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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Der Panda aus Herne

Der Klempner ist vom Aussterben bedroht! Das spürt jeder, dem mal ein Rohr bricht. Gegen die Krise des Handwerks hilft nur eins: mehr Coolness

Was haben der Sumatra-Orang-Utan, der Jangtse-Glattschweinswal und der Heizungsmonteur gemeinsam? Richtig. Sie gehören zu einer bedrohten Spezies. Hatte man früher noch behauptet, Handwerk habe goldenen Boden, so stellen wir heute fest: Der Nachwuchs interessiert sich eher für Laminat.

Es wird von dramatischen Zahlen berichtet. Und jeder, der mal einen Fliesenleger brauchte, der kann bestätigen, dass man schon glücklich ist, wenn der zeitgleich mit der Eröffnung des Berliner Flughafens auftaucht.

Da drängt sich natürlich der Verdacht auf, dass auch wegen der geringen Konkurrenz die Preise so hoch sind. Sie müssen heute genau abwägen, ob Sie für Ihre gesparten 5000 Euro nach Porto Cervo fliegen oder den Rohrbruch reparieren lassen wollen.

Das manuelle Gewerbe hat ein größeres Nachwuchsproblem als die CDU.

Denn der Klempner stirbt aus! Der WWF sollte statt der arroganten Pandabären lieber Willi Lüdtge vom Herner Sanitärbetrieb zum Wappentier machen. Das manuelle Gewerbe hat ein größeres Nachwuchsproblem als die CDU. Wobei das bei der CDU durchaus doppeldeutig ist – der Nachwuchs begehrt ja sogar frech auf gegen die gebrechliche alte Dame Union.

Diese aufmüpfige Jugend – und da wären wir wieder beim Klempner – interessiert sich heute einfach mehr für den digitalen Arbeitsmarkt. Influencer klingt nur so ähnlich wie Installateur, und das Handwerk hat keine Hashtags. Macht ja auch deutlich mehr Spaß, morgens um zehn aufzustehen und vor der Kamera drei Packungen Mascara auszupacken, als um vier in der Backstube stehen zu müssen. Zumal das auch deutlich schlechter bezahlt wird und der Kundenkontakt online besser steuerbar ist. Wer lässt sich schon gern vor der ersten Zigarette von einer hansaplastfarbenen Rentnerin über die Theke hinweg anpflaumen?

Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Als Spross einer Gas-Wasser-Scheiße-Dynastie habe ich erfahren, wie es ist, auf dem Bau zu arbeiten. Habe ich immer in den Ferien gemacht. Und nach dem Studienabbruch noch mal ein ganzes Jahr. (Mehr Mitarbeit meinerseits hätte den elterlichen Betrieb wohl ruiniert.) Bäder aus Altbauten kloppen. Leitungen legen. Das unfassbare Brennen in den Schultern, wenn du Löcher für Rohrschellen unter die Decke bohren musst. Diese unhandlichen schweren Heizkörper in den sechsten Stock schleppen.

Was aber hilft gegen den Mitgliederschwund beim Bäcker- oder Metzgerhandwerk?

Aber es war trotzdem eine gute Zeit. Man hatte immer die Gelegenheit, mal mit Kollegen auf eine Zigarette zusammenzustehen – im provisorischen Frühstücksraum im fensterlosen Neubau habe ich die besten Gespräche geführt. Und die Wasserbombenschlacht von Gladbeck ist legendär. Damals, Sommer 1994, haben sich spontan sämtliche Gewerke – Heizer, Trockenbauer oder Elektriker – am Kiosk des freundlichen Südkoreaners mit Wasserbomben bewaffnet und sich die Mittagspause hindurch über die komplette Großbaustelle hinweg bekriegt.

Es ist also nicht so, als würde man da nur stoisch seinen Dienst ableisten. Und körperliche Arbeit ist sexy und nicht dumm.

Was aber hilft gegen den Mitgliederschwund beim Bäcker- oder Metzgerhandwerk? Ich glaube, die Betriebe müssen wieder cooler werden – benennt sie um! Läden wie „Mett Damon“ , „Wurst Class Lounge“ oder „Steak my Breath away“ treffen dann auf „What the Back?“ , „In Brot we trust“ oder natürlich – für die Serienfreunde – „Baking Bread“.

Die Zukunft ist golden! Dankt mir später.