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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Mit Arschbombe in die zweite Welle – Schwimmen als Schichtdienst

Badegäste genießen das sonnige Wetter an einem See in Baden-Württemberg
Badegäste genießen das sonnige Wetter an einem See in Baden-Württemberg
© Christoph Schmidt / DPA
Sommer, Hitze, Badewetter: Doch in Corona-Zeiten wird der Ausflug ins Schwimmbad zur Herausforderung. Micky Beisenherz über Maskenpflicht im Freibad, eingeteilte Badezonen und pubertierende Jugendliche.

Nahm ich lange an, zu den höchsten Privilegien zähle es, in guten Restaurants einen Platz reservieren zu können, so muss ich im Sommer 2020 lernen: Es sind die Freibäder, deren Liegeplätze so heiß gehandelt werden wie sonst nur Gold oder im März noch die Hefe. (Dass man bei Begriffen wie Hefe oder Klopapier nur noch genervt abwinkt, sagt auch viel aus über die unglaubliche Dynamik dieses Jahres).

Nachdem der Sommer in Hamburg einen längeren Anlauf genommen hatte als Zaza bei der EM 2016, hat er sich nun endlich dazu durchringen können, sein Coming Out zu haben. Bedeutet leider auch, dass natürlich alle zwischen Tötensen und Pinneberg gleichzeitig in die Becken wollen.

Positiv: Die langen Schlangen von früher vorm Freibad, die gibt es nicht mehr. Negativ: Das liegt daran, dass man sich vorher online anmelden muss. Es soll halt noch nach Freibad aussehen und nicht nach Corona-Demo. Sehr, sehr negativ: das Ganze nach Möglichkeit mit einem Vorlauf, der so manches Straßenverkehrsamt locker toppen dürfte. Nur, um dann in Drei-Stunden-Timeslots auf der Liegewiese wie ein Heinz Sielmann der Sozialwissenschaften jungen Leuten beim Balzen zuzusehen. Rumhängen als Schichtdienst.

Meine spontanen Pläne, "mal eben" ein paar Bahnen zu ziehen sollten sich also zerschlagen. Übrigens war das mit dem "Bahnen ziehen" eine glatte Lüge – ich plantsche höchstens, weil ich nach zwei Bahnen stets die Schnauze voll habe.

Ich entschied mich auf Anraten eines Freundes für ein Naturfreibad. Ein kleiner See. Mit Steg. Auf dem sogar ein Sprungturm steht. Nach gerade einmal fünfzig Minuten im glühenden Auto war ich dann auch dort. Ist ne große Stadt. Mit viel Verkehr.

Mit Maske "BITTE DEUTLICH SPRECHEN"

Obwohl der Eingang im Freien ist, tragen die Menschen vor mir Masken. Als Herdengetriebener schließe ich mich ihnen an. Machen wohl alle hier. Für die Frau im Kassenhäuschen deutlich zu viele. Auf der Plexiglasscheibe prangt ein Schild: "BITTE DEUTLICH SPRECHEN".

Der See und der Sand sind schon da, jetzt kommen die Nuscheln. Durch die Maske hindurch bitte ich um ein Ticket und klinge dabei wie Til Schweiger nach einer Moselrundfahrt. Ungehalten tippt die Frau gegen die Plexiglasscheibe und bedeutet mir energisch, doch mal die Maske abzunehmen. Jetzt komme ich mir wie ein hypochondrischer Depp vor.

Zumindest wie Anfang März, als das Tragen einer Maske noch eher wie ein Spleen überängstlicher Apokalyptiker wirkte. Das werde ich nach Corona sehr vermissen: diese Grundgereiztheit der Menschen.

Kaum aus dem Eingangsbereich heraus, schlappe ich Richtung Liegewiese, den See begutachtend, als es schon wieder unangenehm schallt: TAPP-TAPP-TAPP. Aus dem Kassenhäuschen klopft der zweite Einlassscherge gegen die andere Plexiglasscheibe, um mich unangemessen fuchtelnd darauf hinzuweisen, dass ich an einem Stehpult wohl noch etwas zu erledigen hätte. Ah. Die Anwesenheitsliste.

Anders als Berliner Kneipenbesucher oder Datenschutzskeptiker trage ich mich so ordentlich ein, wie es meine iPhone-geschädigte Hand noch vermag. Kein "Larissa LaLundt", kein "Andreas Baader" – an mir soll es nicht liegen. Wenn man später die Daten der Besucher nicht mehr nachhalten kann, liegt es vorrangig daran, dass wir alle zwischen iPhone 4 und 11 das Schreiben verlernt haben. Später soll ich den Zettel dann vor dem Verlassen des Bades durch einen provisorischen Ausgang in eine Art Mülltonne mit Briefschlitz stecken. So ähnlich stellt sich Trump vermutlich die Briefwahlen vor.

30 Jahre Einheit und jetzt ist die Zone zurück

Gerade will ich einigermaßen genervt auf die Wiese, da fängt mich der nächste ab. Ein junger Schwimmmeister, der aussieht als hätte man David Hasselhoff mit Philipp Amthor gekreuzt fragt mich, in welcher Zone ich liegen möchte. 30 Jahre Einheit und jetzt ist auch noch die Zone zurück. Danke, 2020.

Himmel, was für Umstände. Es ist mir alles zu viel. Ich will doch nur schwimmen, verdammte Kacke. Mehrmals muss ich mich daran erinnern, dass es diese Formalien sind, dass ich in diesem Jahr ÜBERHAUPT an solch öffentliche Orte darf. Dann geht es wieder.

Ich entscheide mich für die gelbe Zone. (No Wuhan pun intended.) Weit weg vom Babyschwimmbereich oder den Spielplätzen. Was mich dennoch nicht davor bewahrt, dass junge Väter mit Tätowierungen, vor denen selbst der RTL2-Programmdirektor zurückschrecken würde, Namen wie "Alessio" oder "Ava" quer durch meinen Ruhebereich grölen.

Ich erhebe meine kleine Körperwelt, um die Badenden an meiner Anwesenheit teilhaben zu lassen, da der nächste Schock: Der Eingang zum Steg ist mit Flatterband abgesperrt. Dümmer als ein Hamster frage ich einen anderen Bademeister, was ich denn nun tun soll, um zum Sprungturm auf der breiten Badeplattform am Ende des Steges zu gelangen. "Ja, schwimmen", so seine wenig überraschende Lösung.

Das ist insofern unschön, als mein betont lässiger Catwalk ausfallen muss und ich mich zögerlich wie Ross Anthony beim Eistauchen ins 21 Grad kalte Wasser begebe. Dass sich hinten vor dem Sprungturm dann doch alle drängeln sollen wie morgens um acht vorm Regionalexpress, gehört zu den dumpfen Wahrheiten aller Hygienekonzepte.

Es riecht nach Schilf, Algen und Kindheit

Den Sprung vom Dreimeterbrett absolviere ich mit erstaunlicher Lässigkeit und überwinde mit nunmehr 43 Jahren auch die letzten Höhentraumata. Das Wasser ist herrlich. Es riecht nach Schilf, Algen und Kindheit. Ein Geruch, den einem kein gechlortes Becken je wird geben können. Jetzt ist es ein Sommer.

Das Wasser kommt mir stellenweise auch deutlich wärmer vor als 21 Grad. Was womöglich auch an denjenigen liegen könnte, die vermeintlich sinnierend vertikal im Wasser treiben und verträumt Richtung Ufer blicken, während sie in Wahrheit ... nun ja, Sie wissen schon.

Ich mache mich auf, schnell unter dem Dreimeterbrett wegzuschwimmen, bevor mir irgendein Melvin-Wesley auf den Kopf springt und mein nächstes Schwimmbad ne Rampe braucht. Pubertierende Jungs sind nicht eben die Speerspitze der Vernunft. Was mir vor allem in dem Moment auffällt, als ich artig warte, bis zwei Welpen vor mir aus dem Wasser klettern und sich plötzlich ein Knäuel aus sechs Jungrüden balgend an mir vorbei die Leiter raufschieben will. Fassungslos über den Mangel an Manieren bölke ich die nasse Boygroup an, "ob sie einen an der Pfanne haben" und was sie eigentlich glauben, weshalb ich hier an der Leiter warte.

Es wird das letzte Jahr sein, in dem ich als Silberrücken noch einen Sechserpack Jugendlicher wegbellen kann. Mein letzter Sommer oben auf dem Pavianfelsen. Im nächsten Jahr bin ich dann vorne auf der "Hamburger Morgenpost", weil mir ein paar 14-Jährige auf die Fresse gehauen haben. Die Art, wie diese kleinen Volltrottel sich als amorphe Masse die Leiter hochgeschoben haben, gibt mir ein RICHTIG gutes Gefühl in Sachen Schulstart, Hygienekonzept und Abstand halten. Das wird gewiss ganz toll.

Ich schaue mir die Kinder und Teens an, wie sie so in ihren Badekleidern über den Steg traben und denke mir: Vielleicht ist diese Idee der Grünen mit dem Verbot von Werbung für Fast Food im TV gar keine so schlechte Idee. Bei manchen wirken die obligatorischen Freibad-Pommes wie die gesunde Alternative zu dem, was sie zu Hause bekommen.

Noch ein kurzes Nickerchen auf dem braunen Handtuch, das ich in dem italienischen Hotel am Gardasee geklaut habe, dann packe ich mein Zeug, bevor mich irgendein TAPP-TAPP-TAPP auf ein Ende meiner Badezeit hinweist. Ich schmeiße mein Kontaktformular in die Tonne und den gelben Chip für meine Liegezone, den … nun ja … danach fragt einfach niemand mehr.

Ja, in diesem Jahr ist vieles anders und einiges nervt – aber solange der deutsche Bürger noch ungehemmt in den See pinkeln kann, ist es um die deutsche Freiheit immer noch gut bestellt.


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