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Kunstsammler: Brombeereis und Kunstgenuss

Berlin, die Hauptstadt der Galerien und Museen, schickt sich an, auch Hauptstadt der privaten Kunsträume zu werden. Filzpantoffelbewehrt und eisschlürfend kann man oft wahre Raritäten entdecken - denn "alle Sammler sind Triebtäter"!

Von Anja Lösel

Würden Sie Ihre Wohnung öffnen für jeden x-Beliebigen, der mal einen neugierigen Blick hinein werfen möchte? Erika Hoffmann macht das schon seit zehn Jahren. Und immer mehr Berliner Sammler tun es ihr nach: Sie zeigen ihre Kunstsammlung in den eigenen, ganz privaten Räumen. Offenbar ein Genuss für beide Seiten: Manche Besucher sind "so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen", sagt die Sammlerin. "Und mich berührt es sehr, wie berührt die Leute sind."

Auf Filzpantoffeln durch die bewohnte Sammlung


Leicht macht sie es ihren Besuchern nicht. Sie müssen sich anmelden, Filzpantoffeln anziehen, eine Führung buchen - und sich mit schwieriger Kunst auseinander setzen. Mit den Fotos alter, nackter Frauen aus Japan etwa: schockierend und doch seltsam würdevoll und schön. "Hier ist es eher anstrengend als unterhaltend", sagt die feine, zarte Erika Hoffmann, die selbst ein bisschen wie eine vornehme Japanerin wirkt. "Es ist eine bewohnte Sammlung." Jeden Sommer wird neu geordnet, ausgetauscht, frisch gehängt. Und so wandelt man dann auf Filzpantoffeln durch die edel und sparsam möblierten Räume, vorbei an Desinger-Sofas und einsamen Sitzecken, bis man als Höhepunkt der Tour das große, hohe Wohnzimmer erreicht mit der riesigen Arbeit von Frank Stella auf der einen Seite und dem Bild von Sigmar Polke auf der anderen.

Erika Hoffmann und ihr 2001 gestorbener Mann Rolf waren die ersten in Deutschland, die ihre private Sammlung in den eigenen Räumen der Öffentlichkeit zugänglich machten. Als sie 1995 die ehemalige Fabrik für medizinische Geräte in der Sophienstraße kauften, war der Backsteinkomplex unansehnlich und heruntergekommen. 1997 zogen die Hoffmanns ein und nahmen sich vor "die Diskussion zwischen Ost und West anzuregen." Das hatten sie zuvor schon in Dresden versucht, waren aber gescheitert mit ihren Plänen eines privaten Sammlermuseums. Weil sie "nicht mit der Enttäuschung sitzen bleiben wollten", sahen sie sich in Berlin um. "Wir wollten etwas anbieten, was hier fehlte."

Berlin - die Hauptstadt der privaten Kunsträume


Nun machen immer mehr Sammler es ihnen nach. Berlin, die Hauptstadt der Galerien und Museen, schickt sich an, auch Hauptstadt der privaten Kunsträume zu werden. Der Reiz daran: Sie sind unabhängig von öffentlichen Geldern und dem Zwang zu Ausgewogenheit. Deshalb glänzen sie mit Kunst, die nirgendwo anders zu sehen ist: unbequem, skandalös, vergessen oder einfach nur unentdeckt. Das können Werke von renommierten Künstlern wie Thomas Demand oder Olafur Eliasson sein, die in der Stadt leben und arbeiten, aber in keinem Berliner Museum ausgestellt sind. Oder Arbeiten junger Künstler wie Thomas Moren, die einfach noch keiner kennt. Sammler, die sich bisher hinter verschlossenen Türen an ihren Gemälden ergötzten, zeigen nun, welche Schätze sie hüten: in ihren Wohnungen, in angemieteten oder neu gebauten Ausstellungsräumen.

Oder an extravaganten Orten wie dem Bunker des Wuppertaler Werbers Christian Boros. Der Mann muss verrückt sein, denkt man als erstes, wenn man seine Räume betritt. Aber er ist einfach nur besessen von der Kunst. Der Inhaber einer Wuppertaler Werbeagentur hat sich einen Bunker mit drei Meter dicken Wänden gekauft. Mitten in Berlin. Mehr als vier Jahre ist das her, und alle hatten ihm damals abgeraten, das Ding für seine Kunstsammlung umzubauen: zu eng, zu schwierig, zu teuer. Aber: "Mich hat nie interessiert, was leicht zu haben ist", sagt Boros. Er legte einfach los, ließ mit Diamantsägen Wände und Decken herausfräsen, bis eine raffinierte Raumfolge über fünf Stockwerke entstand. Am Ende kostete alles doppelt so viel wie geplant: "Ein zweistelliger Millionenbetrag". Ab April sollen im Bunker spektakuläre Werke von Damien Hirst, Jonathan Meese, Daniel Richter und vielen anderen Platz finden. Denn nur in Berlin, so glaubt Boros, gibt es genügend Leute, die wirklich schätzen, was er da in den letzten 17 Jahren angehäuft hat.

Wohnen über dem Kunstbunker


Der Clou: Auf das Dach des Bunkers setzte Boros ein megaschickes Wohnhaus im Stil Mies van der Rohes: mit viel Glas, rohen Betonwänden und Muschelkalkboden, Pool und Garten. Dort verbringt er schon jetzt mit Ehefrau Karen und den beiden Söhnen seine Wochenenden über den Dächern von Berlin. Und lädt regelmäßig Freunde und Künstler zum Essen, um "die Bilder mit anderen zu teilen". Niemals käme er auf die Idee, Picasso zu sammeln: "Mit dem kann ich ja nicht reden."

Software-Entwickler Ivo Wessel mag es gern ein wenig bescheidener. In einem mit Efeu bewachsenen Hof an der Chausseestraße wohnt er quasi im Schaufenster. Über drei Etagen hat Wessel im Hinterhaus seine Sammlung eingerichtet. Jeder darf kommen und gucken, wer Glück hat wird sogar mit Brombeereis oder Obstspießchen bewirtet.

Brombeereis und Kunstgenuss


"Kunst ist meine Obsession", sagt Wessel. Schon als Student fing er an zu sammeln. Der schlaksige Typ, den man eher auf 24 als auf seine tatsächlichen 42 Jahre schätzen würde, hat 34 Semester Informatik studiert, dann brach er das Studium ab, weil er auch ohne Examen genug verdiente. Immer noch gibt er "alles Geld für Kunst aus", streift fast jeden Tag durch Ateliers, Ausstellungen, Messen. Es geht nicht anders.

Eine Fliege brummt im Raum herum. Zu sehen ist sie nicht. Ivo Wessel lacht: Ein Sound-Beamer lässt das Geräusch umherschwirren. Kunst von Via Lewandowski: "Der ist einer meiner Hausgötter".

Gelb ist seine Lieblingsfarbe: Stühle, Bettzeug, T-Shirt, der Lotus-Sportwagen. Sogar dort hängt ein Bild: von Karin Sander. Kürzlich war es mal in einer Galerie ausgestellt: samt Auto! "Ich musste das Bild nicht mal vom Haken nehmen!"

Die meisten Werke in seiner Sammlung "brauchen Steckdosen", denn Ivo Wessel liebt Videokunst und bewegliche Objekte. "Mit der Figuration kann man mich jagen." Manchmal tanzt er mit seiner Freundin zur donnernden Musik eines Videos von Björn Melhus. Oder er liest und lässt nebenbei einen Film der Australierin Tracey Moffatt laufen: Explosionen, Überschwemmungen, Hochhaus-Einstürze am laufenden Band - lauter Weltuntergangsszenen aus Katastrophenfilmen. Dabei kann er am besten entspannen.

Raus aus der Latzhosenzentrale


Wilhelm Schürmann 65, ist ein alter Hase. Fast sein ganzes Leben hat er mit Kunst im Rheinland verbracht: als Fotograf, als Hochschullehrer, als Sammler. Aber jetzt ist "Köln in den Status eines Kuhdorfs zurückgefallen und die Südstadt eine alt gewordene Latzhosenzentrale." Deshalb zieht es ihn weg: nach Berlin. Am Rosa-Luxemburg-Platz, direkt gegenüber der Volksbühne, hat Schürmann einen Kunstraum eröffnet, hier zeigt er Werke aus der eigenen Sammlung.

"Kunsthalle spielen" will er nicht, "das wäre ja peinlich". Stattdessen richtet er kleine, feine Ausstellungen "auf der Kammerkonzert-Ebene" aus und zeigt, was die Museen sich nicht zu zeigen trauen. Die geheimnisvollen Waldbilder von Thomas Mohren etwa: "Keine lecker geschleckte Fotografie, sondern einfach ein Hammer."

Schürmann will nicht Kunsthalle spielen


"Früher war Kunstsammeln ein angeschimmelter Wettbewerb für Doofe. So ein Männerding, bei dem nur die Potenz vermessen wurde", sagt Schürmann verächtlich. Jetzt gibt es "tolle Sammlerkollegen", die Verantwortung für ihre Künstler übernehmen und es ähnlich halten wie er. "Hier gibt es so viele, da bin ich nur ein kleiner, anonymer Pixelpunkt. Wenn ich was Gutes mache, werde ich wahrgenommen. Wenn‘s schlecht ist, bin ich schnell vergessen."

Schürmanns eigenen Fotos wurden vor zwei Jahren als Sammlerobjekte entdeckt. Alles, was er damit einnimmt, gibt er sofort wieder für Kunst aus, und zwar "nur für das Allerfeinste".

Sammler sind Triebtäter


"Ich fahre volle Kanne Risiko", sagt Axel Haubrok, 56, Unternehmensberater aus Düsseldorf. Weil er keine Millionen zur Verfügung hat, muss er schnell sein. Das war nicht immer so, aber der Kunstmarkt ist aufgeheizt, alles "so gehypt. Es ist doch pervers, dass Kunst von Damien Hirst heute so teuer ist wie ein Tizian".

Vor 20 Jahren fing Haubrok an zu sammeln. Rund 500 Werke besitzt er heute, fast ausschließlich Konzeptkunst, darunter Arbeiten von Wolfgang Tillmans, Gregor Schneider, Olafur Eliasson.

"Alle Sammler sind Triebtäter", sagt Haubrok, regelmäßig experimentiert er herum und organisiert extravagante Austellungen. Einmal hängte er alle Bilder auf die Höhe von 1,82 Metern, exakt seine eigene Körpergröße. Ein anderes Mal zeigte er nur Künstler, deren Name mit B anfing. Das war zu Hause in Charlottenburg, wo die Haubroks gern ihre Wochenenden verbringen, weil "Berlin im Augenblick der interessanteste Ort der Welt ist". Regelmäßig kamen um die 400 Leute. Aber dann wurde ihnen das zu viel, das Sofa war schon ganz abgenutzt, und außerdem wollte Haubok auch mal Projekte verwirklichen, die größer waren als die Wohnung.

Er fand 280 Quadratmeter mit Blick auf die Karl-Marx-Allee. Dort zeigt er jetzt seine "Haubrokshows", zum Beispiel ein "Storage Piece" von Haegue Yang, das er in verpacktem Zustand gekauft hatte - als eine Art von künstlerischem Überraschungsei. Am Vorabend des Kunstmarktes Artforum wurde es ausgepackt und Haubrok sah zum ersten Mal, was er da eigentlich erworben hatte. Solche Experimente liebt er.

Engagiert und risikobereit


"Wir Sammler gehen große Risiken ein", sagt er. "Und wir sind selbstbewusster geworden." Deshalb glaubt er: "Die Ausstellungslandschaft wird in Zukunft von privaten Sammlern geprägt werden. Ich bin bereit, mit jedem Besucher stundenlang zu diskutieren, wenn er was nicht versteht."

Vorbildliches Bürgerengagement könnte man nennen, was Heiner Bastian und seine Frau Celine in Berlin, direkt gegenüber der Museumsinsel, bewiesen haben. Auf einem der schönsten Grundstücke der Stadt ließen sie ein Kunsthaus errichten, entworfen vom britischen Architektenstar David Chipperfield: schlicht, klar, wunderschön, mit einer Fassade aus geschlämmtem Backstein, die das gegenüberliegende Neue Museum zitiert.

Nun gut, völlig uneigennützig haben die Bastians das Haus nicht gebaut. Sie selbst werden den zweiten Stock nutzen, von dem aus man die ganze Museumsinsel überblicken kann, und dort Werke aus ihrem Besitz zeigen. Werke, die man auch kaufen kann. Denn Bastian ist - ja was eigentlich? Sammler, Händler, Autor, Kurator? "Eigentlich bin ich gar nichts", kokettiert er. "Ich mache immer wieder etwas anderes. Ich bin so eine Art Tagelöhner." Zum Auftakt zeigt er Skandalkünstler Damien Hirst. Der zersägte früher Kälber und legte einen Hai in Formalin ein, kürzlich machte er mit einem 74 Millionen Euro teuren, diamantbesetzten Totenschädel Schlagzeilen.

Streit über die richtige Kunst


Sowas gefällt Heiner Bastian. Er mag Skandale, ist streitlustig und schlägt ab und zu über die Stränge, wenn er sich mal wieder mit den Berliner Museumschefs anlegt. Die machen vieles falsch, findet er, vor allem weil sie öffentliche Gelder nicht immer für die Kunst ausgeben, die Bastian für die richtige hält.

Mit seinem Kunsthaus hat Heiner Bastian nun einen Coup gelandet. Über ihm hat die schöne TV-Dame Christiane zu Salm Quartier genommen. In die beiden unteren Stockwerken zog die glamouröseste Galerie Berlins: Contemporary Fine Arts, geführt von Nicole Hackert und Bruno Brunnet. Für Künstler wie Georg Baselitz, Jonathan Meese, Daniel Richter geben sie regelmäßig große Dinner und feine Künstlerparties und locken damit alle an, die schön, schick und erfolgreich sein wollen. Ganz Berlin eben.

DIE PIONIERIN: Erika Hoffmann, Sophienstraße, Sa von 11 bis 16 Uhr, Eintritt sechs Euro. Nur auf Anmeldung und mit Führung: Tel. 28499120. www.sammlung-hoffmann.de

DER WAGHALSIGE: Christian Boros, Albrechtstraße 24. Eröffnung im April. www.sammlung-boros.de

DER STÜRMER UND DRÄNGER: Ivo Wessel, Chausseestraße 116, Besichtigung nach Vereinbarung, Tel: 69518709

DER ERFAHRENE. Wilhelm Schürmann, Weydingerstraße 10, Fr + Sa, 16 bis 19 Uhr. www.schuermann-berlin.de

DER SPONTANE: Axel Haubrok, Haubrokshows, Strausberger Platz 19, Sa + So 12-18 Uhr. www.sammlung-haubrok.de

DIE VORNEHMEN: Heiner und Celine Bastian, Am Kupfergraben 2, Der Eintrittvon fünf Euro geht an ein Berliner Hospiz