HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Hoch Sylt ihr leben! Stille Tage im Klischee

Micky Beisenherz besuchte Sylt - und sah alle Klischees bestätigt. Ein Bericht vom Snobistenatoll, wo es "Porsche parking only"-Schilder gibt und Frauenlippen aussehen, als würden sie als krebserregend eingestuft.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Beisenherz Sylt

Micky Beisenherz hat die Nordseeinsel Sylt erkundet

"Meine Damen und Herren, wir befinden uns im Landeanflug auf Sylt. Bitte legen Sie die Perlenketten an und klappen Sie die Polohemdkragen hoch."
Zugegeben, es ist nicht die Original-Durchsage, die ich höre, als ich in Westerland lande. Passen tut es dennoch. Auch so eine Insel, für die man sich fast entschuldigen möchte, wenn man dort Urlaub macht.
Es gibt 3674 billige Klischees darüber, aber wenn man einmal dort gewesen ist, weiß man: Sie stimmen alle. Wenn Mallorca die Putzfraueninsel ist, dann ist Sylt die Zahnarztgattinneninsel. 

Man muss nicht in den Flieger steigen, um anzukommen. Man kann auch die Bahn nehmen. Oder den Autozug. Der eine tolle Sicht auf das wundervolle Meer, die Felder, die Deiche, die Natur bietet. Oder auf den Sylt-Aufkleber auf dem Heck des Z4, der in der Reihe direkt vor einem steht. Wirklich viele haben dieses Schandmal auf ihren Sportwagen oder SUVs kleben. "Seht her Leute, ich mache Urlaub auf Sylt!"

Diese Leute sollten sich eigentlich nicht vermehren. Tun sie nach einer Flasche Sansibar-Prosecco dennoch. Produzieren Kinder, wie den zehnjährigen Jungen, auf den mein Blick kurz nach der Landung fällt. Mit seiner Steppjacke, den Chinos und den Tod's-Loafern sieht er aus, als würde sein Vater ihm beibringen, wie man Obdachlose tritt.
Eine sehr oberflächliche Betrachtung, klar. Aber da, wo es Filialen von Bulgari, Burberry oder Hermès gibt, ist die Oberfläche ein sehr beliebtes Parkett. Sogar der Unterhosenkönig Otto Kern hat hier einen Store. Otto Kern ist der Mann, der sich mal in Sarah Kern verliebt hat. Geschmacklich also zu vernachlässigen.

Raus aus der Maschine, zwinge ich mich, mich an der tollen Luft zu erfreuen und nicht in Schubladen zu denken. Als im Flughafenterminalchen mein Blick auf eine gigantische Reklame für eine goldene Rolex fällt. Ich wende mich entsetzt ab - und blicke direkt auf eine riesige Werbetafel für die "Bunte". Fürwahr, dieses Eiland ist teilweise hoffnungslos verkernert.

Im Grunde genommen stammt der Ruf der wundervollen Insel als Snobistenatoll straight outta Kampen. Schaurige Veranstaltungen haben ihr übriges getan. Das legendäre Krebsessen der Baumanns. Der Weltkongress der roten Bundfaltenhosen-Träger. Mit geladenen Gästen wie dem Ex-Air-Berlin-Chef Joachim Hunold, dem Münchener Society- Broiler Regine Sixt, Chippi und Jürgen Klindworth (kenn ich nicht. Fand nur die Namen putzig) , sowie dem üblichen "Super Illu"-Adel. Urlaubsbilder von Fernsehmoderatoren, die barfuß in ein Krabbenbrötchen beißen, den Kaschmirpullover lässig über die Schultern geknotet. Im Hintergrund, die Wellen. Sie brechen.

Die Big Five ziehen geduldig vorbei

Das mit dem Pullover. Man spricht hier liebevoll vom sogenannten Kampenkringel. Warum den Pulli auch anziehen? Die Heizung im Cayenne funktioniert doch! SUVs drehen hier in Kampen ihre Runden um die Gastronomien.

Das Pony. Den Rauchfang. Das GoGärtchen, in dem ein frisch glatt gezogener Fritz Wepper gerade den Kellner fragt, wie viele Biere sich mit den Schmerzmitteln vertragen. BMW X5, Audi A8, Porsche Cayenne, Mercedes G-Klasse, Range Rover - die Big Five ziehen geduldig vorbei. Mit einem Kleinwagen fühlt man sich direkt unwohl. Das Bewusstsein, dass es hier "Porsche parking only"-Schilder gibt, macht es kaum besser.

Hier kostet der Quadratmeter Grundstück gut und gerne mal 70.000 Euro. Die Dixiklos vor den geschmackvoll geklinkerten Reetdach-Neubauten sind nicht blau. Sie sind schlammfarben. Oder taupe. Hätte ich 70.000 Euro - ich würde da glatt einziehen.

Nur ein falsches Lachen entfernt liegt die Buhne 16. Eine sehr schicke Strandbar in den Dünen. Hier kann man relaxen und sich am Publikum ergötzen. Männer mit verspiegelten Ray-Ban-Sonnenbrillen und goldenen Rolex-Uhren, die Frauen ausführen, deren Lippen so aussehen, als würde die WHO sie umgehend als krebserregend einstufen.

In der Luft riecht es nach Trüffelpommes

Wem das nicht reicht, der kann einen Abstecher zur legendären Sansibar machen. Ein Lokal, das allein schon für sein Merchandising berühmt ist. Wer kennt sie nicht, die "Kult Currywurst", die man so leidenschaftlich an Bord der Air-Berlin-Maschinen ignoriert. Wie eine Skihütte thront sie im Sand über dem Meer.

Die Pelzkragen, Wellensteyn-Daunenjacken und Nordic-Walking-Stöcke verstärken diesen Eindruck noch. Hier trägt man Hunter Gummistiefel und rote Ugg Boots, während man auf den Sonnentreppen oder dem Biergarten der Nachhut auf dem gewaltigen Kinderspielplatz neben dem Lokal zusieht.

Ein Judith-Rakers-Double mit strengem Zopf kneift ihrem ponygroßen Rhodesian Ridgeback ins Ohr. Die disziplinarische Maßnahme fruchtet. Im nächsten Jahr wird es wohl dennoch wieder eine Luis-Vouitton-Handtasche zum Geburtstag werden.

In der Luft riecht es nach Trüffelpommes. Ein Vierjähriger mit Ray Ban Sonnenbrille und Moncler-Weste schießt mit seinen Gummistiefeln Sand auf die anderen Kinder. Seine Eltern registrieren es mit Wohlgefallen. Es sind offenbar Kinder von Kleinwagenbesitzern.

Im Inneren des Lokals sieht es ebenfalls aus wie in einer Skihütte. Was abends durchaus gemütlich ist. Man muss beim Gang zur Toilette nur die schier unglaubliche Produktpalette ignorieren: Sansibar Shirts, Sansibar Sekt, Sansibar Hosen, Sansibar Parfüm, Sansibar Gin, Sansibar, Sansibar, Sansibar.

Ein Schild wirbt damit, dass in der Sansibar jetzt exklusiv mit dem Thermomix gekocht wird. Auf dem Foto sitzt der Hüttenwirt mit dem Gerät so nah am Wasser, dass ich annehmen muss, er surft mit dem Ding gleich durch die Wellen. Scheiß drauf. Ich gestehe zerknirscht ein: Der Service und das Essen sind erstaunlich gut.
Was sich über Gosch am Kliff nur bedingt sagen lässt. Gosch - das Vapiano für Pescetarier. Schon in dem wunderbaren Buch "Deutsches Theater" hatte Autor Benjamin von Stuckrad-Barre den Namensgeber und Firmenchef Jürgen Gosch als so eine Art Krabben-Pol-Pot beschrieben.

Shrimps in der Unterhose 

Diesen Charme hat er an seine Mitarbeiter weitergegeben. Zwei von denen, ein Mann und eine Frau, beantworten meine kurze Nachfrage dergestalt, dass sie mich behandeln, als hätte ich mir gerade fünf  Kilo Shrimps heimlich in die Unterhose gesteckt.

Was ich nicht getan habe.

Ob der rekordverdächtigen Unfreundlichkeit werde ich sehr ungehalten. Mein Kopf hat eine Farbe, irgendwo zwischen Uli Hoeneß und den Hosen der Gäste beim Krebsessen. Was auf das Gleiche hinausläuft. Michael Douglas in "Falling Down" war kaum entspannter als ich.

Am Ende taugt es zumindest als nette Anekdote, wenn du mit ein paar Freunden aus Hamburg an dem wunderbar breiten Sandstrand sitzt und bei ein paar Pils dummes Zeug erzählst.

Klar, Sylt. Das sind Steppjacken, goldene Rolex und Arztgattinnen in SUVs. Und das Beste daran: Nur einen Ort weiter siehst du davon - nichts mehr. Nur Wiesen, Felder, Deiche, Wasser. Und jede Menge Schafscheiße.

Was 'ne geile Insel.