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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Driving home to Castrop-Rauxel – meine Weihnachtsgeschichte

Weihnachten, das ist diese seltsame Sehnsucht nach Heimat, nach dem glühweinwarmen Schoß Vergangenheit. Micky Beisenherz macht sich auf den Weg zu Omma nach Castrop-Rauxel.

Micky Beisenherz über Weihnachten

Micky Beisenherz fährt Weihnachten nach Castrop-Rauxel.

Heiligabend habe ich, soweit ich weiß, eigentlich jedes Mal geheult. Der dämliche Weihnachtsmann hatte oft vergessen, Batterien mitzuliefern, und so musste ich zumeist mit dem zweitliebsten Geschenk spielen.

Wenn über meine Nichten und Neffen der Präsente-Tsunami herniedergeht, wissen sie gar nicht, welches Teil sie zuerst wegspielen sollen. Sie sitzen mitten in einer Verpackungskrisenregion, als hätte man Dresden '45 aus Geschenkpapier und Kartons nachgebildet. Zur Resensibilisierung müsste man ihnen eigentlich lediglich einen Ast schenken. Aber, nun ja: Es geht ja nix über leuchtende Großelternaugen, wenn sie den Kleinen eine Gabe überreichen. Mein Gott, wie viele Playmobil-Kartons und ferngesteuerte Autos meine Kindheit jetzt schon her ist. 

Weihnachten. Heimat. Ich sitze im Auto, fahre ganz bewusst die B235 entlang, schaue hoch, ob am Kraftwerk wieder die Weihnachtsbeleuchtung brennt, im Grunde genommen nur ein Metallrahmen in Baumform, der pünktlich zur Adventszeit illuminiert wird, als mir auffällt: Stimmt! Das Kraftwerk gibt es gar nicht mehr. Das ist schon seit Jahren weg. Der Erin-Turm ist noch da. Für meine Heimatstadt ist dieses Relikt der Kohlenpott-Kultur so etwas wie der Kölner Dom. Kultisch verehrt. Eine stählerne Eiche aus purer Kohlenpottidentität. 4620 Castrop-Rauxel. Es grönemeyert im Kleinen.

Früher, wenn mein Vater mich irgendwo abgeholt hatte, fuhren wir durch die Stadt. Er zeigte mir, wo die Zechen sind und ließ mich die Kombinationen aus Namen und Zahlen aufsagen. Victor 1/2, Victor 3/4, Zeche Ickern, Zeche Graf Schwerin und so weiter. Ein Vokabeltest als Brücke ins goldene, kohlenschwarze Zeitalter.

Jahrzehnte später hat er mich an Heiligabend von zu Hause zum Feiern abgeholt. Es waren weiße Weihnachten und die Scheibenwischer seines Wagens kaputt, sodass bei jeder Bremsung der Schnee vom Dach auf die Windschutzscheibe rutschte und wir während der dreißigminütigen Fahrt unzählige Male panisch anhielten, um mit den Händen wieder Sicht zu schaufeln. Große Firmen zahlen für solche Teambuildingmaßnahmen viel Geld. Ich hoffe, er hat mir mittlerweile verziehen, dass ich ihm als Kind JEDES Jahr eine Rondo-Veneziano-Platte geschenkt habe.

Das Fitnessstudio im Gewerbegebiet ist jetzt ein Saunaclub. Vor der einstweiligen Verfügung war das Logo des Ladens sogar echt pfiffig. Der Puff hatte sich in Sachen Name, Claim und Typographie etwas zu eng an eine große deutsche Fitnessstudiokette angelehnt. "McFick – einfach gut ausleben". Und Sie fragen sich, wo ich meine Kreativität herhabe.

Es gibt nix zu sehen, aber das wenigstens ausgiebig

Dass der Bestattungsunternehmer am Biesenkamp allen Ernstes HELLFEIR heißt, ist wiederum eine Pointe, die das Leben schreibt. Im Radio läuft Festtagsmusik. Gut so. Ich bade in akustischem Lumumba. Ich mag die Musik. Und Weihnachten auch. Was für ein unfassbar langsames Auto hat eigentlich Chris Rea. Der ist doch schon vor Wochen losgefahren!

Der Range Rover dreht eine Extrarunde über den Altstadtring. Warum, weiß ich selbst am wenigsten. Hier ist schon an normalen Tagen ab 18 Uhr nichts mehr los. Vorher eigentlich auch. Und heute erst recht nicht. Alle sind schon daheim. Vielleicht in der Kirche. Vielleichter noch in der Kneipe. Selbst deren Betreiber haben die letzten Krumen Dekorationsgeist zusammengekratzt und die vergilbten Scheiben der Pinte mit rot-grün blinkendem Elektroschrott geschmückt, den sich selbst Ein-Euro-Shops nicht mehr zu verkaufen trauen.

Trotzdem irgendwie schön. Es gibt nix zu sehen, aber das wenigstens ausgiebig. Diese seltsame Sehnsucht nach der Heimat, nach dem glühweinwarmen Schoß Vergangenheit. Da vorne ist die Ampel. Hier hat es mein Onkel Franz mal fertiggebracht, für das unerlaubte Überqueren einer roten Fußgängerampel zehn Mark Strafe zahlen zu müssen. Samstagnachts. Um halb eins. "Halt, stop!" Der Schutzmann trat aus dem Dunkel des Spielwarengeschäfteingangs und konnte anhand des fassungslos zeternden Onkels noch seine Fangquote aufbessern. Um vor ein Auto zu laufen, hätte Franz um die Uhrzeit übrigens locker ne halbe Stunde auf dem Ring stehen bleiben müssen. Castrop-Rauxel wirkt nur auf den ersten Blick wie New York.

Heute kriegen die Kinder Drohnen

In Sichtweite des Tatortes hat mein Onkel uns immer die Geschenke gekauft. Genau da, wo die zirka 122 Jahre alte Alt-Chefin des Ladens hinter uns Blagen hergeschlichen ist, um zu gucken, dass wir nix klauen. Gibt es eigentlich noch diese nicht fern-, sondern kabelgesteuerten Autos? Damit haben wir uns doch alle den Rücken kaputt gemacht. Heute kriegen die Kinder Drohnen und hochtechnisierte Fluggeräte, nach denen sich selbst das Pentagon oder zumindest Kim Jong Un die speckigen Finger lecken würde.

Ob es an der Kirche neben dem Weihnachtsmarkt noch das Telefon gibt? Als Kind konnte man dort direkt den Weihnachtsmann anrufen und ihm aufgeregt von seinen Wünschen berichten. Mit elf oder zwölf haben wir dann nur noch angerufen, um den armen Ehrenamtlichen am anderen Ende der Leitung zu verarschen oder zu beleidigen.

Stimmt es, dass es jetzt Adventskalender mit Q&R-Codes zum Abscannen gibt? Wie traurig, wenn es wahr wäre. Wir hatten wenigstens noch welche mit Schokolade drin. Das war clever von den Konzernen, konnten sie doch ca. 200 Gramm Schokolade zum Preis von fünf 100 Gramm-Tafeln unter die Leute bringen. Später hatte meine Mama uns Adventskalender aus 24 Säckchen gebastelt. Darin war mal Geld, aber auch "Nieten". Einmal Straße fegen, Staubsaugen oder ähnliche Folterpraktiken. Es versteht sich von selbst, dass mein Bruder und ich diese Gutscheine deutlich später eingelöst hatten, als die vorteilhaften.

Gleich bin ich da

Ich fahre vorbei, da wo früher das Spektrum war, die Disko, in die mein Cousin, ich und tausend andere mehr oder minder junge Leute sich zu einer Art Jahresendkonvent verzogen haben, wenn das Familienprogramm durch war. Wenn man Glück hatte, konnte man rummachen. Hatte man Pech, gab's was auf die Fresse. Oder du standest zwei Stunden vor dem Laden im Regen in der Schlange, weil natürlich ALLE um 0:30 Uhr kamen. Irgendwann mal kamen mein Cousin Tömmes und ich nicht mehr rein, und so sind wir klatschnass zurück zu Omma und meinen Eltern.

In der Küche habe ich dann noch gesungen und so schlecht Gitarre gespielt, dass wir alle Tränen gelacht und uns meine schiefen Akkorde schöngetrunken haben. War 'ne kurze, alkoholselige Nacht.

Gleich bin ich da. Da, wo Omma, Eltern, Bruder, Schwägerin, die Kinder gemeinsam seit Jahrzehnten feiern. Was ich wohl bekomme?

Wie eifrig man früher die Lieblingsstücke in den Spielzeug-Katalogen angekreuzt hat, um dem Christkind ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Wie gut das war, im Schlafanzug die Seiten zu studieren und sich bereits in das leidenschaftliche Bespielen der Sachen hineinzuträumen.

Bin ich schon so ein Snob? 

Was für eine geile Zeit, wenn die Prospekte ab Ende November den Zeitungen und Zeitschriften beilagen, während die Quengelwarendichte in den Werbeblöcken der wenigen TV-Sender parallel gnadenlos zunahm. Ab einem bestimmten Alter allerdings kehrt sich der Break Even ins Negative um: Du investierst wesentlich mehr Geld in Geschenke für andere, während Du selbst... nun ja.

Fairerweise muss man sagen, dass ich ein großer Freund der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung bin und zum Fest hin nur noch wenig bleibt, was schenkbar wäre. Letztes Jahr bekam ich: einen Uhrenbeweger. Bin ich schon so ein Snob? Jedenfalls ein untrügliches Zeichen, dass ich jetzt wohl alles, aber auch wirklich alles habe, was man sich für Geld kaufen kann. Und das was mir fehlt, werde ich auch nächstes Jahr wieder suchen. Irgendwo auf der Route zwischen Altstadtring und dem Kraftwerk. Das längst abgerissen ist.

Frohe Weihnachten. Wem immer es möglich ist.