HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: AfD-Wähler: Wir hier gegen die da

Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt - und all die Bessermenschen bei Twitter und Facebook prügeln auf die doofen Ossis ein. Wie viele potenzielle AfD-Wähler sie damit wohl erreichen werden?

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über die AfD

AfD-Chefin Frauke Petry geht von Bord. im Hintergrund der Schweriner Landtag, in den ihre Partei mit 21 Prozent der Wahlstimmen eingezogen ist.

Na? Haben Sie sich heute, gestern oder vorgestern auch schon lauthals und wortreich darüber ausgelassen, wie doof die Ossis sind und wie man nur die Rechten wählen kann? "McPomm! Da, wo die Parolen noch billiger sind als die Grundstückspreise!" Und wie viele potenzielle AfD-Wähler glauben Sie, damit erreicht zu haben? Ich sag's Ihnen: Null. Genau. Null.

Alles andere wäre ja auch komisch. Haben Sie doch schon vor Monaten lauthals und wortreich erklärt, jeden AfD-Sympathisanten aus Ihrer Facebook-Fußgängerzone befreit, pardon, "gesäubert" zu haben. Wen wollen Sie also mit Ihrer Botschaft erreichen?

Jemand fasste den Wahlsonntag in den sozialen Netzwerken so zusammen: "Und jetzt wieder: Kluge sagen Dummen wie dumm sie sind. So wird's bestimmt besser. Nicht." Das ist leider nur bedingt richtig. Viel wahrer ist doch: Die Klugen sagen nur den anderen Klugen, wie doof die Doofen sind. Wir sind ja schließlich hier unter uns, in unserer "Filterblase" - und da will natürlich keiner seinem Nachbarn schuldig bleiben, zu zeigen, dass er den Moralbizeps noch viel heftiger anspannen kann als er.

Wobei das Attribut "die Klugen" auch nicht wirklich stimmt. Denn wären wir wirklich so klug, würden wir uns gewiss anders verhalten, anstatt durch unser Schlauermensch-Gepose die Kluft zwischen UNS und DENEN noch zu verbreitern. Natürlich spüren DIE das auch. Unsere arrogante Ablehnung. Unseren Hohn. Den Spott.

Mit jeder "heute-show", jeder Folge "extra3", jeder Satire, jedem Cartoon und lustigen Bildchen merken die Dümmermenschen, dass wir sie für ebenjene halten, ja, uns sogar so despektierliche Begriffe für sie ausdenken. Uns tut das gut. Allein, es ist kontraproduktiv.

Natürlich hat der Triumphzug der AfD (darf ich Berlin schon einpreisen?) viele Väter - und Mutti. Da ist der mittlerweile schon historische Satz "Wir schaffen das", der als beginnender Relativsatz ungleich weniger Schaden angerichtet hätte. "Wir schaffen das, indem... " wäre schön gewesen. Oder ein "... mit folgendem Zehn-Punkte-Plan." Stattdessen trägt die Bundesregierung monatelang öffentlich ihre Planlosigkeit, Uneinigkeit, ja, sogar offene Feindseligkeit aus.

Angefangen mit Horst Seehofer (der ja quasi der AfD light vorsteht), der alleine schon dadurch belegt, wie verwirrt Teile der Bevölkerung sind, dass man ihn sogar außerhalb Bayerns als ernsthafte Kanzleralternative sieht. Absurd, ich weiß.
Gefolgt vom gewohnt meinungsflexiblen Sigmar "Flip Flop Siggi" Gabriel, der - so langsam muss man ja mal wahlkampfkompatible Absatzbewegungen vom Seniorpartner machen - in den CSU "Obergrenzen"-Jargon wechselt und den Koalitionspartner für den Kurs in der Flüchtlingsfrage offen angreift. Dass er vor ziemlich genau einem Jahr noch als "Refugees Welcome"-Maskottchen mit dem "Wir helfen"-Button der "Bild"-Zeitung im Bundestag saß - hey, was interessiert ihn das Geclippe von gestern!

Nach Landtagswahl in MV: AfD bekämpfen oder ignorieren? Das sagen sieben Demokraten


Opposition ist eine bequeme Couch

Seehofer gegen Merkel. Gabriel gegen Merkel. Schäuble gegen Maas. Und in genau dieses Gezänk am Steuerrad der Demokratie grätscht die AfD, die all den Abgehängten, Angstvollen und, ja, natürlich auch Rechten vorgaukelt, eben genau einen Plan zu haben, wo sich andere noch über den Kurs streiten. In komplizierten Zeiten sind die mit den einfachen Antworten der gern besuchte politische Ein-Euro-Shop. Und (noch außerparlamentarische) Opposition ist eine bequeme Couch.

Als hätte das nicht gereicht, musste dann auch noch kurz vor der Wahl die Berliner Erklärung her, in der die Union ein bisschen hart sein wollte, ein bisschen die Burka verbieten wollte, ein bisschen Law & Order sein, ein bisschen AfD spielen wollte. Dann aber schlussendlich nicht konsequent, bzw. rechts genug war, um echte AfD-Sympathisanten abwerben zu können. Dafür aber dumm genug, mit der Überthematisierung der Burka die Angst der Bürger noch einmal zusätzlich zu schüren. Schön doof. Vom Timing mal ganz abgesehen.

Auf wen haben die Rechten eigentlich alles geschoben, bevor die ganzen Importschuldigen über die Balkanroute kamen?

Bildungsbürgerliche Hochnäsigkeit

Am Ende ist die AfD Volkspartei. Punkt. Und warum undemokratisch? Sie ist doch demokratisch gewählt worden. Darüber hinaus ist die Wahlbeteiligung fast zehn Prozent höher als noch vor fünf Jahren. Der Satz "geht wählen!" zieht also auch nicht mehr so richtig. Geht euch 'ne Zeitung kaufen? Denkzettel heißen ja nicht so, weil sie zwingend von Denkenden verteilt werden. Aber auch das ist natürlich schon wieder falsch. Diejenigen für bescheuert zu halten, die ihr Kreuz bei der AfD machen.

Am Ende aber ist unsere bildungsbürgerliche Hochnäsigkeit Teil des tiefen Grabens, der sich durch Wahldeutschland zieht, in Berlin seine Fortführung findet und im Herbst 2017 nochmal richtig lustig wird.

Denn je lauter wir über DIE DA lachen, desto heftiger werden die gegen das anwählen, was sie für die Elite halten. Und da sind mitnichten nur die etablierten Parteien gemeint, von denen sie sich ungehört fühlen, sondern eben auch wir, die wir - nicht selten in gentrifizierten Vierteln sahneschlagend hocken - immer wieder unsere Verachtung für Andersdenkende und, jaja, "Abgehängte" raushängen lassen.

Natürlich ist all das hier nur ein Teil der Wahrheit. Und auch ich kenne die Bilder von den Unbelehrbaren und Usedummen irgendwo zwischen -itz und -ow, die Fischbrötchen mampfend zu Protokoll geben, dass es "mir egal ist, ob der Neger was zu fressen hat. Der hat ja mehr Rechte als wie wir!" Zur allgemeinen Aufklärung werden wir aber kaum beitragen, indem wir für unsere ähnlich tickenden Facebook-Freunde das immergleiche #FuckAfD ablaichen.

Mal ehrlich: Das machen wir doch einzig und allein nur für uns, oder?