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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Luke! Die Wut und ich. Eine Danksagung

Luke Mockridge ist der erfolgreichste deutsche Comedian - und hat das Publikum mit seinem ZDF-"Fernsehgarten"-Auftritt nachhaltig verstört. Dabei sollten wir dem 30-Jährigen danken, findet Micky Beisenherz.

Luke Mockridge

Luke Mockridge ist Deutschlands erfolgreichster Comedian

Getty Images

Ich habe die Zukunft des Fernsehens gesehen. Es war ein Affe. Oder so ähnlich. Vom ZDF-"Fernsehgarten" geht in der Regel keine Gefahr aus. Nicht zuletzt deshalb erfreut sich das Enthusiastenfreigehege am Lerchenberg so großer Beliebtheit. Hier ist Stimmung gut, nix tut weh und bevor man sich abends über den völlig verkorksten "Tatort" aufregt, räumt man beschwingt sonntagmorgens zu Bands wie Feuerherz die Gläser weg oder scheuert den Grillrost vom Vorabend sauber.

Nicht so vor wenigen Tagen, als es der Comedian Luke Mockridge in eben diese Sendung geschafft hatte, um dort mit Witzen wie "alte Leute riechen nach Kartoffeln" oder dem Telefonat mit einer Banane das Publikum so nachhaltig zu verstören, dass einige nervös die Pailletten vom Pepita-Hut knibbelten. Kollektive Ratlosigkeit. Eine Stimmung wie beim SPD-Parteitag, wenn Olaf Scholz das Podium betritt. Zugegeben, der Auftritt war etwas seltsam.

Luke Mockridge erzählt Witze auf Zweitklässler-Niveau

Der erfolgreichste Comedian Deutschlands, der Witze auf Zweitklässler-Niveau erzählt und am Ende auch noch einen Primaten imitiert - das hatte so keiner erwartet. Am wenigsten Andrea Kiewel, von der man bis dato annehmen musste, dass sie sogar die Quartalszahlen der Deutschen Bank so präsentieren könnte, dass am Ende alle gut gelaunt nach Hause gehen würden.

Nicht so am Sonntag. Da unterbrach sie nach gefühlten 30 Minuten den Vortrag des Komikers, um dem Kollegen nach einer kurzen Verschnaufpause ein öffentliches Zeugnis auszustellen, das man sich zumindest in seiner Deutlichkeit so mal beim Echo gewünscht hätte: "Das, was Luke Mockridge da abgezogen hat, ist an Unkollegialität nicht zu überbieten. Diese Sendung gibt es seit 33 Jahren. Und dass dieser junge Künstler es wagt, auf meiner Bühne diese Show abzuziehen, ist das Mieseste, was man unter Künstlern machen kann. Shame on you."

Fairerweise muss man sagen, dass die Showbranche für mieses Verhalten der perfekte Nährboden ist. Allerdings zumeist abseits der Bühne. The Artist formerly known as Kiwi ist jetzt so gut gelaunt wie Godzilla, wenn man ihr ein Ei aus dem Nest geklaut hat. Man kann durchaus konstatieren: Sie identifiziert sich mit ihrer Show. Was in Zeiten seelenloser Moderationsandroiden ja durchaus etwas Erfrischendes hat. Kurz danach präsentiert sie einen Apnoe-Taucher. Als wäre nicht allen schon lang genug die Luft weggeblieben.

Ein wenig schade eigentlich, dass Mockridges Auftritt abgebrochen wurde, da er mit dem Anstimmen des Kleinkinder- und Ballermann-Klassikers "Das rote Pferd" gerade wieder drauf und dran war, das Publikum am Lerchenberg für sich zurückzugewinnen.

Mockridge steht bei Kiwi auf Platz eins der Todesliste

Merke: Wer zum Mitklatschen animiert, dem verzeiht man in Deutschland in der Regel alles. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Mockridge steht bei Kiwi auf Platz eins der Todesliste, die Nachrichten sind voll mit dem Bananen-Eklat, bei "derwesten.de" gibt es einen Fernsehgarten- Live-Ticker(!) und ein ARD-Brennpunkt scheint nicht mehr unwahrscheinlich. Angeblich nimmt Donald Trump seit dem Vorfall Abstand von dem Plan, statt Grönland den Fernsehgarten zu kaufen. Sogar Polizeischutz für Luke, den Salman Rushdie des satanischen Fernsehens, ist eine Option.

Fernsehgarten-Ultra Bernd Zirzlmeier (59, Rentner) droht offen mit Gewalt: "Lukes Auftritt war schlimm für uns. Wir waren echt sauer. Wäre er nicht sofort abgehauen, hätte ich ihn mir gegriffen." Sons of Anarchy.

Eine Nation ist heftig am #Fernsehgaten, diskutiert über die mangelnde Doppelbödigkeit der Nummer, die Hintergründe werden beleuchtet und Böhmermann hustet Blut, wann immer jemand behauptet, er könne dahinter stecken.

Überhaupt gelangt man über das heftige Echo schnell zu der Annahme, Mockridge wäre kürzlich mit einem Schmähgedicht in der Knesset aufgetreten oder mit verschlammten Crocs in die Kölner Zentralmoschee spaziert.

Der ZDF-"Fernsehgarten" erzählt viel über Deutschland

Bei Sat.1 räumt man bereits einen Sendeplatz frei, um den Delinquenten einzuladen zum großen "Promi-Wesenstest" moderiert von Hugo Egon Balder. Überall ist zu lesen von "großer Empörung bei Twitter", und das geschieht in einer Woche höchstens 70, 80 Mal.

Es ist dann auch nur Fernsehen. Übrigens gut gemachtes. Ich bin großer Fan des ZDF-"Fernsehgartens". Die Sendung erzählt mir mehr über Deutschland als Maybrit Illner. Sie bereitet mir große Freude, wenn der Sport1-"Doppelpass" in die Werbung geht, weil Mario Basler eine rauchen muss.

Sicher, der Auftritt verwundert humorfachwerklich ein wenig - zumal das Luke-Publikum und das des "Fernsehgartens" eine große Schnittmenge aufweisen. So einen Auftritt hätte ich gerne mal bei "Neues aus der Anstalt" gesehen.

Überdies ist Luke Mockridge einer der nettesten, talentiertesten und höflichsten Menschen, die sich in der Medienbranche bewegen (was in Relation zu seinem großen Erfolg tatsächlich eine Leistung ist) - Spekulationen über eine psychische Verwahrlosung oder pädagogische Versäumnisse sind also eher der Selbstgefälligkeit von 80 Millionen Ethik-Experten in der Länderspielpause geschuldet.

Auftritt von Luke Mockridge zeigt die Zukunft des Fernsehens

Eklat im ZDF-Fernsehgarten: Comedian Luke Mockridge macht den Affen auf der Bühne

Nein, wir sollten Luke Mockridge danken. Sein Auftritt hat sehr anschaulich gezeigt, warum die Zukunft des linearen Fernsehens im Live-TV liegt. Da, wo sonst alles kaputt gefiltert und glattgehobelt ist wie alles andere in Bohlenland, ist das Echtzeitfernsehen der letzte Ort der Unerwartbarkeit.

Dafür schauen wir Fußball, Boxen, "Dschungelcamp". Die Gewissheit, dass gleich ein "Hast du DAS gesehen?!"-Moment geschieht. Jede nächste Einstellung könnte der nächste #Hashtag sein. So funktioniert Unterhaltung, ja, so funktionieren sogar glückliche Beziehungen: Die Überraschung im Verlässlichen.

Die einzige Chance, die dieses sterbende (?) Medium hat. Du weißt, was du kriegst und kannst doch jederzeit damit rechnen, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Und sei es ein junger Mann, der sich traut, fünf Minuten auf der Bühne den Affen zu machen.

Wir machen alle viel zu selten ein dummes Gesicht. Am Sonntag gab es reichlich davon. Und dass man vier Tage später allen Ernstes noch einen Text darüber schreibt, ist ja irgendwie auch eine Art Statement. Ich weiß nur noch nicht genau, welches. Danke dafür, Luke.

P.S.: Auf die Auflösung der ganzen Chose bin ich trotzdem gespannt.