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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Ein VW Diesel ist dreckiger als der "Playboy"

Der US-"Playboy" will keine Nackten mehr drucken? Ein schwerer Schlag für Micky Beisenherz, der hier eine zarte Ode an die Nacktheit, die Jugend und die Manipulation verfasst.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz Playboy

Micky Beisenherz trauert dem alten "Playboy" nach

Ich bin ein Mann, der bislang selten geweint hat. Gestern habe ich es. Und auch heute ist meine hilflose Wut kaum abgeschwollen.
Die Meldung, dass der "Playboy" künftig ohne Nackte auskommen will, traf mich an der empfindlichsten Stelle. Dem Herzen. Glaub ich. Der "Playboy" ohne Bunnies - das ist wie der "Spiegel" ohne Hitler. Das geht doch nicht. Wie konnte es soweit kommen?
"Heute reicht ein Mausklick, um sich jeden nur vorstellbaren sexuellen Akt im Internet herunterzuladen", so der Chefredakteur des US-"Playboys", Scott Flanders.
Ich halte es da mit dem großen Philosophen Homer. Also, Homer Simpson. Verdammter Flanders!!!
Die Tatsache, dass sogar Hugh Hefner den #Sexit absegnet, kann nur vom nahenden Ableben des Blattgründers künden. Ihm scheint bereits alles egal.
Die "massive Verbreitung von Pornografie im Internet" lasse "die züchtigeren Stand- und Liegebilder der eigenen Damen überholt erscheinen." Da möchte der Teenager in mir direkt zum Taschentuch greifen. Und heulen.

Gerade jetzt, da man einer Pornodarstellerin schon einen ICE durchs Rektum jagen muss, um einem 13-Jährigen auf dem Schulhof noch ein müdes Lächeln zu entlocken, ist die old fashioned Erotik des "Playboy" wichtiger denn je.
Eine wichtige Sensibilisierung für die Schönheit der weiblichen Anatomie. Ganz ohne brünftige Wanderschwellkörper, die schon mit ausgefahrener Rute auf das Silikonwild in Duldungsstarre warten. Internet killed the Centerfold Star.
Die Häschenpostille ist der Manufactum-Katalog der Freikörper-Kultur. Gern erinnere ich mich an die wunderbaren Jahre, in denen mein Bruder und ich uns gegenseitig die Masturbix-Hefte geklaut haben, um uns mit Pamela Anderson, Sonja Kirchberger oder Bo Derek ein paar aufregende Minuten zu machen. Papierne Polyamorie mit bedingter Reue.
Ich bestaunte Heidi Brühl, wie sie sonst nur Franz Beckenbauer sehen durfte. (So langsam klinge ich wirklich wie Paul Sahner.) Unangezogen ungezogen. Herrlich einfaches, ja, spektakulär unspektakuläres Entertainment.
Damals wohnten wir unter einem Dach mit unserem Onkel Günther, der als Helmut-Newton-Fan und Ästhet alle Ausgaben von 1972 bis 1989 chronologisch geordnet, katalogisiert und wie die Bundeslade eingelagert hatte. Das sollte ihm nichts nutzen. Wir bekamen Wind von dem gedruckten Gold.
Noch bevor er sie laminieren konnte, fielen wir über die Sammlung her wie betrunkene Tubisten über die Hopfenkönigin in einem von-Schirach-Roman. 1989. Das Jahr der Wende. Onkel Günthers Sammlung fiel wie die Mauer.
Und auch, wenn sie arg zerfleddert und ramponiert war - ich hütete sie wie Gollum seinen Ring. Nicht selten machte ich einen ähnlich krummen Rücken.

Hannelore Elsner als Klappposter

Der "Playboy" nahm RTL plus damals viel aufklärerische Arbeit ab. Und jetzt soll das vorbei sein?
Was geschieht mit all den deutschen Schauspielerinnen, die auf ein Karrierezwischenhoch hoffen, um mit "ästhetischen Fotos den Enkeln später zu zeigen, wie die Oma mal ausgesehen hat"? Was soll nur werden aus Soap-Darstellerinnen, denen die Chance genommen wird, uns für 1500 Folgen "GZSZ" zu entschädigen?
Werde ich nach Witta Pohl jetzt auch um die Möglichkeit betrogen, endlich doch noch einmal Hannelore Elsner (seit ca. 73 Jahren Deutschlands zweiterotischste Frau) als Klappposter sehen zu dürfen?
Ich gebe gern zu, dass ich zu den Irren gehöre, die tatsächlich die Interviews und Texte lese, und doch: Wenn ich menschenleere Strände sehen will, kann ich mir auch die "Geo" kaufen.
Ein Land, in dem ein VW Diesel dreckiger ist als der "Playboy" - dort möchte ich nicht leben! Zum Glück muss ich das auch nicht. Der Chefredakteur des deutschen "Playboy" beteuert, dass die hiesige Version von der amerikanischen Mammophobie nicht betroffen ist.
Doch ähnlich dem Bluff, als Merkel und Steinbrück vor die Deutschen traten, um zu versichern, dass die Spareinlagen sicher sind, denke ich: Wir sollen hier in Sicherheit gewiegt, eine Massenpanik verhindert werden.
Schon bald könnte TTIP uns amerikanische Nacktheitsstandards bescheren, die Islamisierung des Abendlandes uns die Freude an hochglänzenden Arzthelferinnen verderben. Möglicherweise ist das aber auch Unsinn.
Was nicht bedeutet, dass es nicht bereits morgen so im Internet zu lesen ist.

Julia Biedermann sorgte für Totalschaden

Sicher, auf zu verzichten, das ist auch schon beim deutschen "Playboy" erwogen worden. Spätestens, seitdem die Ausgabe mit Julia Biedermann für einen wirtschaftlichen Totalschaden gesorgt hatte. Verdiente Masturbanten nestelten damals panisch nach der "Apotheken Umschau", um sich von den schrecklichen Eindrücken abzulenken.

Ja, es heißt: Die Nacktheit gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Doch wie lange hält dieses Versprechen? Die Angst blättert ab sofort mit.
Nicht mehr lang und ich kann den "Playboy" nur noch nutzen, um den Gratis-"Focus" darin zu verstecken. Natürlich nur, wenn die "Super Illu" im Flieger aus ist.
Jetzt gilt es, sich langfristig nach Alternativen umzusehen. Die "Dicke Busen", die ich einst im Kiosk am Ende der Reeperbahn entdeckte. Die Septemberausgabe von "Schöne Popos", auf die mein Blick in einem Büdchen in Köln-Ehrenfeld fiel und deren neoliberaler Ansatz im Leitartikel mich so aufgewühlt hatte (vermutlich steckt wieder dieser Ulf Poschardt dahinter).
Ich glaube, ich hole gleich die gratis "Bild" mit den lackhosigen GEZ-MILFs Ferres und Furtwängler aus dem Müll.
Wer weiß, was da noch für Zeiten kommen. Und: Wer hat schon überall W-Lan?

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