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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Danke, 2016 - du Kackjahr!

Dieser Text dürfte Ihre Erwartungen enttäuschen. Insofern passt er schon wieder ganz gut zum Jahr 2016. Das hier wird nicht die ganz große Erbauungsliteratur. Warum auch.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über 2016

Ja, dieses Jahr ist so gut wie durch. Wenngleich ich mir sicher bin, dass es sich selbst am letzten Tag nochmal zu einem großen Lowlight aufschwingt und die Queen stirbt - oder sowas. Fuck you, 2016! Du miese, kleine Ratte. Gut, dass du bald weg bist! 

Und dann? So ein Jahr ist ja keine Bundesliga-Saison, die man auf Platz 16 abschließt, alles auf null gesetzt wird und man in der Folge dann mit einem blauen Auge Richtung Europa durchstartet. Das Leben ist nicht Eintracht Frankfurt.

Es gibt auch kein statistisches Grundrecht auf Besserung. So wie man sich sagt "nach vier Anläufen im Pokalfinale sind WIR mal dran!" (Ich bin BVB- Fan. Wir waren nicht dran.) Oder man sich nach einem miesen Sommer darauf verlässt, dass der nächste garantiert besser werden muss. Nein.

Es wird einfach so weiter gehen. Vermutlich wird es sogar noch schlimmer, und wir werden uns in ein paar Jahren sagen: "2016 - da war die Welt noch in Ordnung." Dass wir uns nicht falsch verstehen: Nur weil ich ein hoffnungsloser Optimist bin, kann ich mir diese pessimistischen Zeilen gönnen.

2017 lässt nicht hoffen

Falls es Sie beruhigt: Nach der Bundestagswahl im September wird es keine GroKo mehr geben. Allerdings auch nur deshalb, weil man den Koalitionspartner SPD mit ihren gerade mal 19 Prozent unmöglich noch als große Volkspartei wird bezeichnen können.

Der Trend zum nationalstaatlichen Cocooning wird weitergehen, keine Frage. Die völkische Verpuppung als demographischer Knick. Ich würde jetzt nicht zwingend behaupten, die Deutschen seien vorher so etwas wie ein schöner Schmetterling gewesen - dafür habe ich zuletzt aber schon verdammt viele Raupen gesehen. Die Welt am Stacheldraht.

Eine Entwicklung, an deren Ende man bei der AfD nicht mehr wissen wird, ob der laute Knall von den Korken oder Frauke Petrys Fruchtblase kommt. Wahnsinn, oder? Markus Pretzell und Frauke Petry heiraten und kriegen ein Kind. Ich will da jetzt gar nicht allzu schwarz sehen. Dennoch lohnt es sich wahrscheinlich, mal im Nacken nachzusehen, ob da nicht vielleicht dreimal die sechs eintätowiert ist oder plötzlich ein schwarzer Rottweiler im Garten steht.

Oh, da ist sie wieder! Die Dämonisierung der AfD! Jaja. Was gerne missverstanden wird: Ich kann sehr wohl die AfD und ihre dünnen, verlogenen Angebote maximal Scheiße finden und trotzdem nicht gleich jeden potentiellen Wähler per se zum Arschloch küren. Das wäre auch fatal, denn wenn wir (die Elite?) diesen Kurs weiterfahren, gehen Gauland und Co. nicht mit 18, sondern 25 mit Prozent durchs Ziel.

Vielleicht kriegen wir es 2017 hin, den Dialog wieder anders zu gestalten. Das ist auch dringend nötig, habe ich doch an mir selbst Ermüdungserscheinungen festgestellt. Bringt es noch etwas, zum x-ten Male eine bundespräsidiale Ansprache von der Facebook-Kanzel zu halten, um, ja, wen eigentlich zu erreichen? Die, die sowieso schon meiner Meinung sind? Wozu also dieser gaucksche Mahnerduktus, dieses Echokammerspiel? Um sich Redlichkeitshype einen filterblasen zu lassen?

Pornos und vorm Fernsehen flennen

Wir alle täten gut daran zur Ambivalenz unserer Gefühle zu stehen. Ich kann ja auch Pornos gucken und bei "Die Brücken am Fluss" flennen. Wer spricht mir das Recht ab, Merkels Flüchtlingskurs grundsätzlich zu unterstützen und trotzdem die Domplattentänzer-Obdachlosenanzünder-Mädchenindenrückentreter zutiefst zu verachten? Warum geht nur das eine ODER das andere? Was für ein Unsinn!

Und wer hat eigentlich die Mär in die Welt gesetzt, dass nur, weil man es für falsch hält, Menschen an der eigenen Landesgrenze erfrieren oder abknallen zu lassen, man dafür ist, auf jedwede Überprüfung der Identitäten dieser Menschen zu verzichten?

Ich gebe zu: Ich habe gekotzt, als ich lesen musste, dass die Flachwichser, die den Obdachlosen angezündet haben, aus Syrien beziehungsweise Libyen kommen. Warum? Weil mir die Richtung der folgenden Diskussion nicht gefallen würde? Natürlich! Es geht mir auf die Eier.

Hey, nix gegen 'ne anständige Verbalbeulerei, aber: Ich hasse diese dämliche Ethnodebatte und das Gesinnungsgeknüppel, in dem sich zwei Lager unversöhnlich gegenüberstehen, sich als Hecken- oder Hashtagschützen multiple Todesarten gönnen. Würde ich aufrechnen wollen? Vermutlich.

Auf jedes Freiburg kommt auch ein Höxter. Auf jeden Kurden, der seine Frau an sein Auto bindet, ein paar Berliner Asis, die in der S-Bahn eine Frau und ihr Kind anpissen. Ein Afghane sticht einem in der Bar eine abgebrochene Bierflasche in den Nacken. Einem Kumpel vor mir hat ein Deutscher mit 'nem Bierglas ein Auge geraubt. Und jetzt? Bringt das was? Nein. Will das irgendwer hören? Nein.

Je mehr sich solche Meldungen häufen, desto mehr kommt man sich vor wie ein Comical Ali der linksgrünversifften Gutmenschen, der trotz erdrückender Nachrichtenlage noch versucht, zu beruhigen und erklären, dass alles in Ordnung sei.

Aufrechnen funktioniert nicht

Also, gehen wir doch mal davon aus, dass es tatsächlich ein Problem gibt mit einem gewissen, nicht ignorierbaren Prozentsatz von Männern, die ihren Ursprung in Syrien haben, in Afghanistan, in Marokko, Tunesien, whatever. Gegenden, die nicht zwingend bekannt sind für ein modernes Frauenbild oder ein Übermaß an Schwulenparaden. Was tun?

Auf eine Obergrenze hoffen und so tun, als sei anständiges Verhalten eine Frage der Quantität? Darauf hoffen, dass der Rechtsstaat das mit aller Verfügbaren Härte regelt? Wäre schön - allein schon, damit Rainer Wendt sich nicht mehr genötigt sieht, Wolfgang Bosbach kostbare Talkshowzeit zu rauben. Das entbindet uns als Gesellschaft aber nicht unserer Pflicht, flankierend unseren kollektiven Erziehungsauftrag wahrzunehmen.

Ist jemand, der als Syrer oder Afghane in einer sechsköpfigen Familie etwas weniger Rama-Familienmomente hatte und mit einem anderen Verhältnis zur Gewalt groß geworden ist, anders drauf, als der Durchschnittsdeutsche mit seiner Luxusgesinnung? Was hat so jemand für eine Erziehung genossen? Wie wichtig ist so einem die Unversehrtheit eines Anderen? Ich weiß es nicht.

Es muss einfach in die Köpfe aller eindringen, dass wir zivilisatorische Errungenschaften haben wie Fremdenfreundlichkeit, Respekt vor Unversehrtheit des Anderen, Religionsfreiheit und -vielfalt, Gleichberechtigung, die Ablehnung von Antisemitismus. Die Früchte jahrzehntelanger sozialer Drechselei, die wir nicht zu einem Prozent bereit sind, abzugeben.

Genau so, wie wir es auch geschafft haben, in weiten Teilen Deutschlands als Gemeinschaft den Konsens zu schaffen, dass man keine Flüchtlingsheime anzündet oder Asylbewerber durchs Dorf treibt. Das geht aber natürlich nur, wenn man ab und zu mal den Arsch in der Hose hat und in der U-Bahn einen Ton sagt, anstatt sich wegzudrehen.

Ja, ich weiß, wie schwer das manchmal ist. Und hey, ich sage das aus der Perspektive des wohlsituierten Großstädters mit Lattemacchiatohintergrund. Ich bin kein ehemaliger Opelaner aus Herne, der neben einem Flüchtlingsheim wohnt.

Das heißt nicht, dass ich das für schlimm halte. Aber das heißt auch, dass ich nicht weiß, wie sich das anfühlt. Von daher ist es vielleicht ganz okay, sich zumindest anzuhören, wie so jemand fühlt.

Wird der IS auch 2017 die Irren abfischen und ihnen eine letzte große Perspektive bieten? Es gibt wenig Grund daran zu zweifeln, aber hey: In Tel Aviv leben die Menschen auch ganz fröhlich. Vielleicht haben wir Deutschen einfach schon viel zu lange einen völlig überzogenen Sicherheitsanspruch und werden jetzt gerade ein wenig eingenordet.

Was nicht bedeuten soll, dass mir der Gedanke gefällt. Ich habe eine kleine Tochter. Was glauben Sie, wie cool und lässig man da in die Zukunft blickt. Gestern. Die Nachrichten. Ich höre, dass sich rund um den Indischen Ozean hunderttausende Menschen versammeln, um der Opfer der Tsunami-Katastrophe zu gedenken. Damals, 2004. Ich werde fast ein wenig wehmütig beim Gedanken daran, dass damals noch ein einziger Horror gereicht hat, um ein komplettes Jahr zu definieren und prägen.

2016 - ein legendäres Scheißjahr für die (Pop-)Kultur. Roger Willemsen geht vom Platz, bricht uns als intellektueller Quarterback weg, während Team Doofmann permanent Zulauf zu gewinnen scheint. Eco, George, Ali. Mit wem sollen wir denn demnächst noch Selfies machen?!

Jetzt auch noch Carrie Fisher. Okay, sind wir ehrlich: Niemand, am wenigsten sie selbst, hatte wirklich geglaubt, dass sie überhaupt so alt werden würde. Traurig bleibt es natürlich.

Und ja, verdammte Kacke, wir sind alt. Und unsere Helden sind noch älter. Deshalb sterben sie mit gerade mal 86 Jahren wie Bud Spencer. Justin Bieber und Daggibee jedenfalls geht's gut. Der Rückbau unserer Jugend. Dennoch irritiert die unglaubliche Dichte, mit der der promigeile Alte da oben Gott sich seine Band Aid zusammenstellt. Muss wohl so sein.

Donald Trump ist noch nicht im Amt

In einem Jahr, das uns Bowie, Prince oder George Michael nimmt, um uns Remakes von "What is love?" oder "Would I lie to you" zu schenken, ist ein Donald Trump als Stimme des armen kleinen Mannes nur konsequent. Für alle die glauben, 2017 wird so viel besser: Der ist noch nicht mal im Amt.

Wir reden hier über einen Mann, der demnächst den Auftrag hat, als eine Art Klassensprecher der westlichen Welt mit Russland, China oder dem Iran klar zu kommen - sich bis dahin aber erst einmal mit Musical-Darstellern und Komikern anlegt. Klar, vielleicht hat er einen hochkompetenten Beraterstab um sich. Wir sollten nur nicht vergessen: Der Typ hat 'ne Zündschnur, kürzer als seine Finger. Werden bestimmt lustige vier Jahre (hoffnungsvolle Schätzung).

Ohnehin werden wir eine ganze Weile die Arschbacken zusammenkneifen müssen, in der Hoffnung, dass sich die Komplexitätsverweigerer und Hütchenspieler europaweit in der Regierungsverantwortung selbst entlarven, sodass in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht wieder kompetentere Leute gefragt sind.

Bis dahin entwickeln wir uns einfach heiter weiter zurück bis tief in die 80er hinein. Das Fernsehprogramm trägt dem bereits Rechnung. Winnetou, Glücksrad, Tutti Frutti ...

Wahrscheinlich gewinnt im September Kohl die Wahl - für die SPD. Die CDU war ihm einfach zu weit links. Vielleicht kommt es aber auch alles ganz anders und Gott nimmt irrtümlich an, Trump sei ein berühmter Musiker - dann nähme das Jahr doch noch eine interessante Wendung.

Ja, 2016 war ein Kackjahr. Es deutet aber leider nun mal vieles darauf hin, dass 2016 der frische Schiss ist, der ab 2017 so richtig zu dampfen anfängt. Da müssen wir jetzt durch. 

Außerdem ist Malle schon gebucht.