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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier" Claus Weselsky, Top-Joker jedes Tyrannen-Quartetts

Die Lokführer der Deutschen Bahn streiken, mal wieder. An ihrer Spitze steht GDL-Chef Claus Weselsky, Agent Blocateur im beigen Trenchcoat und für viele Reisende die Manifestation des puren Bösen.
Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Sonntagabend. Bahnsteig 6. IC 2315 Deichgraf. Beim Verlassen der Bahn blicke ich dem Schaffner tief in die Augen, streichle ihm die Wange. Zum Abschied nehmen wir uns in den Arm. Wir beide wissen: Wir werden uns lange nicht wiedersehen.

Da ist er also: Streik Nummer 8. Die Lok Wochos gehen weiter. Und mitten im Zentrum der kollektiven Begeisterung, die Manifestation des puren Bösen: Claus Weselsky, der Agent Blocateur im beigen Trenchcoat. Den braucht er auch. So heftig, wie ihm die steife Fäkalbrise ins Gesicht weht. In gerade mal acht Ausständen hat es der Lok-Führer geschafft, sich Sympathiewerte knapp unterm atomaren Fallout zu erstreiken. BaBoom! Rummst es in die Volksseele hinein.

Heißt das schon Bekennerschreiben?

Bahnhöfe sind plötzlich ruhiger als buddhistische Kloster, die Straßen verklumpen zusehends und das Volk wähnt sich im Würgegriff. Mittlerweile ist nicht mehr ganz klar: Heißt das bei der GDL eigentlich noch Pressemitteilung- oder schon Bekennerschreiben? Dabei imponiert mir der Mann, der mit seinem beschnäuzten Schädel Pate für alle Mitgewerkschafter steht.

Micky Beisenherz

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (heute Show, Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, Pro7), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen. (Foto: Thomas Duffé)

Der Kerl muss ja Eier haben, mit denen Du einen Panzer einschlagen kannst! Balls of Steel. Niemand hört gerne über sich, dass man mit ihm als Top Joker jedes Tyrannen-Quartett gewinnen würde. Dass das ZDF mit Guido Knopp schon "Weselskys Helfer" plant, dass Jürgen Todenhöfer ihn gerne mal für den stern interviewen würde. Das ist nicht schön. Das tut weh.

Und doch bleibt Vanilla ICE cool. Schließlich geht es um die GDL, um mehr Einfluss seiner Gewerkschaft, die vom Bahnvorstand scheinbar hingehalten wird und der durch das Tarifeinheitsgesetz der Bundesregierung der Saft abgedreht werden könnte. Also zieht er durch. Spielt Hardball. Hält seinen Kopf hin. Der so verdächtig gut gebräunt ist, dass ihm schon allein wegen des Teints der Rückhalt der Bevölkerung fehlen dürfte. Wer nach acht Wochen Mallorca aussieht, sollte dem Deutschen nicht auch noch die pumpende Verkehrsader abklemmen.

Weselsky könnte mit sich selbst streiten

Und mit nem sächsischen Akzent hat man im Rest der Republik auch noch keine Herzen gewonnen. Die "Bild" will wissen, dass Weselsky "schon als Kind ein Außenseiter" war - in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen wenig überraschend. Der Kerl ist eine lebenslange Steißlage, könnte vermutlich allein in einem Raum mit sich selbst Streit anfangen!

Dennoch: In Zeiten rückgratloser Umfaller, nach Mehrheiten hechelnden Pinschern und Gefalljunkies ist Weselsky doch mal eine erfrischende Alternative. Ein Kerl mit Haltung. Stoisch wie ein Faultier. Last Man Ausstanding. Gut, klar: Er versaut mit seiner etwas arg ausgefallenen Schlichtungsallergie an diesen Tagen der Trillerpfeife en passant allen anderen Gewerkschaften ihren Ruf gleich mit. Auch stelle ich mir immer öfter die Frage, ob ich mir für meine Bahncard 100 (2. Klasse. Ich gebe mich gern volksnah.) damals nicht lieber eine große Tüte Süßigkeiten gekauft hätte.

Und doch: Ein Mann, über den Quartalsirre wie der DJ- Darsteller und Primatenpoet Jan Leyk via Facebook vor einem Millionenpublikum buchstabenweise Hass ins Internet rülpsen ... ... da kann man sich doch nur auf die andere Seite schlagen.

Viel wichtiger aber: Das Streikrecht ist ein kostbares Gut, eine wichtige zivilisatorische Errungenschaft, die es auch unter Schmerzen zu schützen gilt. In einem Land, das im Arbeitsniederlegungs-Index übrigens ganz weit hinten liegt. Das in Erinnerung zu rufen, fällt mir in einem 15 km Stau morgens auf der A1 aber nicht immer leicht, das gebe ich gern zu. Vor allem, wenn gerade Nickelback im Radio läuft.

... verdammter Weselksy!

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