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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Ja, wo sind wir denn?

Lutherstadt, Fuggerstadt, Klingenstadt. Wer viel reist, kennt sie, all die gepimpten Ortsnamen. Was nicht heißt, dass er sie verstehen würde.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Der Mensch neigt zur Prahlerei. Und wenn es schon nix zum Prahlen gibt, möchte man wenigstens individuell sein. hat die Nase, Angela Merkel den unter ihr klebenden Stuhl und Reiner Calmund diese gut geschnittenen Anzüge.

Was aber, wenn man selbst so gar nix zu verkaufen hat? Dann hilft es immer noch, aus einer Stadt zu kommen, deren Name dem Gegenüber wohlig in den Ohren klingt.

Der Bewohner der Universitätsstadt tritt ja zum Beispiel stets etwas akademischer auf als etwa der Bottroper, selbst wenn er so viel Zeit mit Studieren verbracht hat wie Pietro Lombardi.

In der Autostadt Wolfsburg weiß man, wovon ich rede

Als Vielreisendem mit Bahncard kommen mir reichlich Ortsnamen unter. Nicht wenige mit schickem Attribut. Sie halten nicht in , nein, nein. Sie halten in der Lutherstadt Wittenberg! Dort hat vor ziemlich genau 500 Jahren ebendieser Luther die Schlosskirche mit seinen Graffiti beschmiert. Oder so ähnlich. Vielleicht kommen am 31. Oktober beim Stopp dort Luftballons von der Abteildecke. Womöglich lässt man aber auch einfach nur zur Feier des Tages den Halt nicht entfallen.

In der Autostadt Wolfsburg weiß man, wovon ich rede. Wobei ich zur Stunde nicht sicher bin, ob die bei der derzeitigen Sachlage noch mit Autos in Verbindung gebracht werden wollen.

Oft weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, womit oder mit wem da eigentlich geworben wird. „Fuggerstadt Augsburg“– klingt das jetzt nach Fachwerkhaus, irgendeinem Mittelaltermarkt oder einem beleidigenden Slang? „Ey, du Fugger!“

Die Ottostadt Magdeburg dürfte für einige Jugendliche einen signifikant hohen Anteil von Trotteln, eben Ottos, beherbergen. Aber wer die Fuggers gleich noch waren? Keine Ahnung. Bestimmt 'ne dufte Truppe. So wie diese Iren aus der Dom- und Kellystadt Köln.

Klar, Goethestadt Weimar, da schnalzt man ehrfürchtig mit der Zunge! Goethe. Der hat natürlich buchdeckelharte Bedeutung für das deutsche Kulturgut und ist fast so wichtig wie Eckart von Hirschhausen.

Entsprechend viele Orte kommen dann auch um die Ecke, um sich mit dem Dichter zu brüsten: Ilmenau, Wetzlar, Bad Lauchstädt, ja, sogar Frankfurt am Main. Dabei weiß man doch, dass Goethe speziell dort nur kurz war, um eben am Hinterausgang des Hauptbahnhofs Drogen zu kaufen.

Nicht jeder Name ist glücklich gewählt.

Sein Kollege Schiller war offenkundig deutlich weniger unterwegs, findet man unter „Schillerstadt“ doch lediglich Marbach am Neckar. Dafür ist neben Worms wirklich jedes Kleckerdorf Nibelungenstadt, was den Glanz der Sage etwas schmälert.

Nicht jeder Name ist glücklich gewählt. Und damit meine ich nicht einmal Darmstadt. „Klingenstadt Solingen“! Man zieht die Bekloppten ja förmlich an!

Ebenso muss ich die kritische Frage an meine Heimatstadt Castrop-Rauxel richten, ob es bei den aktuellen nationalistischen Tendenzen angebracht ist, sich den Zusatz „Europastadt“ zu gönnen. Welcher Ungar, Pole oder Rumäne mag unter diesen Umständen dort noch seinen Jahresurlaub verbringen?

Manchmal aber möchte man dem Stadtmarketing auch zurufen: Mehr Mut! So habe ich mich bei vielen Bahnfahrten gefragt, warum die Ruhrgebietsmetropole Hamm nicht schon lange auf das ihr eigene Ereignis rekurrieren möchte: Zugteilungsstadt Hamm. Das wär’s doch.

Übrigens, falls Berlin fragt:

Niegelungenstadt ist noch frei.

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