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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Schuld und Bühne – Deutschland gemeinsam lachen

Armin Laschet bricht während seines Besuchs in Erftstadt in lautes Lachen aus
Armin Laschet bricht während seines Besuchs in Erftstadt in lautes Lachen aus
© Marius Becker / DPA
CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet reiste ins Hochwassergebiet und musste dort am Rande eines Auftritts herzhaft lachen. 2002 spülte die Flut den sozialdemokratischen Kandidaten als ersten über die Ziellinie, Laschet reißt sie nun die sicher geglaubte Position fort.
Von Micky Beisenherz

Gut, zugegeben, es war immer klar: In Deutschland würde sich irgendwann jemand öffentlich dafür entschuldigen müssen zu lachen. Es war allerdings auch ein beispiellos unpassender Moment, den sich Armin Laschet ausgesucht hat, um mal herzlich abzugiggeln.

Vorne der Bundespräsident im "Thoughts and Prayers"-Modus die Toten und Verheerungen der Flut beklagend, hinter ihm der Mann, der gerne Bundeskanzler werden möchte, feixend und juchzend. Das sieht, gelinde gesagt, nicht gut aus. Wie er sich kringelt und dabei dieses seltsame Gesicht macht. Man möchte sagen: Der unter Druck verlässlich pampig antwortende Laschet äußert sich sogar unglücklich, wenn er sich auf die Zunge beißt.

Sogar der britische "Guardian" hat es prominent berichtet: "Frontrunner to succeed Merkel 'sorry' for joking amid fresh German floods". Was für eine irre, irre Zeile. Das möchte man nicht über sich lesen. Es bleibt dabei: Laschet erscheint immer dann am souveränsten, wenn er nicht auftaucht.

Nun ist der Mann ja kein charakterloses Schwein oder eiskalter Ignorant. Viele von uns haben schon an den unpassendsten Stellen gelacht, und Lachen zur falschen Zeit kann durchaus ein Mittel zum Stressabbau sein – es wäre dann halt nur schön, sich dabei nicht filmen zu lassen.

Dass unzählige Menschen dann "nun erzählen Sie uns allen doch mal, was so witzig war, Herr Laschet!" einforderten, zeugt eher davon, dass in sozialen Netzwerken offenbar sehr viele gescheiterte Lehramtsstudenten unterwegs sind, die im digitalen Klassenraum Twitter ihre Allmachtsfantasien ausleben können.

Das Lachen als Mittelfinger ins Gesicht einer Bevölkerung

Aber klar, der Kipppunkt scheint endgültig erreicht. Da, wo 2002 die Flut den sozialdemokratischen Kandidaten als ersten über die Ziellinie spülen sollte, reißt sie Laschet die sicher geglaubte Position doch noch fort. Er hätte seinen Schröder-Moment haben können, er schuf seinen Steinbrück-Moment. Das Lachen als Mittelfinger ins Gesicht einer Bevölkerung, die auf Trost und Erlösung hoffte.

Die Macht der Bilder. Der Kniefall von Warschau. Fischer in Turnschuhen. Kohl nimmt Mitterands Hand. Ob Angela Merkel dieses Bild im Kopf hatte, als sie Malu Dreyer beim Gang durch das rheinland-pfälzische Krisengebiet unterstützend anfasste und sich so mit einer Frau solidarisierte, deren Tat- und Führungskraft ihr näher sein dürfte als die Performance "ihres" Kanzlerkandidaten Laschet? Den sie eben nicht besuchte.

In Schuld zeigte die Kanzlerin einmal mehr die angenehme Zurückgenommenheit, für die viele sie noch vermissen werden. Leicht die Fassung verlor sie nur kurz in dem Moment, als sie öffentlich die Übergriffigkeit einer "Bild"-Reporterin während der Pressekonferenz geißelte, und das ist grundsätzlich schon mal nicht verkehrt. Und mehrheitsfähig, klar. Merkel hat Schuld, Laschet die Sühne.

Der unpassend gut aufgelegte Aachener hätte diesen "Gummistiefel an und unbürokratisch helfen"-Moment wie damals Schröder so natürlich gar nicht ausspielen können. Dem grimmig entschlossenen Altkanzler hätte man das Hochwasser damals noch als Gottes Zorn abgenommen, während Laschet durch seine Politik buchstäblich in der braunen Brühe steht, die er zu verantworten hat. Oder in der Zukunft verantworten wollte, bis die Flut auch dem Letzten klargemacht hatte, dass es so nichts weiter gehen kann.

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Schuld und Bühne – Deutschland gemeinsam lachen

Bei den Grünen darf man nun einmal durchatmen

Dass die Hashtag-Architekten nun einen Regionalfürsten, der erst 2017 eine rot-grüne Landesregierung abgelöst hatte, zum Quartals-Satan machen, während mit Angela "the Artist formerly known als Klimakanzlerin" Merkel ausgerechnet die Frau Herzchenaugen und Candystorms bekommt, die 16 Jahre lang auf Bundesebene Klimaschutzverschleppung betrieben hatte, zeigt, dass wir uns vor allem in unsere eigenen Erzählungen verlieben. Dagegen perlen Realitäten so zuverlässig ab wie Regentropfen auf der Wellensteyn-Funktionsjacke von Laschet.

Die Bilder vom Wochenende sind Merkel nicht passiert, sie sind Kohl mit dem Deichgrafen nicht passiert und dem unerreichten Authentizitätsdarsteller Söder wären sie erst recht nicht passiert. Zu einem, der seine komplette Kampagne verstrombergt, passt es eben auch. Immerhin hat der Unionskandidat eindrucksvoll belegt, dass Unprofessionalität eben kein weibliches Distinktionsmerkmal ist.

So zynisch es ist: Bei den Grünen darf man nun einmal durchatmen. Das ökopolitische Kern-Thema wird uns mindestens bis zum 26. September (2083) begleiten, die "Fuck you Greta"-Fraktion findet im hüfthohen Wasser ihren Mustang nicht mehr und ob sich "Plagiatsjäger" Weber das Baerbock-Buch zum Durchkämmen mit in den Urlaub genommen hat, interessiert die Leute jetzt in etwa so wie die ARD Popnacht im WDR.

Zuletzt war es überdeutlich, was man im Lager der Grünen als Direktive ausgegeben hat: Wir schnibbeln jetzt möglichst viel Habeck mit in die dünne Suppe, auf dass die Leute sehen mögen: "Wenn ihr DIE wählt, kriegt ihr auch ganz viel von DEM!" Möglicherweise klappt's ja.

Nach dem ersten Schock siegen die alten Gewohnheiten

Viel wahrscheinlicher aber ist es, dass die Leute nach dem ersten Schock in ihre alten Gewohnheiten und Bilder zurück fallen. Die da lauten: Da ist einerseits der verlässlich taumelnde Rheinlands-Hollande und auf der anderen Seite diese ehrgeizige Frau mit dem komischen Buch, "wo ja auch nicht alles so sauber war!"

Wir alle schreien nach der Rückkehr zu Sachthemen, aber sind wir eigentlich wirklich in der Lage, das zu erfassen? Eigentlich ein klassischer Reflex: Die großen Fragen der Politik werden uns schnell zu komplex und überfordern uns – also flüchten wir uns in Scheingefechte, bitten Laschet an die Tafel, uns allen zu erklären, was so lustig war oder lassen Baerbock Teile einer Hausarbeit rezitieren, die sie selber nie geschrieben hat.

Dass wir uns nicht komplett albern dabei vorkommen, dass wir angesichts der alljährlichen Jahrhundertflut anderthalb Tage darüber diskutieren, ob der NRW-Ministerpräsident nun "Tschundigung, junge Frau“ oder "Entschuljung, Frau…" im WDR-Krisengespräch gesagt hat. Warum nicht noch Sprachwissenschaftler und Decodierungsmaschinen bemühen, um der Banalität wissenschaftlichen Anstrich zu geben?

Wir versoapen den Wahlkampf, weil viele von uns die erwünschten "Sachthemen" schlicht überfordern. Die Komplexität der Dinge, die Verflechtungen, die Kausalitäten. Die Pointe dieses politischen Wettstolperns könnte sein, dass der Kandidat der Sozialdemokraten bessere Chancen hat, als bislang angenommen. Scheint Olaf Scholz doch die Alternative zu sein, die in all ihrer Unauffälligkeit dem bundesdeutschen Querschnitt am nächsten kommt.

Dazu passend die Politik: Ein bisschen Aufbruch wie die Grünen, dabei zu wenig eitel, um sich mit einem Frankenstein von einem Buch in die Nesseln zu setzen und  beständig genug, um mit einem ordentlichen Schlag "war noch bis jetzt alles eigentlich ganz toll" auch diejenigen zu erreichen, die Deutschland zwar grundlegend verändern wollen – solange das meiste so bleibt, wie es ist. Ja, dagegen spricht: Er ist Kandidat der SPD. Und in etwa so spannend wie eine beige Cargoweste, aber Unauffälligkeit ist derzeit das mit Abstand stärkste Plus der Person, die diesen Wahlkampf gewinnen möchte.

Kanzler Scholz? Wir hätten es nicht besser verdient

Und wenn wir Merkel partout schon nicht behalten dürfen, entscheiden wir uns am Ende vielleicht doch für die Version, die ihr in all ihrer spröden Uneitelkeit und Berechenbarkeit am ähnlichsten ist. Sicher, da ist Wirecard, CumEx, Warburg-Bank, aber das genau aufzuschlüsseln, was man ihm da en détail vorwirft, ist dann auch schon wieder so kompliziert, dass es sich leichter mokiert über die, die andauernd Sachen aufhübscht oder den anderen da, der so doof lacht.

Es zählt das Performative. Und in einer Klasse, wo zwei andauernd aufzeigen, um sich dann lächerlich zu machen, wird halt der versetzt, der mit einer stabilen drei das Jahr einfach so wegsitzt. Mittlerweile halte ich es gar nicht mehr für so ungerechtfertigt, dass Olaf Scholz beim Triell als Kanzlerkandidat der SPD überhaupt erscheinen darf.

Kanzler Scholz? Wir hätten es eigentlich auch nicht besser verdient. Was die kommenden zwei Monate bringen werden, vermag wirklich niemand zu sagen – nur auf die totale Unberechenbarkeit werden wir uns verlassen können.

Hochwasser in Deutschland_Bilder der Katastrophe

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