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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Nach Hanau und Hamburg: über den Umgang mit Worten und Taten

Auch wenn die AfD in Hamburg beinah abgestraft worden wäre: Man kann nicht in Abrede stellen, dass wir seit geraumer Zeit ein massives Problem mit dem Rechtsterrorismus haben, findet Micky Beisenherz.

Ein Motivwagen beim Rosenmontagsumzug in Düsseldorf

Ein Motivwagen beim Rosenmontagsumzug in Düsseldorf

DPA

Nichts ist so alt wie der "Danke, Hamburg!"-Tweet von gestern. Gestern wurde in der Hansestadt gewählt, nach Bekanntwerden der ersten Hochrechnungen der Anfang vom Ende der Faschisten in deutschen Parlamenten gefeiert, nur um als hochwassererprobter Norddeutscher abends festzustellen: Manchmal läuft die braune Suppe doch noch unter der Tür durch ins Wohnzimmer.

Und doch ist diese Wahl nicht irgendeine, sondern eben die erste nach Hanau. Was nicht nur die CDU und die FDP haben spüren müssen, sondern eben auch besagte Alternative für Deutschland. Bei deren öffentlicher Jammerei der letzten Tage wartete man stündlich darauf, dass sie von den Angehörigen der Opfer von Hanau eine Entschuldigung für all das einfordern, was sie als verfolgte Partei alles erdulden müssen.

So gilt nun auch das hanseatische Wahlergebnis als das Ergebnis einer kollektiven Desinformationskampagne und Hetze der Öffentlich-Rechtlichen nach den Ereignissen in Hessen. NATÜRLICH hat niemand von der AfD dem irren Rassisten den Auftrag erteilt, loszuziehen und Menschen mit Migrationshintergrund umzubringen.

Den Fragen nach Verantwortung, Mitschuld und Teilhabe verweigert man sich so wenig elegant wie Alice Weidel den Finanzbehörden. Stattdessen flüchtet man sich in die lächerliche Pose der bedrohten Minderheit oder gibt sich ahnungslos. Eine Ehrenurkunde im Dummstellen möchte man hier AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla verleihen, der in einer öffentlichen Zerknirschungssimulation befand: "Wir als #AfD müssen uns fragen, warum wir mit #Hanau in Verbindung gebracht werden." Na, sowas!

"Auch wenn's schwerfällt. Wer sich rassistisch und verächtlich über Ausländer und fremde Kulturen äußert, handelt gegen Deutschland und gegen die AfD." Wäre dies auch nur im Ansatz ernst gemeint, hätte die Partei einen heftigeren Exodus als brandenburgische Dörfer. Von Meuthen über Brandner bis Weidel wären sie alle weg. Das Gerede von "Kopftuchmädchen, Burkas und alimentierten Messermännern" und dem "Entsorgen in Anatolien". Sowas kommt von sowas.

Der Ton wird immer drastischer

Schon seit langem Beobachten wir ein verbales Wettrüsten. Einen Ton, der mittlerweile so drastisch ist, dass eine Gewalttat fast zwingend logisch wie die nächste Stufe scheint, um sich "nach oben hin" irgendwie absetzen zu können. Und das geht selbstverständlich mittelbar mit auf das Konto derer, die das gesellschaftliche Klima verändern "und sich unser Land zurückholen" wollen.

Der Täter von Hanau hat nach allem, was wir wissen, alleine gehandelt. Das kann dennoch nicht in Abrede stellen, dass wir seit geraumer Zeit ein massives Problem mit dem Rechtsterrorismus haben, der mit dem Hufeisen davon zu galoppieren droht.

Natürlich handelt es sich stets um "verwirrte Einzeltäter", von denen es in Deutschland mittlerweile so viele zu geben scheint, dass sie einen Zentralrat gründen sollten. Halle. Lübcke. Teutonica. Alles Einzeltäter. Zumindest für die AfD. Die ihrerseits natürlich gleichsam nie auf den Gedanken käme, bei einem islamistischen Anschlag ähnliche Schlüsse zu ziehen.

Wenn sich ganze Passagen des "Manifestes" eines rassistischen Psychopathen genauso lesen wie das Buch deines Spitzenmanns Höcke, dann hast du als Partei ein Problem. Selbst der isolierteste, psychisch gestörteste Einzeltäter braucht eine Ideologie, auf deren Boden er seine irren Taten für gerechtfertigt hält.

Eine Message, die verfängt. Bei einer rassistisch motivierten Tat- wessen Botschaften hat er da wohl im Kopf? Stichwort "Umvolkung", "das Unterste nach oben stellen" oder die gezielte Kampagne gegen Shisha-Bars der hessischen AfD Wochen vor der Bluttat. "Wir werden sie jagen."

Die AfD hat zur Verrohung des Klimas beigetragen

Es geht um ein gesellschaftliches Klima, welches – nicht nur, aber maßgeblich – von der AfD verroht wurde. Das Potenzial war immer schon da, klar. Aber die Hooligans in Tweetsakkos und ihre Epigonen in Polyester haben das Es aus dem Käfig gelassen und tun jetzt so, als hätten sie nichts damit zu tun. Doch das haben sie. Es geht um Ethik.

Interview mit Ali Can zum Anschlag in Hanau

Und damit ist auch die "Bild" gemeint, die in bester Raubtierjournalismus-Manier munter da weiter macht, wo sie in Halle aufgehört und zum Popstartum von Amokläufern beigetragen hat: Volle Nennung des Namens. Fette Platzierung auf Titel- und Startseiten. Fotos des Täters. Bewegtbild. Die Gewissheit für den Täter, seine verwirrten Schriften prominent platziert im Blatt oder dem hauseigenen TV-Kanal zu wissen.

Fast wedelt Reichelts Zeitung mit Anreizen für Verrückte, es hier in den Recall zu schaffen. Gaulands Werk und Reichelts Beitrag. All das hängt zusammen. Es gibt einen gesellschaftlichen Kontext, in dem wir uns alle bewegen. Selbst der Verrückteste. Und da beginnt Verantwortung.

Verantwortung, die nicht alleine den Parteien anzutragen ist, sondern uns allen. Wir alle bestimmen, wie eine Gesellschaft auszusehen hat. Da können Wahlergebnisse helfen. Aber sie sind nicht das Allheilmittel. Sind wir ehrlich: Der Nichteinzug der AfD in die Bürgerschaft wäre nicht mehr gewesen als ein Pflaster. Auf eine Schusswunde.