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Ungewöhnliche Ausstellung in Berlin Rentiere im Museum pinkeln Glückstrank


Besucheransturm im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin: Seit anderthalb Wochen grasen dort Rentiere. In einem Bett unterm Dach kann man für 1000 Euro übernachten. Und wozu das Ganze? Die Tiere sollen uns Menschen das Glück bringen. Dem Publikum gefällt's.
Von Anja Lösel, Berlin

Es rülpst und malmt und zwitschert und flattert. Wer in diesen Tagen das Museum Hamburger Bahnhof in Berlin betritt, dem wird ganz schwummrig vor seltsamen Geräuschen und merkwürdigen Gerüchen.

Zwölf lebendige Rentiere mit riesigen Geweihen liegen da im Museum herum. So etwas gab es noch nie. Die mächtigen Viecher traben gemächlich durch die große Halle, vorbei an meterhohen Kunststoff-Pilzen, an Käfigen mit Kanarienvögeln, Mäusen und Fliegen und an Kühlschränken, in denen echte Fliegenpilze gelagert sind. Kaum zu glauben: Das alles ist Kunst.

"Soma" heißt die Ausstellung, ausgedacht hat sie sich der Künstler Carsten Höller, der schon seit Jahren Kunst mit Tieren macht. Mal brachte er Finken bei, wie man Gassenhauer pfeift, mal stellte er bunt gescheckte Schweine auf der Kasseler documenta aus.

Aber er brauchte noch einen, der den Mut hatte, um sein größtes, verrücktestes Projekt zuzulassen. Der die Tiere tatsächlich in sein Museum ließ, drei Monate lang, Tag und Nacht, mit allen ihren Gerüchen und Geräuschen. Udo Kittelmann, Direktor der Berliner Nationalgalerie, traute sich. Schon seit zwei Jahren versucht er, mehr Schwung und mehr Spannung ins Museum zu bringen. Dies hier ist sein Ding. Und er macht sich damit sehr angreifbar. Denn sowohl Tierschützer wie auch viele Kunstexperten finden: Rentiere haben im Museum nichts zu suchen.

Tiere nur dafür aufgezogen

"Sie ahnen gar nicht, was das für Diskussionen gab, mehr als ein Jahr lang haben wir uns mit dieser Ausstellung beschäftigt und damit, ob und wie man sie realisieren kann", erzählt Christina Weiss, die Vorsitzende der "Freunde der Nationalgalerie". Wo kriegen wir die Tiere her? Was sagt das Veterinäramt? Was passiert, wenn die Rentiere die Besucher nicht ertragen? Und wie werden die Tierschützer reagieren?

Weil der Steinfußboden im Museum zu hart für die Rentiergelenke ist, musste ein weicher Tanzteppich verlegt und mit Sägemehl bestreut werden. Edelstahltränken wurden gebaut, Tierpfleger engagiert, das Veterinäramt konsultiert. Regelmäßig müssen die Tiere ausgetauscht werden - soll ja keins einen Museumskoller bekommen.

Thomas Golz aus Kleptow in der Uckermark bereitete die Rentiere ein ganzes Jahr lang aufs Leben im Museum vor und gewöhnte sie an Menschen. Bei ihm wuchsen sie auf, zu ihm werden sie zurückkehren, wenn die Schau vorbei ist.

Mit Fliegenpilzen zur Erkenntnis

Aber worum geht es denn nun eigentlich? Um nichts weniger als Erkenntnis, Glück und ewiges Leben. "Soma" nannten indische Schamanen vor mehr als 4000 Jahren den göttlichen Zaubertrank, mit dem sie sich in Trance tranken. Immer wieder beschrieben sie den Höhenflug, der sie in andere Sphären katapultierte: "Wir haben das Soma getrunken; wir sind unsterblich geworden, wir haben das Licht gesehen; wir haben die Götter gefunden."

Nur woraus der Trank bestand, verrieten sie nicht. Künstler Carsten Höller glaubt: aus Fliegenpilzextrakt. Ja, er hat es probiert. Hat Fliegenpilze gegessen, immer wieder. Und ja, er lebt noch, aber "nachmachen sollte man das besser nicht", sagt er. Von wegen Bewusstseinserweiterung und Glückseligkeit: Ob er aus den Fliegenpilzen Tee kochte oder sie in der Pfanne briet, es war jedes Mal das gleiche: "Mir ist einfach nur sehr übel geworden."

Das Vertrackte ist nämlich: die heiß ersehnten, betörenden Substanzen entstehen erst, wenn der Pilz durch einen Körper hindurchgewandert und wieder ausgeschieden ist.

Das Ziel der Aktion: Rentierurin

Die Lösung: Rentiere fressen Fliegenpilze und pinkeln dann den Glückstrank. Wenn Kanarienvögel, Mäuse oder Fliegen diesen Urin trinken, werden sie high, glaubt Höller. Und vielleicht auch Menschen, wer weiß? Eklig? Nein. Einfach nur angewandter Schamanismus. Vieles bleibt offen in Höllers Versuchsanordnung. "Kann sein, dass wir Fliegenpilze an die Rentiere verfüttern." Vielleicht aber auch nicht. Kann sein, dass Mäuse und Menschen den Extrakt trinken und in Glückseligkeit verfallen. Vielleicht aber auch nicht. Die Ungewissheit ist das Aufregende und macht die Schau zur Sensation - und zum Aufreger.

"Es ist wie ein großes Labor, ein Experimentierfeld. Es geht darum, ein lebendiges Bild zu schaffen, in das man eintauchen kann, um seine Gedanken zu vergessen", sagt Museumsdirektor Kittelmann.

Er ist stolz darauf, "dass wir so kreativ umgehen können mit der Institution Museum". Aber er ist auch streng. Obwohl im Museumsshop viel Geld zu verdienen wäre mit niedlichen kleinen Holz-Rentieren, bedruckten Rentierhandtüchern oder Rentierbriefpapier hat er den Verkauf solcher Nippes untersagt. "Dies hier ist Kunst und kein Spielzeug."

Einen Liter Rentierurin hat Carsten Höller schon vor der Eröffnung der Schau gesammelt. Mit großem Respekt vor dem Inhalt. "Da ist was drin, was wir nicht wissen", sagt er. "Dies ist vielleicht die erste Phase der Wiederentdeckung von Soma." Ein alter Menschheitstraum würde dann in Erfüllung gehen: von der ewigen Glückseligkeit, Weisheit und Erkenntnis.

Wer ganz tief eintauchen möchte in die Geheimnisse des Soma, darf sogar eine Nacht in der Ausstellung verbringen. Hoch über dem Rentiergehege schwebt eine pilzförmige Plattform mit Doppelbett. Hier, in schwarzem Bettzeug, tauchen Mutige ein in die schamanische Nacht. 1000 Euro kostet das Abenteuer. Zu viel? "Aber nein! Sie werden ja Teil eines Kunstwerks", sagt Udo Kittelman. "Diese Erfahrung werden Sie niemals vergessen." Tatsächlich waren schon vor der Eröffnung der Ausstellung 90 Prozent der Nächte ausgebucht.

Carsten Höller fürchtet: "Wir werden Soma nicht finden. Aber vielleicht etwas anderes." Er hat sich gleich drei Nächte im Museum reservieren lassen. Wär' doch gelacht, wenn er da nicht doch was über Soma herausfinden würde.

Die Ausstellung "Soma" läuft noch bis 6. Februar 2011 im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin. Für Glücksucher, die nicht 1000 Euro für eine Nacht ausgeben wollen, wird auf der Website www.somainberlin.org jede Woche eine Gratisnacht verlost.


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