HOME

Deutscher HipHop: Die verlorene Unschuld

Noch nie standen so viele Texte des Deutschen HipHop auf dem Index. Gruppen wie Bass Sultan Hengzt oder Frauenarzt verherrlichen zunehmend Gewalt gegen Frauen.

Das Leben kann so einfach sein. "Ich bin der Coolste, du bist der Loser. Ich hab den Größten, du den Kleinsten. Wenn mich jemand ankotzt, mach ich ihn fertig." So ist das Leben im Rap. Sagt der junge Mann im weißen Kapuzenpulli und holt mit den Armen weit aus. Neulich zum Beispiel, da war er bei der Agentur für Arbeit. Sein Malermeister hatte ihn rausgeschmissen, Auftragsmangel, saisonbedingt. Die Frau in der Agentur hatte keine Zeit, das hat ihn geärgert. Also hat er gereimt. "Die Fotze am Amt hat mich wieder nach Hause geschickt/Ich bin schon wieder mal ausgetickt." Man müsse die Worte spielen lassen, sagt Thomas Bendt. Das helfe, mit dem Leben klarzukommen. Denn das Leben sei manchmal hart und böse.

Es ist eine Weile her,

da hatte sich der 22-Jährige mit den Kumpels seiner Gruppe Die Sekte zusammengesetzt, und einige Nachmittage lang hatten sie wieder mal die Worte spielen lassen, über das Leben und seine Härten. Herausgekommen sind Strophen, in denen auffallend oft die Wörter "Schwanz" und "ficken" vorkommen, in denen es auch heißt: "Ich bin ein Gangster und von so manchem besessen/ doch für die Sekte würd ich schnell alles vergessen/Abstechen: nur wenn es sein muss/ansonsten reicht für dich Fotze auch ein Schuss." Ja, sagt Thomas Bendt, das sei schon krass, richtig Gangsta, richtig Porno, richtig Rap eben.

Die Texte landeten auf dem Index für jugendgefährdende Medien, die komplette CD gleich dazu, "Ansage Nr. 3" des Berliner Untergrund-Labels Aggro, ein Sampler verschiedener Berliner Rapper. Im Dezember vergangenen Jahres war das. Auch die Tonträger der Hauptstadt-Künstler Frauenarzt, Bass Sultan Hengzt und King Orgasmus One kamen auf die Liste. Zurzeit sind sieben weitere HipHop-Titel im Indizierungsverfahren. Die Leiterin der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Elke Monssen-Engberding, sieht einen Trend: Seit gut einem Jahr habe es die Behörde vermehrt mit deutschen Rap-Texten zu tun, "in denen dazu aufgefordert wird, Frauen zu diskriminieren, zu vergewaltigen oder Gewalt in anderer Form anzuwenden". Der deutsche HipHop, jahrelang geprägt von den harmlosen Wortakrobaten der Fantastischen Vier, hat seine Unschuld verloren.

Willkommen in der Klärgrube musikalischer Jugendkultur: Seit Jahren dümpelt im Berliner Untergrund eine deutschsprachige Rap-Szene, die beim Texten keine Tabus kennt. Um Drogen, Gewalt und Sex geht es da, Vorbilder sind US-Gangsta-Rapper wie 50 Cent oder Eminem und deren Inszenierung einer Welt in Ton und Bild, aus der das Testosteron nur so trieft. Eine Welt mit fetten Knarren, fetten Autos und fetten Brüsten.

Die deutschen Nachahmer haben sich Namen wie Godsilla, Mr. Long oder Kaisaschnitt gegeben. Sie kommen meist aus Stadtteilen, die als Problemviertel gelten. Sie produzieren CDs mit Titeln wie "Tanga Tanga" oder "Orgi Pörnchen" und singen Tracks, die so eindeutig wie frauenfeindlich sind: "Dein Scheiß", "Ficken wie im Pornofilm" oder "Nutten, Muschies, Groupiez (wollen das ...)".

Ihre CDs sind in Mini-Studios entstanden oder am Computer zu Hause, die Cover zieren nackte Frauenleiber auf schlecht gepixelten Fotos, sie werden in Szeneläden und übers Internet verkauft, manchmal in erstaunlich hohen Auflagen. Der Porno-Rapper Frauenarzt, sagt Christian Ghassemi vom Berliner HipHop-Laden "Kingz", bringe es auf mehr als 5000 verkaufte CDs pro Edition.

Der Fäkalgeruch der Berliner Sex-Rapper weht mittlerweile auch in Tausende von Kinderzimmern, seit ein junger Mann mit alberner Totenkopfmaske im vorigen Jahr den Durchbruch in den Massenmarkt geschafft hat: Paul Würdig alias Sido kannte vor ein paar Jahren außer einigen Jungs in einem Berliner Hochhausviertel kein Mensch. Er besang in "Mein Block" das Märkische Viertel, die Gegend in Berlin-Reinickendorf, in der er groß geworden war, und verkaufte den Track über 80 000-mal. Seine Plattenfirma ist das Label Aggro.

Heute ist Sido Deutschlands erfolgreichster Rapper. Er vertrat bei Stefan Raabs Songcontest das Land Berlin, er rodelte für ProSieben auf einem Wok eine Eisbahn runter und rauchte vor der Kamera einen Joint. Im Teenie-Magazin "Popcorn" lebte er verklemmte Sexualfantasien aus, mit Handschellen und halb nackten Frauen. In Interviews erklärte er, dass mit einem "Ghetto-Frühstück" ein Joint gemeint sei. Mittlerweile hat er Tausende von Fans, die noch weit vom Stimmbruch entfernt sind. Deshalb sind Eltern wie Pädagogen besorgt.

Ohne inhaltliche Skrupel baut der Rapper an seiner Karriere: "Es fing an mit 13 und na Tube Gleitcreme (...)/Kathrin hat geschrien vor Schmerzen/mir hat's gefallen"; ein Auszug aus dem "Arschficksong", den die Bundesprüfstelle nur deshalb nicht indizierte, weil zuvor ein anderes Gremium, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), ein Konzertvideo mit diesem Song ab 16 Jahren freigegeben hatte. Die Bundesbehörde kann dann nicht mehr eingreifen, so ist die Regel unter den Jugendschützern. Für den Frankfurter Oberstaatsanwalt Peter Köhler gehen die Textpassagen des Rappers "weit über die Jugendgefährdung hinaus". Er sieht einen Prüffall für die Justiz, denn ihm scheint eine "Verherrlichung von sexueller Gewalt gegenüber Kindern" vorzuliegen.

Der Künstler selbst inhaliert tief Tabak mit Gras, bevor er erklärt, er werde voll und ganz missverstanden: "Ich wollte nicht sagen, ich habe eine 13-Jährige gefickt, ich selbst war 13. Das ist nicht kinderpornografisch, das ist authentisch" (siehe Interview S. 150). Er wisse aber, dass man bei diesem "heiklen Thema vieles falsch" verstehen könne. Wie alt das Mädchen war, lässt er lieber offen. Und dass es im Text um blutigen Gewaltsex geht, kommentiert er auch nicht weiter. Der Song sei doch schon vier Jahre alt.

Die Rapper des Aggro-Labels fühlen sich in letzter Zeit öfter mal falsch verstanden, nicht nur was ihre Reime über Frauen und Sex angeht. "Die rassistischen Vier" überschrieb die "Süddeutsche Zeitung" einen Artikel über Aggro und dessen Sänger Fler, der im Mai seine CD "Neue Deutsche Welle" veröffentlichte und prompt auf Platz vier der Album-Charts landete. Das Cover ist in altdeutscher Schrift und mit einem verfremdeten Hitler-Zitat betextet: "Am 1. Mai wird zurückgeschossen." Auf den Tracks reimt eine Stimme düster und schief: "Das ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz. Man sieht's mir nicht an, doch glaub mir, meine Mom ist deutsch." Eine Blut-und-Boden-Sprache, die bislang den Rockbands der Neonazis eigen war.

Eric Remberg, 28, Künstlername Specter, ist einer der drei Gesellschafter der Aggro Berlin GbR und versteht die Welt nicht mehr. "Wer das Album bis zum Ende hört, der muss doch kapieren: Fler ist nie und nimmer ein Nazi." Tattoos in altdeutscher Schrift seien seit Jahren in der HipHop-Szene etabliert, der Vogel auf dem Cover sei der verfremdete Bundesadler, kein Reichsadler, wie die Zeitungen schrieben. "Echte Rap-Fans interessiert das alles überhaupt nicht. Die gähnen, wenn sie von den Vorwürfen lesen."

Es ist ein bekanntes Phänomen:

Eine Subkultur wird populär und lernt die Regeln der Gesellschaft kennen. Passt sie sich zu sehr an, verliert sie ihre treuesten Anhänger. Passt sie sich zu wenig an, produziert sie Skandale.

In einer Holzbaracke des Märkischen Viertels, Heimat des Erfolgsrappers Sido, Zentrum des sozialen Wohnungsbaus, stehen fünf junge Männer auf einer Bühne unter einer weißroten Girlande und träumen vom schnellen Erfolg. Das Jugendprojekt Soundlabor e. V. hat hier seinen Sitz, die Rap-Gruppe Grüne Medizin probt für ihren ersten großen Auftritt. Die Sänger sind zwischen 19 und 22 Jahre alt und reimen am liebsten über ihre Probleme mit dem Leben: mit den Frauen, den Eltern, den anderen Jungs, mit der Arbeit, den Drogen, den Bullen.

Einige von ihnen haben schon mal im Knast gesessen, und Prügeleien, sagt Akarim, "gibt es hier immer wieder mal". Der Rap aber sei eine gute Möglichkeit, Wut anders auszudrücken. Deshalb hat der 20-Jährige über einen Bekannten, der ihm seit Wochen Geld schuldet, eine Strophe geschrieben: "Du bist das größte Opfer, du Missgeburt, du kannst dich jetzt verpissen, du hast niemals begriffen, was Freundschaft heißt." Früher, sagt Akarim, hätte er dem Typen einfach eine reingehauen.

Die Sozialarbeiter im Märkischen Viertel sind froh, dass die Halbwüchsigen ihre Aggression in selbst gemachter Musik ausleben. Filippo Smaldino vom Jugendzentrum comX setzt aber klare Grenzen. Menschenfeindliche Musik, etwa von Sido, wird in seinem Haus nicht gespielt: "Das ist so unter der Gürtellinie, das steht überhaupt nicht zur Diskussion." Er lege hier die gleichen Maßstäbe an wie bei der Musik von Rechtsextremen.

In anderen Stadtvierteln fürchten Pädagogen, dass sich der harte Sex-Rap auf das Verhalten von Jugendlichen niederschlägt.

Die Grundschule

am Barbarossaplatz in Berlin-Schöneberg ist ein Gebäude im Jugendstil. In einem hellen Gang hängen Zeichnungen der Klasse 6a, nachgebildete Skizzen von Gemälden August Mackes. Die Kinder kommen aus unterschiedlichen Milieus, die meisten aber aus gutem Hause. Deshalb ist Klassenleiterin Susanne Macpolowski erstaunt, dass ihre Schüler in letzter Zeit des öfteren "Fick dich", "Arschloch" oder "Motherfucker" über den Schulhof brüllen.

Auf einer Klassenreise entdeckte die Lehrerin in einem Zimmer der Jungs die CD von Sido. Dessen "Arschficksong", erklärten ihr die Schüler, hörten sie gern und laut. Ein Zwölfjähriger hatte die CD von seiner Mutter geschenkt bekommen.

Die Jungen an der Schule sehen nicht so aus, als verprügelten sie demnächst die Mädchen, nur weil sie Sido gut finden. Friedemann, 12, sagt, er höre solche Rap-Texte gern, "weil ich mir nicht vorstellen kann, so zu leben, wie die es singen". Außerdem mag er "die Melodie". Auch die Lehrerin glaubt, dass für viele ihrer Schüler die Musik ungefährlich sei. "Diejenigen, die einen roten Faden in ihrem Leben haben, finden das vielleicht mal interessant, aber die übernehmen das nicht." Andere aber, insbesondere unter den Jungen, seien emotional nicht gefestigt. "Die saugen solche Texte auf wie ein Schwamm. Da bleibt was hängen, das ist eine komplette Identifikation mit der Musik und ihren Künstlern."

Im Büro des Berliner Vereins Strohhalm e. V. sind in den vergangenen Monaten viele Anrufe und Mails von ratlosen Lehrern und Erziehern aufgelaufen. Sie beklagen, dass schon Siebenjährige Musik von Rappern wie Sido hörten. Dass sie Veränderungen an den Kindern festgestellt hätten. Dass manchmal die Stimmung in der Gruppe aggressiv sei.

Dagmar Riedel-Breidenstein vom Strohhalm wird bei solchen Erzählungen hellhörig. Der Verein arbeitet in Kindergärten und Schulen viel an der Prävention sexuellen Missbrauchs. "Man weiß, dass Täterkarrieren schon im Kinder- und Jugendalter beginnen. Wenn dann in populärer Musik sexuelle Gewalt besungen wird, ist das eine verdammt gefährliche Tendenz."

Auf den Strassen im

Rollbergviertel im Berliner Stadtteil Neukölln hört man aus Kindermündern die Worte "Arschloch" oder "Motherfucker" nicht erst, seit Sido auf ProSieben zu sehen ist. Zudem finden Jungs wie Ahmed, 13, Kadir, 12, und Gregor, 12, Sido sei ein "Hurensohn" und "perverser Junge". Sie mögen Bushido lieber, den Deutschtunesier, der das Rappen auch bei Aggro begonnen hatte und mittlerweile beim Musikriesen Universal sein Geld verdient. Bushido beleidige nicht die Mütter anderer Sänger, wie es Sido getan habe, sagt Kadir. "Der übertreibt es nicht so." Dass auch Bushido in seinen Songs hauptsächlich von "Nutten" redet, wenn er Frauen meint, sei nicht so schlimm. "Wenn die einen ärgern, dann muss man das auch mal sagen."

5800 Menschen aus 36 Nationen wohnen im Rollbergviertel, die meisten sind muslimischen Glaubens, Türken und Araber vor allem. Ayten Köse ist Erzieherin und Quartiersmanagerin. Sie sagt, in vielen Familien würden die Frauen unterdrückt. Es gebe häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe auf Frauen, auch auf Kinder. Sie versucht, mit einem wöchentlichen Frühstück, mit Vorträgen und vielen Gesprächen den Mädchen und Frauen ein größeres Selbstbewusstsein zu vermitteln. Ayten Köse sagt, mit ihrer Arbeit könne sie gleich wieder aufhören, wenn die Kinder auf ihren MP3-Playern zu hören bekämen, dass "alle Frauen Schlampen sind, die man auch mal richtig rannehmen darf". Sie würde gern wissen, "ob diesen Rappern klar ist, welchen Schaden sie da eigentlich anrichten".

Der Berliner Sängerin Sahira, Tochter palästinensischer Eltern, fehlt es nicht an Selbstbewusstsein, auch nicht an einer klaren Meinung: In der Rap-Szene hätten weibliche Künstlerinnen kaum eine Chance. "Privat sind die Jungs sehr nett, sobald es aber ums Business geht, kehren sie den Chauvi raus." Die 26-Jährige hat diesen "infantilen Jungs" auf ihrem Debütalbum "Frei Schnauze!" einen eigenen Track gewidmet. Er heißt "Fake Pornorapper" und ist ein melodiöser Abgesang auf frauenverachtende Texte. "Es geht einfach zu weit, wenn die Jungs Vergewaltigungsszenen rappen", sagt die Sängerin. Würde ein Weißer über einen Schwarzen so singen oder ein Deutscher über einen Juden, dann wäre das ein großer Skandal. "Wenn aber Männer über Frauen so rappen, regt sich keiner auf." Das, sagt Sahira, sei doch sehr schade.

Martin Kobbe, Rainer Fromm
Mitarbeit: Rainer Nübel, Kilian Kreb

print