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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Das Zeitgefühl in Krisenzeiten: Mehr erste Male, bitte!

Mehr Leben
© Dieter Braun
Wenn viel Neues passiert, erscheint uns die Zeit im Rückblick länger. Weil ja so viel passiert ist. Wir sollten dafür sorgen, dass das immer so ist. 
Von Micky Beisenherz

Vermutlich geht es Ihnen nicht anders, ich jedenfalls stelle fest: Der April ging bedeutend schneller rum als der März. Das mag daran liegen, dass die Zeit rast, wenn man sich mit fünf anderen zum regelmäßigen Corona-Picknick im Park trifft.

Gut, ja ja, okay. Ich habs natürlich auch nicht gemacht.

Ich bin der, der sich genervt stöhnend beim Joggen an Vierergruppen vorbeigeschoben hat, die offenbar einen Impfstoff in der Bauchtasche hatten – ansonsten wären sie nicht so ungerührt durch die Grünanlagen gegockelt.

Wo war ich?

Die Zeit ist verflogen

Ach ja, die Zeit. Nun, so merkwürdig es ist: Fortunas häss­liche Schwester Corona hat im März ihr verkeimtes Füllhorn so reichlich über uns ausge­kübelt, dass wir ständig Neues erlebt haben. Nicht schön zwar, aber spannend allemal.

Die kontrollierte Defensive versetzte uns unfreiwillig in die Situation, dass wir wie ­Kinder am Bauzaun zusehen konnten, wie ein gewaltiger Bagger unser gewohntes Leben abtrug.

Im April wiederum hat sich unter dieser gewaltigen Käseglocke eine gewisse Form der Gewöhnung eingestellt. Und in ebendieser empfindet der Mensch die Zeit anders. Es ist wie bei einer Ketchupflasche: Erst haust du drauf, bis ein ­wenig kommt und dann: Ruuuummms. Haste blitzschnell den ganzen Mist auf dem Teller. Und hättest eigentlich gern langsamer davon genossen.

Es müssen nicht einmal Highlights sein – auch Lowlights sind so einprägsam, dass sie unsere Erinnerung dahingehend verändern, dass uns gewisse Lebensphasen einfach länger vorkommen. Dort, wo wir Neues erleben, da dehnt sich die Zeit.

Auf das Leben in seiner Gesamtheit gesehen helfen also nur neue Sinneseindrücke, um mehr Zeit aus unserer Existenz herauszuschlagen. Je mehr erste Male es gibt, desto reichhaltiger empfinden wir subjektiv.

War die Zeit bis zum Abitur nicht die längste unseres Lebens? Eine Aneinanderreihung von Premieren. Laufen lernen, Sprechen lernen, der erste Alkohol (wobei der die beiden zuvor genannten Lern­erfolge schnell zunichte machen konnte und auch später dafür sorgen sollte, dass man viele kostbare Erinnerungen schnell wieder verloren geben musste).

Die Einschulung, die Kommunion, erster Tag auf dem Gymnasium. Bis zum Erhalt des Führerscheins war unsere Existenz geprägt von der steten Neuentdeckung blinder Flecken auf der Karte des Lebens. Wir waren der Magellan auf dem Ozean unserer Jugend, der gefüllt war mit Sinneseindrücken. Immer wieder war Neuland in Sicht.

"Routinen sind ein Warp-Antrieb für Lebenszeit"

Klar kam einem die Zeit auch deshalb besonders lang vor, weil man schmachtend auf ­etwas, etwa die lang ersehnte Fahrerlaubnis, gewartet hat. Dank der neuen Bußgeld- und Punkteregelung kommen viele von uns bald mal wieder in den Genuss dieser Sehnsucht.

Ist man dann erst einmal richtig ins Berufs- und Rest­leben eingestiegen, geht plötzlich alles rasend schnell. Die Routinen sind ein Warp-Antrieb für Lebenszeit, und so gilt für das ganze Leben dasselbe wie für einen Urlaub: Ist man erst einmal "angekommen", geht es plötzlich schnell.

Was lehrt uns das?

Schaffen wir bleibende Erinnerungen. Erleben wir Neues. Neue Fähigkeiten. Neue Eindrücke. Ich hätte jetzt fast gesagt: Wir müssen mehr reisen. Für solche Ratschläge gab es schon bessere Jahre. Wobei ich mir andererseits vorstellen kann: Drei ­Wochen Eckernförde können einem auch seeeehr lang vorkommen. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Micky Beisenherz freut sich auf Sie: Was bewegt Sie? Tauschen Sie sich mit unserem Kolumnisten aus: www.facebook.com/micky.beisenherz


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