HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Yes, we Chem! Über Freimaurer, die Rothschilds und das Heil in der Verschwörung

Verschwörungstheorien bringen viele Vorteile: Sie sind Globuli fürs Hirn und Salbe fürs Wutzentrum. Kein Wunder, dass die Gruppe der Anhänger schneller wächst als so mancher Kornkreis.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über Verschwörungstheorien

Ein Helm schützt gegen gefährliche Strahlungen: Micky Beisenherz hat sich mit Verschwörungstheorien beschäftigt

Wenn Sie in den Himmel schauen, was sehen Sie da? Also, außer den Air-Berlin-Fliegern, die nicht da sind. Haben Sie sich jemals ernsthaft um Chemtrails gesorgt? Also, das, was wir als Kondensstreifen kennen, aber von einer hartnäckigen Gruppe Menschen als Chemikalien angesehen werden, die von "denen da oben" versprüht werden, um unsere Gedanken zu kontrollieren, bzw. uns geistig taub und kritiklos zu machen. Chemtrails. Vermutlich nur eine Erfindung der Alufolienindustrie.

Sind Sie auch schon Verschwörungstheoretiker? Wäre nicht weiter verwunderlich. Diese Gruppe wächst ja schneller als so mancher Kornkreis. Und wo fängt die Verschwörungstheorie an? Wenn ich beim Begriff 11. September sofort "Gebäude sieben!" von hinten von der Bierbank brülle?

Wenn ich der festen Überzeugung bin, dass in der Area 51 E.T.s hässliche Schwester zusammen mit und Michael Jackson (der eigentlich gleichzeitig seine Schwester LaToya ist) abhängt? Oder bereits, wenn ich annehme, dass "die Systemmedien" ohnehin nur das berichten, was ihnen die Kanzlerin morgens mit dem Magneten an die Kühlschranktür geheftet hat?

Keine Ahnung. Ich bin offenbar sehr fantasieunbegabt. Dabei sind Verschwörungstheorien und ihre alubehüteten Anhänger sehr unterhaltsam. Stevie Wonder zum Beispiel ist gar nicht blind. Das Ganze war nur ein Marketinggag, um sein erstes Album zu pushen - und jetzt kommt er aus der Nummer nicht mehr raus. Das Stanford Research Institute hat einen Mann gefunden, dessen Körper im Dunkeln leuchtet (was an einem gewöhnlichen Dienstagabend im Berghain kaum weiter auffallen dürfte). Und Lady Di wurde sowieso vom MI6, bzw. von der Queen höchstpersönlich erledigt.

Wussten Sie, dass Adelheid Streidel, die Attentäterin von Oskar Lafontaine (nein, Gerhard Schröder steckt nicht dahinter) lange glaubte, dass Menschen aus unteren sozialen Schichten in riesigen unterirdischen Tötungsfabriken zu Konserven verarbeitet oder zu Intellektuellen umfunktioniert würden, indem man ihnen den Kopf abtrennte und einen neuen annähte? Sie habe einmal einen Film gesehen, in dem Helmut Kohl eine solche Fabrik besichtigte. Gut, das war 1990. Würde Trump so etwas heute twittern, würde schon keiner mehr lachen.

Am Ende ziehen immer unheimliche Mächte die Fäden

Auffällig ist: Egal, ob Kennedy-Ermordung, 9/11 oder die Russen, die irgendwo in Sibirien Kinder mit tödlichen telepathischen Fähigkeiten ausbilden: Am Ende sind es immer unheimliche Mächte, die im Dunkeln die Fäden ziehen, die weiße Katze auf dem Schoß kraulen und lachend zusehen, wie sich langsam alles zu ihren Gunsten fügt. Wir, die wir nicht daran glauben, sind natürlich Lemminge, die jeden Scheiß fressen, der uns vorgesetzt wird. Streng genommen sind an allem eigentlich immer die Rothschilds schuld, oder sagen wir's doch gleich: die Juden.


Eine wenig glückliche Rolle spielte in diesem Zusammenhang zuletzt der viel gescholtene Eugen Jehovas, Xavier Naidoo, der sich - ohnehin schon angezählt - mit seinem "Marionetten"-Liedchen endgültig zum musikalischen Arm der AfD machte. Nach eingängiger Betrachtung der Verse galt er plötzlich als Spinner, der im Grunde genommen nix anderes mache, als bekifft sämtliche Bücher vom Kopp-Verlag runter zu singen. Eine etwas gemeine Unterstellung, wenn man bedenkt, dass die Texte schon 1999 einen gewaltigen Hau hatten.

Zumindest die zionistische Weltverschwörung kriegt dankenswerterweise gerade ein bisschen Entlastung aus dem Osten. Momentan steckt hinter jeder Schweinerei Putin. Trump, May, der platte Fahrradreifen: Nix, was sich nicht mit einem perfiden Russenhack erklären lässt.

Globuli fürs Hirn

Verschworen wird immer und überall. Alles, was vorstellbar ist, ist nicht nur machbar. Im Falle der Verschwörungstheoretiker ist es schlicht: wahr. Manchmal, oder vielleicht sogar sehr häufig, muss man wohl lernen, sich damit abzufinden, dass die Dinge keinem übergeordneten Plan gehorchen, sondern schlicht das Zusammenlaufen von Zufällen oder begünstigenden Umständen sind.

Es ist halt wahnsinnig schwer zu akzeptieren, dass vieles einfach, nun ja, keinen Sinn hat. Genauso wenig Sinn wie die Sache mit den Chemtrails. Eine Theorie, die sich meines Erachtens selbst widerlegt, denn: Wenn - sagen wir mal - die Bundesregierung diese Chemikalien versprühen lässt, um uns Menschen zu willen- und vor allem kritiklosen Wesen zu deformieren - ist dann das besonders kritische Nachhaken der ach so Chemtrail-Geschädigten nicht der Beweis des Gegenteils?

Keine Ahnung. Wenn es nicht gerade dazu führt, dass irgendwelche Reichsbürger versuchen, den Staat und seine Institutionen zu zerstören, sind Verschwörungstheorien sowas wie Globuli fürs Hirn: Keine nennenswerten Inhaltsstoffe - dem Nutzer geht's aber gefühlt besser.

Salbe fürs Wutzentrum

Diese Welt ist so unglaublich komplex, mehrdeutig und vielschichtig grau geworden - da ist ein "DIE haben das alles geplant!" eine schöne Salbe fürs waidwunde Wutzentrum. Womöglich gibt es Halt, dass hinter jeder noch so großen Ungerechtigkeit zumindest jemand steht, der das minutiös geplant hat.

Das Ergebnis ist dasselbe - aber die "wahren Gründe" für die Entstehung zu kennen, muss rasend entlastend sein. Aber es soll ja auch Leute geben, die daran glauben, dass vor 2000 Jahren eine Jungfrau ein Kind geboren hat, das 33 Jahre später kurz nach seinem Tode auferstanden ist. Kennen Sie so jemanden?


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo