HOME

"Keine Ahnung, wie das passiert ist": Sensations-Zehnkämpfer Niklas Kaul: Er wollte nur "Schadensbegrenzung" – und holte dann Gold

Es ist eine unglaubliche Geschichte: Niklas Kaul hat bei der Leichtathletik-WM in Doha den Zehnkampf-Titel geholt. Dabei stellte er vier persönliche Bestleistungen und einen Weltrekord auf. Zuvor hatte ihn niemand auf dem Zettel – nicht mal er selbst.

Niklas Kaul jubelt nach dem Wettkampf

Es musste raus: Der Jubelschrei nach dem Wettkampf brachte Niklas Kaul an den Rand der Heiserkeit

Getty Images

Drei Sekunden: Als Niklas Kaul am späten Donnerstagabend an die Startlinie des 1500 Meter-Laufs trat, wusste er, er muss dem Esten Maicel Uibo drei Sekunden abknöpfen, dann wird er Weltmeister. Am Ende stürmte der erst 21-jährige Zehnkämpfer so furios über die Bahn, dass es im Ziel sogar rund 15 Sekunden Unterschied waren. 

Kaul hat die Konkurrenz deklassiert, man kann es nicht anders sagen. Dabei war er eigentlich nur mit nach Doha gereist, um ein bisschen Wettkampfluft bei den "Großen" zu schnuppern. Bis vor Kurzem startete der gebürtige Mainzer nämlich noch in der Altersklasse U23, in der er im Juli in Schweden schon die EM-Goldmedaille gewonnen hatte.

Niklas Kaul hatte "niemals Gold im Kopf"

Nach den fünf Disziplinen des ersten Wettkampftages in Doha lag Kaul noch auf dem elften Platz. Im Weitsprung hatte es Wirbel gegeben, weil Kaul nach seinem ersten Versuch nur 6,32 Meter zugesprochen worden waren. Dabei hatte er die Siebenmeter-Marke deutlich überquert. Der Deutsche Leichtathletik-Verband protestierte, die Weite wurde auf 7,19 Meter korrigiert. Kaul sprach anschließend davon, "Schadensbegrenzung" betreiben zu wollen. Seine größte Hoffnung? "Ich wusste, dass ein Platz unter den Top Sechs noch gehen würde", sagte er. 

Doch dann musste Titelverteidiger und Topfavorit Kevin Mayer aus Frankreich beim Stabhochsprung verletzungsbedingt aufgeben. Unter Tränen humpelte er aus dem Stadion. So bitter die Pleite für den Sieganwärter war – Kaul spielte sie direkt in die Karten. "Kevin konnte sich nur selber schlagen", sagte der 21-Jährige im ARD-Interview nach dem Sieg über seinen größten Konkurrenten. Erst da sei ihm zum ersten Mal der Gedanke gekommen, dass "nun eine Medaille möglich" sein könnte. Kaul versicherte: "Aber glaubt mir, wir hatten niemals Gold im Kopf." Zumal ihn an beiden Tagen Magenprobleme plagten.  

Profitiert hat Kaul wohl zusätzlich vom Strauchler seines Teamkameraden und stärker eingeschätzten Kai Kazmirek aus Torgau. Der verlor beim Hürdenlauf die Balance, schied aus und war damit kein Medaillenkandidat mehr.

Bestleistung in seiner Zitterdisziplin Diskus

Aber auch davon abgesehen machte der Jungspund aus Mainz einen Wahnsinnswettkampf, vor allem am zweiten Tag. In seiner Zitterdisziplin Diskus schraubte er zunächst zweimal seine Bestweite nach oben, erst auf 48,10 Meter und dann sogar auf 49, 20 Meter. 

Danach übersprang er mit dem Stab die 5-Meter-Hürde und zeigte damit seine Persönliche Bestleistung aus der Halle auch im Freien. Dabei leistete er sich keinen einzigen Fehlversuch und wurde in seiner Gruppe Erster. Sein Trainer musste ihn anschließend einbremsen, die Latte nicht noch zu einem weiteren, noch höheren Sprung nochmal auflegen zu lassen. 

Niklas Kaul sitzt auf dem Boden und staunt über seinen WM-Titel

Er saß auf dem Boden und konnte es nicht glauben: Nach den 1500 Metern hatte Niklas Kaul Schwierigkeiten zu begreifen, dass er wirklich gerade den WM-Zehnkampf gewonnen hatte

Getty Images

Im Anschluss kam der Speerwurf, seine Königsdisziplin im Mehrkampf. Kaul schleuderte das Sportgerät auf sage und schreibe 79,05 Meter. Damit steigerte er seine persönliche Bestweite um 56 Zentimeter und katapultierte sich mit der vorletzten Disziplin auf Platz drei in der Zwischenwertung. Nebenbei stellte er auch noch einen Weltrekord auf: Noch nie warf ein Zehnkämpfer den Speer weiter als der junge Lehramtsstudent. "Dafür muss man eine Peitsche im Arm haben", sagte ARD-Experte Frank Busemann, der Olympia-Zweite von 1996, dazu. Schon vor der WM hatte er dessen Abgeklärtheit großen Respekt gezollt: "Als wäre er schon zehn Jahre auf höchstem Niveau dabei."

"Ich bin nicht der beste Zehnkämpfer, der hier angetreten ist"

Vor dem abschließenden Lauf über 1500 Meter lag er nur 19 Punkte – oder umgerechnet drei Sekunden – entfernt von dem bis dahin an der Spitze liegenden Esten Uibo. "Du rennst jetzt einfach und gibst alles, was du hast", lautete seine am Ende von Erfolg gekrönte Devise. Kaul rannte – und stürmte allen davon. Als er nach der Ziellinie erschöpft zu Boden sank und nach Luft rang, dauerte es noch eine halbe Minute, bis Bronzemedaillengewinner Damien Warner aus Kanada ins Ziel trudelte. 

Am Ende standen hinter Kauls Namen 8691 Punkte – noch eine persönliche Bestleistung und der WM-Titel. "Dass es das am Ende wird – keine Ahnung, wie das passiert ist. Ich bin nicht der beste Zehnkämpfer, der hier angetreten ist, aber vielleicht der konstanteste", sagte der Held des Abends der ARD. 

Jung, erfolgreich und bescheiden: Für seinen Auftritt erntete Kaul auch von der Konkurrenz viel Lob. "Riesen-Chapeau vor Niklas. Er ist sehr weit für sein Alter, auch im Kopf", sagte etwa Kazmirek. "Er weiß genau, was er will." Bronze-Gewinner Warner ergänzte: "Sagen Sie mir, wie viele Athleten in der Welt fast 80 Meter weit kommen mit dem Speer und 4:15 Minuten über 1500 Meter laufen können. Ich kenne nur einen."

Mit 21 Jahren und 234 Tagen ist Kaul der jüngste Weltmeister, den es im Zehnkampf je gegeben hat – und erst der zweite deutsche. Den bisher einzigen WM-Titel für Deutschland hatte 1987 der Schweriner Torsten Voss für die DDR geholt. 

Mit Material der DPA

Wissenscommunity