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Olafur Eliasson: Zauberei aus Licht und Luft

Seine künstliche Sonne lockte zwei Millionen Menschen in das Londoner Museum Tate Modern. Jetzt will der Däne Olafur Eliasson Wasserfälle in den New Yorker East River bauen. Kunst, so findet er, soll schön sein und Spaß machen.

Von Anja Lösel

Ja, es stimmt, er war skandinavischer Breakdance-Meister. Aber das ist lange her. Jetzt zaubert Olafur Eliasson Regenbögen herbei und Nebelfelder, sperrt Seen und Eisberge in Häuser und lässt Wasserfälle rückwärts fließen. Man könnte das Kitsch nennen. Oder Balsam für die Seele. Aber es ist Kunst. Sehr begehrte, sehr gut bezahlte Kunst.

Einmal, das war sein Meisterwerk, ließ Eliasson fünf Wintermonate lang ununterbrochen die Sonne aufgehen. Einfach so, mitten in der großen Halle des Museums Tate Modern. Zwei Millionen Besucher strömten herbei, um das Wunder von London zu sehen. Sie legten sich auf den Boden, starrten stundenlang auf den orangefarbenen Lichtball und die wabernden Nebelschwaden, formten aus ihren Körpern Peace-Zeichen, guckten sich dabei in der Spiegeldecke zu und sangen Lieder. Es war eine Stimmung wie in Woodstock.

Olafur Eliasson, 40, Däne mit isländischen Wurzeln, weiß selbst nicht so recht, was er von seinem Erfolg halten soll. Der Sohn einer Näherin und eines Kochs mit Alkoholproblemen ist berühmt und will es nicht sein. Neulich wurde eins seiner kleinen Kaleidoskope für 89.000 Euro versteigert. Große Arbeiten kosten ein Vielfaches und kommen gar nicht erst auf den Markt, weil Museen und Sammler sie schon in der Entwicklungsphase kaufen. Eliasson aber sagt: "Ruhm ist ein Missverständnis." Etwas für Partygänger und Geltungssüchtige. Er will arbeiten, behauptet er, sonst nichts. "Ich versuche, mich aus der Glamour-Schiene rauszuhalten."

Eliasson will jeden Wunsch erfüllen

Nett ist er. Keine Allüren. Keine Zicken. Steht einfach nur in seinem 1400- Quadratmeter-Studio mitten in Berlin und redet: von seiner großen Ausstellung in New York (20. April bis 30. Juni im Museum of Modern Art). Von den vier Wasserfällen, die er für den East River in New York plant. Von der Schau in der Berliner Galerie Neugerriemschneider (ab 3. Mai). Und von der Oper "Phaedra", für die er kürzlich das Bühnenbild entwickelt hat. Eigentlich mag er Oper gar nicht. Aber wer sagt schon Nein zu einer Zusammenarbeit mit der Komponistenlegende Hans Werner Henze? Überhaupt kann er schwer Nein sagen, er will einfach für alle da sein, jeden Wunsch erfüllen. Olafur Eliasson lächelt scheu hinter seiner strengen Brille. Bisher ist ja immer alles gut gegangen.

Sein Hemd sieht aus, als hätte einer mit der Nähmaschine immer wieder raufund runtergestichelt und dabei alle bunten Fadenreste verbraucht. Von der Mama genäht? "Nein, von einem Afrikaner", sagt er. Dezenter Hinweis auf sein Äthiopien- Engagement: Zwei bis fünf Prozent seiner Einnahmen gehen an ein Waisenhaus, und auch seine beiden adoptierten Kinder stammen aus dem ostafrikanischen Land.

Olafur Eliasson ist der Daniel Düsentrieb der Kunst: Bastler, Erfinder, Konstrukteur. "Sich selbst beim Sehen sehen" heißen seine Werke, "Raum für eine Farbe", "Der sehr große Eisboden" oder "Lichtwelle". Sie alle entstehen in Berlin.

Mehr als 50 Pläne und Aufträge

In einem acht Meter hohen ehemaligen Bahndepot gleich gegenüber dem neuen Hauptbahnhof experimentiert der Künstler mit 30 Spezialisten in einer Art von Alchimistenküche: Architekten, Physiker, Ingenieure. Auch zwei Köchinnen sind dabei, heute gibt es Muschelnudeln mit Auberginen, Zucchini und Feta. Jeden Tag wird gemeinsam zu Mittag gegessen. Eine kleine, eingeschworene Gemeinde. "Meine Leute sind für mich wie eine Brille, durch die ich die Welt besser sehen kann", erklärt Eliasson.

Als "Mittelstandsunternehmer der globalisierten Kunst" hat ihn mal jemand bezeichnet. Tatsächlich stehen oft mehr als 50 Pläne und Aufträge auf seiner Liste. Galerist Tim Neuger muss ihn dann bremsen: nicht so viel reisen, auf die wichtigen Projekte konzentrieren. Aber das kann Eliasson schlecht, nur selten zieht er sich in den Büropavillon hinten im Birkengarten zurück und entspannt dort im weißen Sessel. Noch seltener bolzt er einfach mal mit dem Fußball im Gras herum.

Manchmal beschwert sich sein Adoptivsohn Zakarias, dass Papa zu viel für andere da ist, für all die Menschen in Berlin, New York, San Francisco, Tokio und Reijkjavik, und dass er zu selten zu Hause ist in Hellerup bei Kopenhagen. "In meiner Familie waren alle Männer Fischer, immer unterwegs. Mein Leben ist leider genauso", sagt Eliasson. Er muss raus in die Welt, er hat eine Mission: "Ich glaube an die gesellschaftliche Macht, an die Stärke der Kunst."

Seine Werke sind einfach und doch kompliziert

Die Museen machen so viel falsch, findet Eliasson. Kunst wird zu oft wie ein Heiligtum zelebriert. Dabei wäre es doch besser, wenn man laut sein dürfte, diskutieren, streiten, singen, tanzen könnte. Oder sich einfach nur gemeinsam auf den Boden legen und genießen dürfte, wie beim Sonnenaufgang in London. Menschen, die sonst nie mit Kunst in Berührung kommen, lieben seine Werke, weil sie einfach sind und doch kompliziert. Sie bestehen oft nur aus Licht, Luft, Wasser und ein paar Parabolspiegeln. Aber sie sind unbeschreiblich schön. Sie verblüffen durch optische Täuschungen und machen Spaß wie die Spiegelkabinette auf dem Rummelplatz. "Kunst muss wieder etwas für alle werden", sagt Eliasson. "Sie muss mit unserem Leben zu tun haben."

Um das zu erreichen, lässt er sich auch auf Projekte ein, die vornehmere Künstler verabscheuen. Schaufensterdekorationen für Louis Vuitton etwa. Oder das BMW Art Car, eine Promotion-Aktion mit dem Münchner Autobauer. Allerdings pinselte Eliasson nicht einfach den Lack des Autos bunt, wie es seine Vorgänger Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder A. R. Penck gemacht hatten. Er verpasste dem Versuchsfahrzeug H2R eine wundersam poetische Eiskarosserie - zu sehen ab 29. Mai in der Münchner Pinakothek der Moderne.

Beim letzten Sommerfest, das Olafur Eliasson mit Freunden, Galeristen und Sammlern feierte, konnten alle das Auto besichtigen. Es regnete, die Gartenparty musste ins Studio verlegt werden, mit Grillen war nichts, und dummerweise ging auch noch der Kühlgenerator kaputt. Und plötzlich, ganz ungeplant und überraschend, sah man die Karosserie des Eisautos H2R ohne Eis. Tausende von Metallplättchen blinkten und glitzerten: wunderschön - und perfekt auch ohne die gefrorene Hülle. Manchmal braucht es eben den Zufall, um wahre Schönheit zu entdecken.

Nächstes Projekt: Vier künstliche Wasserfälle im East River

Jetzt muss Olafur Eliasson sich auf New York konzentrieren. Vier künstliche Wasserfälle will er im Juli in den East River setzen. 15 Millionen Dollar lässt die Stadt sich das Spektakel kosten, alles von Sponsoren finanziert. Zuerst wird das Wasser auf eine Art Baugerüst gepumpt, um dann aus 40 Meter Höhe zurück in den Fluss zu stürzen. Besucher können vom Ufer oder vom Boot aus zugucken, von einigen Punkten sind sogar alle vier Wasserfälle gleichzeitig zu sehen. Eine schon jetzt umstrittene Attraktion, von der sich Bürgermeister Michael Bloomberg Einnahmen von 55 Millionen Dollar erhofft. Reines Touristenspektakel? Nein, sagt Eliasson. "Es geht um Wasser im öffentlichen Raum. Um Denkanstöße zu Politik, Umweltschutz und Stadtplanung."

Plötzlich sieht Eliasson klein und ängstlich aus. Das Studio, bis vor Kurzem noch voll mit Kunst, ist fast leer. Alles weg, auf dem Weg nach New York, zur großen Überblicksausstellung. Auch das Eisauto samt Kühl-Iglu ist abtransportiert. Nur ein paar Lavabrocken aus Island liegen herum. Und ein einsames Kugel-Kaleidoskop hängt von der Decke und sendet blaue und silberne Reflexe durch den Raum.

Bald wird auch Olafur Eliasson von hier verschwinden. Die einst trostlose Gegend hinter dem Hamburger Bahnhof wird gerade entdeckt, Graft, die Architekten des Hollywoodstars Brad Pitt, sind schon da. Galerien und schicke Büros machen sich breit. Nichts für Eliasson. Er braucht das Rohe, Raue, Ruppige. Und vor allem Platz, viel mehr Platz. Auf den Pfefferberg will er, diese seltsame Insel mitten in Berlin, umgeben von stark befahrenen Straßen und doch abseits vom Trubel. Dort entsteht gerade ein neues Atelierhaus für ihn und seine Mitarbeiter. Vielleicht bekommt er ja sogar wieder Lust auf Breakdance.

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