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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Merz wird Kanzler! Wer denn sonst?

Bei der CDU jedenfalls schulzt es gerade ganz gewaltig: Friedrich Merz bewirbt sich um den Parteivorsitz. Was für ihn spricht: Er trägt weder Lederjacke, noch Rolex.

Ein Kolumne von Micky Beisenherz

Friedrich Merz

Friedrich Merz möchte gerne Angela Merkel als CDU-Vorsitzende beerben.

DPA

Hat Friedrich Merz heute schon zwei Blinde geheilt, ein Dutzend Rollstuhlfahrer zu Nordic Walkern und Birgit Schrowange wieder dunkel gemacht? Nach der Berichterstattung der letzten zwei Wochen muss man zwingend davon ausgehen, dass der Bustourismus gen Lourdes derzeit in großem Stil Richtung Arnsberg umgeleitet wird. "Los, Leute, jeden Moment könnte er Tränen weinen!" 

Gefühlt ist der einstige Polit-Paria bereits Kanzler und man fragt sich, warum Mitbewerber wie Annegret Kramp-Karrenbauer oder Jens Spahn überhaupt noch antreten oder als was eigentlich. Zumindest Spahn muss man zugutehalten, dass er sich mit einem selbst produzierten Image-Video schnell zu einer Art YouTube-Star gemacht hat, der, wenn er schon nicht Merz oder AKK schlagen kann, dann zumindest das niesende Pandababy als meistgeklickter Clip im Netz.

Vermutlich wollte sich der präpotente Münsteraner als tatendurstiger Staubsauger Berlins inszenieren - dabei herausgekommen ist etwas, das wirkt, als hätte Michael Kessler mit einer alten Milhouse-Maske Christian Lindners Wahlwerbespots nachgedreht. Und das auch noch in Farbe! Dabei macht er mit seinem dicken Wagen mehr Kilometer durch die Bezirke Berlins als Toni Hamadi in "4 Blocks".

Aber, und da klinge ich wie viele in der CDU, wir wollen uns gar nicht weiter mit Spahn befassen. Dessen Zeit kommt noch. Zumindest, wenn er sich gut pflegt und jede Vorsorgeuntersuchung mitnimmt. Denn, wie wir jetzt gelernt haben, hat man in der Politik mit Anfang 60 die nötige Reife, um als junger Wilder durchzustarten.

Ich gebe zu, dass die Souveränität des Auftritts von Friedrich Merz bei der Bundespressekonferenz etwas seltsam Elektrisierendes hatte. Mag an dem bondesken "Merz, Friedrich Merz"-Entrée gelegen haben. Womöglich auch, weil vorher noch ein Bericht über Armin Laschet lief. Dieses leicht Sinistre, dieses Mit-mir-habt-ihr-nicht-gerechnet - fehlte eigentlich nur noch die weiße Katze auf dem Schoß. Fast schade, dass man vorher schon wusste, wer kommt.  Sonst wäre ein sich in Richtung des Publikums drehender Sessel auch schön gewesen.

Friedrich Merz liegt in Umfragen vorne

Schon jetzt liegt der Comebacker in Umfragen vorne und der Hype dürfte bis auf Weiteres kaum zu bremsen sein. Auch, wenn es so scheint, als würde man es versuchen. Oder glaubt jemand daran, dass es Zufall ist, dass die Firma deren Aufsichtsratsvorsitzender Merz seit 2016 ist, nach einem anonymen Tipp ausgerechnet jetzt Besuch von der Steuerfahndung kriegt. Und wo war Jens Spahn eigentlich in der Zeit?

Sicher, die Jahre, um die es bei der Untersuchung geht, fallen nicht in die Amtszeit des Kandidaten - so richtig kleidsam wäre es aber auch nicht, sich einerseits als Merzzias zu inszenieren, während man einer Bande von Steuerbetrügern vorsteht. Cum-Ex und Hopp? Deutet derzeit wenig drauf hin.  Dafür ist das "Narrativ" (schreckliches Wort, ich weiß) vom Renegade mit der Wild Card viel zu interessant.

Kann Merz Boris Becker entschulden?

Arrivierte Journalisten wie Gabor Steingart werden fast zu Fan Boys, manche Reporter vergessen sogar, bei Robert Habeck vorm Haus zu schlafen und in der breiten Bevölkerung flammt eine leise Hoffnung auf, es könne alles wieder so werden wie es in Wirklichkeit nie war. Die "Bild" unterstellt ihm fast Zauberkräfte, als könne er im Alleingang die AfD verschwinden, Trump durch einen brennenden Reifen springen lassen und Boris Becker entschulden. Oder zumindest Afrika.

Logisch, wenn die Hoffnung einer Partei auf einem 62-jährigen "Neuling" ruht, dann ist das - in Anlehnung an die Kühnert-Schmähung von Hajo Schumacher - auch eine Art Krisensymptom. Aber hat die SPD im letzten Jahr nicht bewiesen, dass genau das ein Erfolgsmodell ist? Halt, nein. Stimmt. Hat sie gar nicht. Bei der CDU jedenfalls schulzt es gerade ganz gewaltig. Spätestens, wenn Merz auf dem Parteitag mit 100 Prozent der Stimmen zum Vorsitzenden gewählt wird, packt Markus Feldenkirchen schon mal die Koffer für die gemeinsamen Reisen.

Durch Warten hat sich auch Annegret Kramp-Karrenbauer (von der es heißt, die wird es, weil kein AfD-Wähler den Namen fehlerfrei geschrien kriegt) ausgezeichnet. Während Spahn zügig den Kehlsack aufgebläht und Merz den politischen Kachelmann gegeben hat, hörte man von AKK zunächst einmal: lange nichts. Womit sie nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch ihrer Chefin in nichts nachstehen dürfte. Das könnte genau ihr Problem werden.

Er trägt weder Lederjacke noch Rolex

Merz muss man zugutehalten, dass er den politischen Betrieb auf eine Art durchquirlt, wie es den Mitbewerben aus dem inneren Kreis der Partei kaum möglich gewesen wäre. Für die einen ist er der neoliberale Satan. Für die anderen der Verpisser. Wieder andere verehren ihn als konservativen Reformator, der dieser Partei doktormangmäßig ihr Gesicht zurückgeben will.

Eines aber kann man DJ Bierdeckel nicht vorwerfen: Er trägt weder Lederjacke noch Rolex. Das scheint wohl das derzeit wichtigste Kriterium zu sein. Und überhaupt: Er ist ein alter, weißer Mann. Wie können wir überhaupt darüber nachdenken,  dass es jemand anderes werden könnte.

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