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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Fleisch ist sein Getöse - der Haltungsschaden von Tönnies und was das mit uns zu tun hat

Clemens Tönnies erlebt gerade seine ganz persönliche Coronakrise. Doch alle, die jetzt dem Schnitzel-König alleine als Sündenbock schlachten wollen, sollten mal einen Schritt zurückmachen und auf den eigenen Grill schauen.

Will "an vorderster Front" gegen diese Krise kämpfen: Firmenboss Clemens Tönnies

Blickt man dieser Tage auf das Anwesen von Clemens Tönnies, könnte man meinen, in Rheda-Wiedenbrück sei der arabische Frühling ausgebrochen. Sogar das Militär ist da. Allerdings um bei den Massentests zu helfen. Bei über 6000 unterbezahlten Schweineminenarbeitern. Denn ausgebrochen ist das Coronavirus.

Und nun stehen wütende Eltern vor dem Betrieb und der Villa des Schnitzeldespoten, um dagegen zu protestieren, dass wegen der Infektionsorgien in seinem Schlachtbetrieb die Schulen und Kitas im Kreis Gütersloh dicht sind, bzw. gleich ein ganzes Wohnviertel eingezäunt.

Der Magnat wiederum steht auf dem Balkon seiner Casa de Boulette und blickt entsetzt auf das, was die Menschen da unten treiben. Er kennt das Gefühl von den Samstagen als Volkstribun im Schalker Stadion. Es ist nicht ganz klar, wer den Schinkenpapst gerade mehr hasst: Die Gütersloher Eltern - oder die Schalker Fans.

Tönnies muss sich wundern. Bislang konnte er weitestgehend unbehelligt zum Bäcker gehen. Jetzt aber schlägt ihm die Wut so ungebremst entgegen, dass man annehmen muss, die Dorfbevölkerung treibt ihn in Kürze rauf zur alten Mühle. Und zwar nicht zur Rügenwalder. Wie bei so vielen Problemen muss die Scheiße immer erst bis auf die eigene Fußmatte schwappen, bis ein jahrelanger Missstand den Zorn erregt, den er verdient.

Klar, man hat ab und an mal davon gehört, dass es in Fleischfabriken nicht so wahnsinnig ehrenhaft zugeht, vielleicht mal entsetzt einen Beitrag bei "Report" oder "Frontal21" geguckt, sich kurz geschüttelt und am nächsten Morgen ging es wie gehabt weiter. Nun aber brauchst du kein Pausenbrot mit Bärchenwurst zu schmieren, weil der kleine Mats Dank der verseuchten Wurstplantage eben nicht in die Schule darf.

Über Tausend infizierte Mitarbeiter. Tönniesfleisch - wir können Wetmarket! Da stellt man sich eingedenk des Umstandes, dass man vor wenigen Wochen noch für ein Picknick zu viert rund Tausend Euro Corona-Strafe zahlen mussten, schon die Frage: Was sind eigentlich die rechtlichen Konsequenzen für den Mettwurst-Superspreader, der mit seinem Corona-Gangbang eine ganze Region lahmlegt?

Zunächst einmal lernen wir daraus, dass dieser "das Virus kennt keine sozialen Klassen"-Wandtattoo-Scheiß kompletter Blödsinn ist. Die Lohnsklaven haben sich die Arbeit in dem Viren-Mallorca Schlachthof gewiss nicht ausgesucht, weil es im Katalog so toll aussah. Insgesamt wirkt die Haltung der Tiere kaum schlimmer als die derjenigen, die sie zerlegen müssen.

Es ist ein Trauerspiel. Da, wo geschwitzt, geschrien und gekühlt wird, tanzen die Aerosole, und nur wer Alternativen zu diesem beruflichen Dasein hat, kann sich einen Luxus wie Infektionsschutz gönnen. Und was hätten wir eigentlich gesagt, wenn der Vorfall nicht in Rheda-Wiedenbrück, sondern Wuhan oder Dheli geschehen wäre. Man hätte mit einiger Verachtung und europäischer Herablassung darauf verwiesen, dass das aufgrund der Gründlichkeit deutscher Behörden kaum möglich wäre. Schöne Grüße auch an Armin Laschet oder den Gütersloher Landrat.

Vielleicht müssen wir auch akzeptieren, dass man von jemandem, der am Tag 30.000 Schweine (!) schlachtet, generell nur wenig Sensibilität für andere Lebewesen erwarten kann. Haltung muss man sich leisten wollen.

Afrikakenner Tönnies knallt ja auch privat gerne Steinböcke ab und gröhlt auf Parties Westernhagens "sexy", wenn Alkohol und Testosteron sich wieder einmal unschön vermengen. "Einen doppelten Toxic Moscow Male, bitte!" In Frankreich würde er mit seinem Privatflieger vermutlich längst auf dem Knastinnenhof landen dürfen. It´s a mett, mett World.

Wahr ist aber auch, dass uns die Umstände, in welchen Evolutionsschritten es die Grillfackel auf den Rost geschafft hat, meistens herzlich egal waren. "Jetzt mach feddich, um 1530 ist Anstoß!" Wurst ist ein Schweinegeschäft und das Schweinegeschäft ist uns Wurst.  Zumindest die restlichen 363 Tage, wenn das Thema nicht in den Medien ist. Dann sind es nicht die hohen Ziffern in der Tagesschau, sondern die niedrigen auf der Kotelettverpackung, die uns beschäftigen. Solange die nackte Wahrheit nur ausreichend paniert ist, schauen wir lieber nicht so genau hin.

Deshalb müssen wir nicht gleich alle Veganer werden, aber ein bisschen mehr Bewusstsein für das, was wir essen, wäre schon angebracht. Die Anregung, nicht jeden Tag Leberwurstbrötchen zu essen, verletzt bei einigen ja direkt religiöse Gefühle. Die Eltern in Gütersloh wird der selbsternannte "Menschenumarmer" Tönnies mit einem lustigen Grillfest jedenfalls nicht beruhigen können.

Geleaktes Video aus Tönnies-Fleischfabrik

Vermutlich nicht einmal Julia Klöckner, die unlängst bei Twitter zu Protokoll gab, "Fleisch ist zu billig. Ramschpreise an der Theke geben nicht den Wert wieder. Denn Tiere wurden dafür geschlachtet, das sollten wir uns immer bewusst machen." Das sollte sie dringend dem Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz mitteilen. Aber so, wie das Jahr 2020 bislang läuft, leitet das ab morgen bereits Philipp Amthor. Mahlzeit.