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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Wer schreibt, der bleibt

Micky Beisenherz meint, dass ein paar Sätze im Gästebuch eines noblen Hotels zu hinterlassen, das Image aufpolieren kann. Vorausgesetzt, man schreibt keinen Stuss.

Micky Beisenherz: Wer schreibt, der bleibt – außer, man schreibt Stuss

Micky Beisenherz: "Irgendein Mist aus 'Der kleine Prinz' geht immer"

Der Koalitionsvertrag ist bekanntermaßen noch so weit von einer Unterschrift entfernt wie Dieter Bohlen vom Grammy. Aber als regelmäßige Hotelgäste hatten die meisten der Sondierungsversager ja schon anderweitig Gelegenheit, Sinnstiftendes zu Papier zu bringen. Schließlich freuen sich Hotels immer über geistreiche Einträge in ihre Poesiealben. So was wie "Ich mag Ihr vollverspiegeltes Badezimmer. HDGDL, Christian Lindner".

Es tut einfach gut, nicht nur willkommen zu sein, sondern auch zu wissen, dass die Herberge den Aufenthalt festgehalten wissen will. Das Gästebuch ist Balsam für die Seele von Kommissar-Darstellern und TV-Ärzten, die mit etwas Glück zwischen Ai Weiwei und Salman Rushdie landen und sich bis auf Weiteres von diesem Bedeutungsschub nicht mehr erholen.

Micky Beisenherz: "Irgendein Mist aus 'Der kleine Prinz' geht immer"

Ähnlich wie am Büfett sollte man allerdings darauf achten, nicht zu häufig aufzutauchen. Das wirkt sehr schnell bedürftig. So weiß ich von guten Hotels, dass sich einige ihrer Gäste gern jedes Mal verewigen – und das mit abgehangenen Witzen auf Schülerzeitungsniveau. Für solche Gäste haben die Hotels extra ein Zweit-Buch angelegt. Wenn die Wichtigen anreisen, wird dann schnell das richtige Papier ausgelegt.

Sollten Sie mal in die Situation geraten, an der Rezeption zum Stift greifen zu müssen, sind zwei Dinge wichtig:

1. Inspiration. Bedenken Sie, dass die Nachwelt Ihre geistigen Ergüsse im Zweifel lesen wird. Irgendwem ist immer mal langweilig. Oft bieten Hotelfrühstücksräume oder carpediemige Mottotapeten fast konfuzianische Schätze. Und irgendein Mist aus "Der kleine Prinz" geht immer.

2. Handschrift. Vor dem Eintrag unbedingt fünf Minuten lang Schönschrift üben! Durch die grassierende Smartphoneritis haben wir ja alle verlernt, ordentlich zu schreiben. Und Sie wollen ja nicht, dass man Sie für jemanden hält, den man nach 13 Jahren aus dem venezolanischen Busch gezogen hat. Oder für Pietro Lombardi.

Übrigens sind es nicht nur Herbergen, die Gästebücher auslegen. So hörte ich gerade von einem McDonald's, nahe der A 9 zwischen Nürnberg und München, der ebenfalls über ein geheimes Gästebuch verfügen soll, in das sich angeblich sogar schon Ernst August von Hannover eingetragen hat.

Vor Jahrhunderten war es wohl üblich, dass die Adligen sich beim Kutschwechsel in das Gästebuch der jeweiligen Herberge eintrugen, und, nun ja, an dieser Stelle ist jetzt ein Burgerladen, und Adel fühlt sich verpflichtet. Sehen wir es positiv: Ernst August hat sich woanders schon ganz anders verewigt.

Gästebücher sind ein wunderbarer Akt der Prahlerei

Es bahnt sich übrigens ein neuer Trend an: Man entert kurz die Lobby eines fünfsternigen Hotels, um sich am viel beschäftigten Concierge vorbei dreist ins Gästebuch einzutragen. Auf dass die künftigen Gäste der noblen Herberge einen als regelmäßigen Besucher ausmachen. Das erspart einem im Zweifel ein teures Auto als Statussymbol.

Es ist ja nicht nur so, dass der Mensch ungern vergeht und deshalb sein Revier auf Toilettentüren, Stromkästen oder Facebook-Seiten markiert. Gästebücher sind ein wunderbarer Akt der Prahlerei, der für beide Seiten gewinnbringend ist: Das Hotel kann sich mit dem berühmten Gast rühmen, während der berühmte Gast selbst in Zeiten finanziellen Abschwungs so auf Papier verewigt ist, dass man ihm gern attestiert, er verkehre regelmäßig an dem schönen Ort. So wie ich das hier mache. Alle zwei Wochen.

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