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Zum Tode Robert Rauschenbergs: Weder Himmel noch Hölle

Robert Rauschenberg ist einer der Erfinder der Pop Art. Aber er war noch viel mehr: Ausnahmekünstler und Genie, Entertainer und Umweltschützer, engagierter Kämpfer gegen die Armut und trotzdem immer ein gutgelaunter Genießer. Ein Mensch, wie es sie nur alle paar Jahrzehnte mal gibt. Jetzt ist Rauschenberg im Alter von 82 Jahren gestorben.

Von Anja Lösel

"Ich will weder in den Himmel noch in die Hölle kommen", sagte Robert Rauschenberg. Das war vor 15 Jahren, und er saß dabei auf dem Dach seines New Yorker Stadthauses, guckte in die Luft und nahm einen kräftigen Schluck aus dem Whiskeyglas. Oder auch zwei. "Ich mag den Gedanken nicht, dass es nur diese beiden Extreme Himmel oder Hölle gibt und nichts dazwischen. Ich will einfach ein langes Leben."

Das war ihm vergönnt: 82 Jahre wurde er, jetzt ist Rauschenberg in Florida gestorben. Sein Leben war schnell, intensiv, erfolgreich und ungeheuer aufregend. Er war ein Ausnahmekünstler, konnte malen und tanzen, fotografieren, Theater spielen und unscheinbare Fundstücke zu Kunstwerken zusammen fügen, für die andere dann Millionen bezahlten. Genial, witzig, uneitel, locker war er. Und auch ein wenig unzuverlässig.

So kam es, dass wir, eine Kulturredakteurin und ein stern-Fotograf, für eine Reportage über Pop-Künstler nach New York reisten - um dann festzustellen, dass ein Treffen mit Robert Rauschenberg nicht zu arrangieren war. Er ging nicht ans Telefon, war unerreichbar, nicht einmal sein Galerist Leo Castelli wusste, wo er steckte. "Dann gehen wir einfach zu seinem Haus und schauen, was passiert", sagte stern-Fotograf Thomas Höpker. Also los zu dem schmalen, hohen Backsteinhaus in Soho, in dem Rauschenberg in einer Art von Wohngemeinschaft mit Freunden, Helfern und Assistenten lebte.

Empfang in riesigen Pantoffeln

Wir klingelten, und schon kurz darauf öffnete eine junge Frau die Tür. "Ist Robert da?" - "Ja, Moment", sagte sie. Und da kam er auch schon die Treppe runter, riesige Pantoffeln an den Füßen, und empfing uns, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, bei ihm, einem der größten Popkünstler, einen Überraschungsbesuch zu machen.

Früher war das große Haus mit der steilen Treppee mal ein Waisenhaus gewesen, Rauschenberg hatte es samt Kapelle zu seinem Arbeitshaus gemacht. Nun war es vollgestopft mit Dingen, aus denen er Kunst montierte und mit denen er lebte. Ein Fahrrad aus Neonröhren, eine ägyptische Mumie , die er "mein Sweetheart" nannte, Unmengen von Kochtöpfen, riesige Pflanzen. Ständig dudelte Musik von von Bob Dylan, immer wieder "Universal Soldier".

"Ich will nicht der Großvater der Pop Art sein"

Rauschenberg war gut gelaunt und führte uns herum. Er beschwerte sich nur kurz darüber, dass "immer alle Leute unter mein Bett gucken" wollen, zeigte dann aber trotzdem freimütig sämtliche Stockwerke bis hin zum Dachgarten.

Dort saßen wir dann stundenlang, bis die große Whiskeyflasche leer war. Eigentlich sollte das Gespräch um Pop Art gehen, aber dazu hatte Bob, wie alle ihn nannten, keine Lust. "Ich will nicht der Großvater der Pop Art sein. Ich bin kein Alter Meister. Ich habe immer weitergemacht und bin nicht stehen geblieben mit meiner Kunst", sagt er. "Meine Objekte leben. Guten Geschmack kann ich nicht leiden. Ich mag Trash und Müll, Dinge, die andere wegwerfen."

Er suchte die Gesellschaft der kleinen Leute

Immer war es ihm wichtig, sich politisch zu engagieren. Gegen die Umweltverschmutzung, gegen Tierversuche, gegen Kommerz und Deko-Kunst. Er gründete das Kultur-Austauschprogramm "ROCI" (Rauschenberg Overseas Culture Interchange) und steckte jede Menge privates Geld hinein. Er reiste durch die Welt und arbeitete unterwegs mit Künstlern von Chile über Kuba bis Tibet. Für die meisten war er damals schon ein "Titan der amerikanischen Kunst". Aber er selbst wollte das nie sein und suchte die Gesellschaft der kleinen Leute.

Angefangen hatte alles, als er 1953 eine Zeichnung des renommierten US-Künstler Willem de Kooning ausradierte. Einfach so. Ein Skandal, der den jungen Künstler Rauschenberg berühmt machte. Später benutzte er alle möglichen Alltagsgegenstände wie Pappkartons und Straßenschilder, Autoreifen und Bettlaken für seine "Combine Paintings". Ein Bild, so fand er, "ist wirklicher, wenn es aus Teilen der Wirklichkeit gemacht ist". Sogar eine ausgestopfte Ziege und einen Adler machte er zu Teilen seiner Kunst.

"Ich bin ein Mischmasch aus allem möglichen"

Zu Berlin hatte er immer eine Liebesbeziehung. Sein Großvater war hier geboren, wanderte nach Texas aus und heiratete eine Cherokee-Indianerin. "Meine Herkunft ist ein bisschen mysteriös", so Rauschenberg, "ich bin ein Mischmasch aus allem möglichen." Wie seine Bilder. Immer wieder kam er nach Deutschland, noch drei Tage vor dem Mauerfall war er in Berlin, erzählte er.

Irgendwann war Rauschenberg müde und auch ein wenig betrunken. Wir stiegen all die Stufen vom Dachgarten wieder hinunter. Zum Abschied gab es Küsse und lange Umarmungen, wobei er Kopf an Kopf legte. "Kannst Du's hören", fragte er und meinte seinen eigenen Atem, das Rauschen seines Blutes, all die Energie, die durch seinen Körper strömte.

Vom Schlaganfall gezeichnet

Die nächste und letzte Begegnung war bei der Eröffnung des MoMA-Neubaus in New York vor drei Jahren. Da war von der großen Energie nicht mehr viel übrig. Rauschenberg hatte einen Schlaganfall hinter sich, war halbseitig gelähmt und wurde im Rollstuhl durch die Räume geschoben, in seiner Nase steckte ein Beatmungsschlauch. So erbärmlich sah er aus, dass die meisten der Eröffnungsgäste ihn gar nicht erkannten.

Bei der Vernissage seiner großen Ausstellung im Münchner Haus der Kunst konnte Robert Rauschenberg nicht mehr dabei sein, er hat sie nie gesehen. Aber wir sollten hin und ihm die Ehre erweisen. Unbedingt.