kürzesten deutschen Witz überhaupt?" Nein. "Auschwitz."

Was kann man dem noch hinzufügen? Eigentlich nichts. Aber Herlinde Koelbl kann nicht aufhören, will "abenteuerlustig bleiben" und "nicht in geistige Trägheit verfallen”" Wieder hat sie ein Thema gefunden, diesmal heißt es "Uniformen". Natürlich geht es um Menschen: in Dienstkleidung und privat. Ein Leutnant aus Ulan Bator etwa ist da zu sehen, mal streng in Blau mit Schirmmütze, mal lässig in Beige und ohne Socken. Eine asiatische Dame mit kurzem Uniformrock und hohen Stiefeln - und im modischen grünen Pullover, in dem sie gleich um zehn Jahre jünger wirkt. So soll es weiter gehen: mit Priestern, Schaffnern, Krankenschwestern, allen, die eine Art von Uniform tragen - und sich verändern, sobald sie sie ablegen. Könnte mal wieder spannend werden bei Herlinde Koelbl.