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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Katar Unser - eine Abschlusspredigt zum absurdesten Sportevent des Jahres

Unser "Gold-Niklas" sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Leichtathletik-WM in Doha eine geradezu spektakulär menschenverachtende Sportveranstaltung ist. Und sie ist bereits ein Vorgeschmack auf das, was uns in drei Jahren dort erwartet.

Die Leichtathletik-WM stößt bei den Einheimischen in Doha nur auf minderes Interesse

Die Leichtathletik-WM stößt bei den Einheimischen in Doha nur auf minderes Interesse

DPA

Zumindest wir Deutschen hatten was zu jubeln. Und damit ist diese Veranstaltung eigentlich schon unkritisierbar. Niklas Kaul – ich darf ihn doch "Gold-Niklas" nennen? – wurde in Doha nicht nur jüngster Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten, sondern auch der wohl einzig positiv konnotierte Hashtag, den es im Zusammenhang mit dieser geradezu spektakulär menschenverachtenden Sportveranstaltung gegeben hat.

Eine tolle Leistung, der man es gegönnt hätte, er hätte sie bei einer besseren Veranstaltung zeigen können. Als würde man einen Poetry Slam in einer Shisha Bar abhalten. Warum eine Leichtathletik-WM ausgerechnet in ein Land vergeben wird, das sportliche Rekorde bislang nur dergestalt erzielt hatte, in Rekordzeit die Pässe der Lohnsklaven einzusammeln – man kann nur mutmaßen. Mit Sport hat es vermutlich nicht zu tun.

Wohl eher mit der, ich zitiere die Kugelstoßerin Christina Schwanitz, "Reibung zwischen Daumen und Zeigefinger..." Das Ergebnis war zu erwarten: Eine Stimmung im Stadion wie beim ZDF Fernsehgarten, wenn Luke Mockridge auftritt. Nur, dass sich auf dem Lerchenberg regelmäßig mehr Menschen einfinden. Mit Blick auf die Ränge musste man zwischenzeitlich annehmen, versehentlich ein Heimspiel des VfL Wolfsburg zu schauen. Vor Ort interessiert man sich halt eben deutlich mehr für Kamelrennen, und das ist weniger rassistisch, als Sie glauben. Und diejenigen, die das Geschehen am Fernseher verfolgten, bekamen nur selten die absoluten Spitzenleistungen zu sehen, wie der sagenhafte Kaul sie zu liefern vermochte.

Frage nach zum Beispiel bei den Marathonläufern, von denen weniger im Ziel ankamen, als Kunden von Thomas Cook. Wer nicht gerade im Innenraum des Stadions ran durfte, der erlebte draußen so etwas wie betreutes Niedrigtemperaturgaren. Selbst um Mitternacht hatte es noch etwa 32 Grad bei rund 75 Prozent Luftfeuchtigkeit. Nicht, dass man es bei diesem Klima nicht gut aushalten könne – dann sollte man allerdings besser ein Leguan sein.

Zwischenzeitlich hatte es mehr sportlichen Reiz, entnervte Bürger im Lidl beim Lebensmittel-Dreikampf um die letzten Waren vor dem langen Wochenende anzusehen. Wenn schon Langlauf-Legende Haile Gebrselassie (ich musste die korrekte Schreibweise doch noch mal googeln) im Hinblick auf die Wettkämpfe offen um das Leben der Athleten fürchtet, muss da vielleicht doch was dran sein. Der Mann ist übrigens nicht Däne, sondern Äthiopier, also durchaus sonnige Tage gewohnt.

Im bereits angerissenen Innenraum des Stadions wiederum haben die Ausrichter es sich nicht nehmen lassen, die Temperatur auf 25 Grad runter zu kühlen, womit jeder Veranstaltungstag eine Klimabilanz haben dürfte, bei der sich so manche Aida-Flotte mächtig ins Zeug legen müsste. Wer eingedenk solcher Informationen weiterhin tapfer mit eingerissener Papiertüte aus dem Supermarkt stapfte, darf sich zurecht als Held des Klimaschutzes begreifen. Caligula hätte das alles wohl gut gefallen. Der Rest der aufgeklärten Gesellschaft ist so aufgebracht, dass man sogar kurz mal Dieter Nuhr vergisst.

Für die WM 2022 in Katar werden die Ränge schon voll

Man muss weder Klimaschützer, Mediziner oder Menschenrechtler sein, um sich über diese moderne Benhurerei aufzuregen. Es reicht, dass man Interesse an sauberem Spitzensport unter fairen Bedingungen für alle hat – und zwar für diejenigen, die im Stadion arbeiten und die, die am Stadion arbeiten.

Dass diese Stadien bei der schon sehr bald anstehenden WM 2022 in Katar so leer wie jetzt bleiben werden, ist eher unwahrscheinlich. Zur Not werden die Organisatoren den Sklaven – zumindest denen, die noch leben – schon entsprechende Trikots und Fahnen aufdrücken und zu modernen Jubelpersern umschulen. Wenn man schon keine Pässe mehr besitzt, kann man sich wenigstens welche auf dem Feld anschauen. Ist doch auch schön.

Die Erlösung von derlei zynischen Witzveranstaltungen ist nicht minder zynisch: Schon jetzt sind die Athleten körperlich kaum in der Lage, die besten Leistungen abzurufen. Was bei einem laufintensiven Sport wie Fußball kaum anders sein wird. Wenn aber der Zuschauer kein hohes Niveau geboten bekommt, wird er irgendwann sein Interesse verlieren und somit das Business gefährden. Erst dann ist davon auszugehen, dass die Funktionäre ins Grübeln kommen. Aber fragen Sie mich im Winter 2022 nach zwei Glühwein nochmal, ob ich wirklich umschalten und statt Italien-Frankreich lieber das Quiz des Nordens gucken will.