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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Grüner wird's nicht - die Verstörung der CDU

Die Grünen sind im Höhenflug und Robert Habeck wird bereits als "Deutschlands Kennedy" bezeichnet. Die Frage ist doch: Sind die Grünen so gut? Oder die anderen so schwach? Zumindest sind sie sehr schwach, wenn es darum geht, sich zu einer Alternative zu den Grünen zu machen.

Robert Habeck

Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen

DPA

Grüner wird's nicht. Die derzeitige Stimmungslage lässt keinen anderen Schluss zu, dass Robert Habeck noch Ende dieses Jahres Bundeskanzler, Nationaltrainer und vielleicht sogar "Tatort"-Kommissar wird. Kein Amt, das man dem steifftierischsten aller Politiker nicht sofort anvertrauen, ja, entgegenwerfen möchte.

Die Zuneigung beeindruckt und jegliche Selbstermahnung, nicht dem nächsten Hype zu erliegen, scheint schulzzügig vergessen worden zu sein. Gut, jetzt muss man neidlos anerkennen: Diese Hochkrempelung, gepaart mit ein paar handfesten, wichtigen Zukunftsthemen - dem kann man sich nur schwer entziehen. Manch einer bezeichnet ihn schon als "Deutschlands Kennedy". Was natürlich Unsinn ist: Ein Grüner, der zur Show offen mit dem Cabrio durch die Innenstadt fährt - das wäre politischer Selbstmord!

Die SPD ist zum autoaggressiven Borderliner verkommen

Die Frage ist doch: Sind die Grünen so gut? Oder die anderen so schwach? Zumindest sind sie sehr schwach, wenn es darum geht, sich zu einer Alternative zu den Grünen zu machen. Der liberale Klimagörenschreck Christian Lindner ist sich ernsthaft nicht zu doof, über einer Art grünem Dinkelkalifat zu sinnieren, indem es zu dramatischen Kotelettenteignungen kommen könnte.

Die SPD ist endgültig zum autoaggressiven Borderliner verkommen. (Und sollte einfach so ehrlich zu sich selbst sein, endlich nach dem Strohhalm Linkspartei zu greifen)

Und die Union? Die agiert zwei Wochen nach #rezo immer noch wie in dem Sketch, in dem Loriot versucht, ein schiefes Bild gerade zu hängen und in der Folge den kompletten Raum verwüstet. Zumindest für Kramp-Karrenbauer, die kommunikativ spektakulär unbegabte Parteivorsitzende mit schwerem Provinzfürsten-Phantomschmerz, darf man das so stehen lassen. Deren zutiefst hilflose Reflexe entfernen sie zunehmend weiter von der Kanzlerkandidatur als Philipp Amthor vom Gesichtstattoo. Der Mensch gewordene Samsonite-Koffer. Irgendwie ist der ja sogar witzig. Er ist schlagfertig. Regelrecht selbstironisch. Das wird allerdings weder ihm noch seiner Partei nutzen. Nur, weil einer Mitte zwanzig ist, macht ihn das nicht automatisch für junge Leute attraktiv. Vor allem dann nicht, wenn man agiert wie in einer Bodyswitch-Komödie, in der ein 70-Jähriger in den Körper eines Elfjährigen gefahren ist. (Im Grunde genommen ein umgekehrter Trump) Von so einem lassen sich zum Beispiel Frauen besonders gerne erklären, was mit ihrem Unterleib zu geschehen hat.

Währenddessen lässt es sich der tatsächliche Siebziger, der unglaubliche Horst, in all dem Chaos nicht nehmen, noch ein neues Feld aufzumachen. Die neue Ehrlichkeit, sprich: Anhand des Datenaustauschgesetzes das Publikum wenig verklausuliert darüber zu informieren, dass Gesetze auch deshalb gerne etwas komisch formuliert sind, um sie am doofen Wähler vorbei einbringen zu können.

Und gerade als man denkt, Amok-Horst könnte das alles schlimmer nicht mehr machen, heißt es aus der Pfalz "Hold my Riesling" und Julia Klöckner dreht fröhlich eine Art Anti-#Rezo-Clip mit einem hochrangigen Vertreter des Nestlé-Kartells. Da muss man ja auch erst einmal drauf kommen!

Sich als Verbraucherschutzministerin vor den Werbekarren eines der unangenehmsten (Nahrungsmittel-)Konzerne spannen zu lassen - da könnte sie auch gleich auf der Sommerparty von Heckler & Koch Robbenbabys abknallen. Mit Andreas Gabalier ein Benefiz-Konzert für Aldi spielen. Oder ein Sex-Tape mit Ronald McDonald aufnehmen. Wäre alles kaum schlimmer gewesen.

Das geht in die völlig falsche Richtung, liebe Union

Wer sich mit dem Glyphosatan ins Bett legt, der braucht dann auch nicht mehr darauf zu hoffen, dass ein Besuch bei "Rock am Ring" einen für die junge Zielgruppe wieder sexy macht. Zumal diese "frühvergreiste Unionspolitiker machen auf frechen Rocker"-Nummer seit AC/DC-Guttenberg und "Captain Bavaria" Söder mehr als durch ist.

Nein, nein, nein, liebe Union. So wird das alles nichts. Das geht in die völlig falsche Richtung. Aus einer Mercedes E-Klasse machst du kein Lastenfahrrad. Am Ende lacht Kanzlerkandidat Friedrich Merz. Was eine schöne Rolle rückwärts wäre für eine Partei, die mit einer Welt, in der alte Männer den Ton angeben, immer schon deutlich besser klar gekommen ist. Selten ist das so deutlich geworden wie in den letzten vierzehn Tagen.