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Historische Detektivarbeit Mann aus Polen spürt von Nazis gestohlene Kirchenglocke in Münster auf

Hans Manek und Prof. Dr. Thomas Flammer vor der Glocke
Der gebürtige Pole Hans Manek (links) und Prof. Thomas Flammer vom Bistum Münster vor der Glocke
© Bistum Münster
Seit Jahren waren Gemeindemitglieder aus Sławięcice auf der Suche nach Informationen über den Verbleib der örtlichen Kirchenglocke. War sie im Krieg eingeschmolzen worden – oder gab es sie noch? Dann machte der Pastor eine Entdeckung.

Eines Tages begann Pastor Marian Bednarek aus dem Ort Sławięcice im Süden Polens darüber nachzugrübeln, was wohl mit der jahrhundertealten Kirchenglocke seiner Gemeinde geschehen war. Das in den 40er Jahren noch schlesische Sławięcice hatte damals, wie fast alle Gemeinden, die Glocke den Nazis übergeben müssen, die die Bronze als Reserve zur Waffenherstellung brauchten.

Und während rund 80.000 Kirchenglocken tatsächlich eingeschmolzen worden sind, blieben einige verschont. Bednarek wollte herausfinden, ob die Glocke aus Sławięcice vielleicht dazu gehörte – und was mit ihr geschehen war. Und falls er sie aufspüren konnte, wollte er sie zurück an ihren angestammten Platz bringen. Mit diesem Vorsatz begann der Pastor seine Detektivarbeit, bei der ihn bald auch ein ehemaliger Einwohner des Ortes unterstützte: Hans Manek, der inzwischen in Deutschland lebte. Er bot an, vor Ort nachzuforschen.

Was war mit der Glocke geschehen?

Zwei Jahre lang recherchierte Hans Manek. Er fand heraus, dass fast alle Glocken, die nach dem Krieg noch erhalten waren, auf einem Platz in Hamburg gesammelt wurden – dem sogenannten "Glockenfriedhof". In der Nachkriegszeit wurden die alten und wertvollen Stücke dann nach und nach wieder in ihre ursprünglichen Kirchen zurückgebracht – sofern diese noch standen.

Doch eine Gruppe Glocken blieb übrig: die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Wegen Konflikten unter den Besatzungsmächten wollten die Briten, die Hamburg verwalteten, diese Kirchenglocken nicht aushändigen. Also blieben sie noch eine Weile in Hamburg, wurden dann aber provisorisch auf verschiedene Kirchen im Land verteilt. Und vergessen.

Der Pastor machte eine Entdeckung

An diesem Punkt geriet die Detektivarbeit der Gemeindemitglieder ins Stocken. Die Glocke konnte fast überall in Westdeutschland sein. Wie sollten Manek und seine Mitstreiter jetzt herausfinden, wo genau sie suchen mussten? Doch sie hatten nicht mit der Entschlossenheit des Pastors gerechnet. Marian Bednarek begann nämlich, sich in Bücher zu dem Thema zu vertiefen – und stolperte eines Tages über einen winzigen, jahrzehntealten Eintrag in einer Liste der Kirchenglocken des Bistums Münster. Dort war die Glocke aus Sławięcice aufgezählt!

Die Gemeinde nahm sofort Kontakt mit dem katholischen Bistum auf. Dort musste man selbst erst einmal überlegen und nachforschen, was es mit der Glocke auf sich hatte. Man fand die Glocke aus dem Jahr 1555 schließlich – seit Jahrzehnten abgestellt in einem kleinen Innenhof des Bistums.

Die Glocke wird nach Sławięcice zurückkehren

Sobald die Corona-Pandemie so weit unter Kontrolle ist, dass Reisen und Transport wieder unproblematisch möglich sind, soll die Glocke wieder zurück in die St.-Katharinen-Kirche nach Sławięcice gebracht werden. Offiziell allerdings nur als Dauerleihgabe, denn rechtlich betrachtet ist sie Eigentum des deutschen Staates.

Das ist den Gemeindemitgliedern aber erst einmal egal, und auch die coronabedingte Wartezeit nehmen sie gelassen. "Nach 77 Jahren kommt es auf einen Monat mehr oder weniger auch nicht mehr an", sagt Hans Manek.

Quellen:  BBC,  Bistum Münster

wt

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