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Fall George Floyd Mord oder "dynamischer Polizeieinsatz"? Zwölf Geschworene entscheiden über Schuld oder Unschuld von Derek Chauvin

Fall George Floyd: Mord oder "dynamischer Polizeieinsatz"? Zwölf Geschworene entscheiden über Schuld oder Unschuld von Derek Chauvin
Sehen Sie im Video: Nach den Schlussplädoyers nehmen die Geschworenen im George-Floyd-Prozess Beratungen auf.




Nach den Schlussplädoyers im Fall des getöteten Afroamerikaners George Floyd haben die Geschworenen ihre Beratungen aufgenommen. Wann die Jury zu einem Urteil über den weißen Ex-Polizisten Derek Chauvin kommen würde, blieb am Montag zunächst unklar. Die Anklage hat ihm unter anderem Mord zweiten Grades vorgeworfen. Im Vorfeld sprachen Experten von einer Haftstrafe von bis zu 40 Jahren. Die Staatsanwaltschaft rief in ihrem Plädoyer die Geschworenen auf, "Ihren Augen zu trauen" und spielte ihnen erneut ein Video von Floyds Tod am 25. Mai bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis vor. "Das war keine Polizeiarbeit, das war Mord", sagte Steve Schleicher. Chauvins Anwalt Eric Nelson sagte seinerseits, sein Mandant habe sich wie ein "vernünftiger Polizeibeamter" verhalten angesichts der Gesamtheit der Umstände. Zusammen mit zwei Ersatz-Geschworenen besteht die Jury unter anderem aus acht Weißen und vier Schwarzen. Außerhalb ihrer Beratungen halten sich die Geschworenen von der Öffentlichkeit abgeschirmt in einem Hotel auf. Eine zeitliche Frist für ihre Entscheidung gibt es nicht. Floyd war vor einem Lebensmittelgeschäft festgenommen worden, dessen Mitarbeiter ihm vorwarfen, mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein Zigaretten bezahlt zu haben. Eine Augenzeugin hielt die anschließenden Szenen mit einer Handykamera fest. Der Polizist ließ demnach nicht von Floyd ab, als dieser klagte, keine Luft zu bekommen. Das Video löste in den USA Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt aus, von denen einige in Gewalt umschlugen.
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Es kann Stunden dauern, Tage, vielleicht aber auch Wochen: Im Fall der Tötung des Afroamerikaners George Floyd müssen nun die Geschworenen entscheiden. Das Urteil könnte neue Proteste in den USA auslösen.

Einer der meist beachteten Fälle von Polizeigewalt der jüngeren US-Geschichte liegt nun in der Hand von Geschworenen: Sie müssen entscheiden, ob der weiße Ex-Polizist Derek Chauvin die Schuld für die Tötung des Afroamerikaners George Floyd trägt. Chauvin droht im Fall einer Verurteilung eine lange Haftstrafe. Die Erwartungen an das Verfahren sind in den USA immens: Viele Menschen, darunter sicherlich auch die meisten Schwarzen, hoffen auf ein Urteil, das ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt setzen wird.

Sollte Chauvin aber freigesprochen werden oder eine kurze Haftstrafe bekommen, dürfte es zu massiven Protesten kommen. Der Gouverneur des Bundesstaats Minnesota, Tim Walz, hat die Nationalgarde mobilisiert und mehr Hilfe angefordert. Er und der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, forderten die Menschen auf, nach der Bekanntgabe des Urteils friedlich zu demonstrieren und kein "Chaos" zu erlauben.

Auch Facebook befürchtet Gewaltausbrüche – und trifft Vorkehrungen. So seien Teile von Minneapolis intern zu einem Hochrisikogebiet erklärt worden, teilte das Online-Netzwerk mit. Deshalb werde Facebook alle Aufrufe löschen, dorthin Waffen mitzubringen. Auch werde man zusätzliche Maßnahmen unternehmen, um die Verbreitung falscher Informationen zu stoppen.

"Das war kein Polizeieinsatz, das war Mord"

Das Hauptverfahren gegen Chauvin ging nun mit den Abschlussplädoyers von Anklage und Verteidigung zu Ende. Staatsanwalt Steve Schleicher argumentierte, Chauvins exzessive und erbarmungslose Gewaltanwendung habe Floyd umgebracht. Floyd habe Chauvin bis zu seinem letzten Atemzug gebeten, ihn atmen zu lassen, während dieser neun Minuten und 29 Sekunden auf ihm gekniet habe, sagte Schleicher an die Geschworenen gerichtet. Chauvin habe auf "schockierende" Weise gegen Polizeirichtlinien zur zulässigen Gewaltanwendung verstoßen und müsse verurteilt werden, forderte er. "Das war kein Polizeieinsatz, das war Mord", sagte Schleicher.

Der Staatsanwalt betonte den Geschworenen gegenüber immer wieder, dass Floyds Überlebenskampf unter Chauvins Knie 9 Minuten und 29 Sekunden gedauert habe – und das obwohl Floyd nur wegen des Verdachts festgenommen worden sei, mit einem falschen 20-Dollar-Schein gezahlt zu haben. Schleicher erklärte, Floyd habe Chauvin in den ersten fünf Minuten 27 Mal gebeten, ihn atmen zu lassen, bevor er verstummte.

Chauvins Verteidiger Eric Nelson betonte hingegen die Unschuld seines Mandanten. Dessen Handeln bei Chauvins Festnahme sei berechtigte Gewaltanwendung im Rahmen eines "dynamischen" Polizeieinsatzes gewesen, weil Floyd sich der Festnahme widersetzt habe, argumentierte er. Zudem gebe es berechtigte Zweifel bezüglich Floyds Todesursache. Die Anklage habe die Schuld seines Mandanten nicht zweifelsfrei bewiesen, weswegen es einen Freispruch geben müsse, sagte Nelson.

Der 46 Jahre alte Floyd war am 25. Mai vergangenen Jahres in Minneapolis bei einer Festnahme ums Leben gekommen. Videos dokumentierten, wie Polizisten den unbewaffneten Mann zu Boden drückten. Chauvin presste dabei sein Knie rund neun Minuten lang in Floyds Hals, während dieser flehte, ihn atmen zu lassen. Floyd verlor der Autopsie zufolge das Bewusstsein und starb wenig später.

Zwölf Geschworene entscheiden

Die Entscheidung über Schuld oder Unschuld fällt im US-Rechtssystem den Geschworenen zu. Für die Beratung der zwölf Jury-Mitglieder gibt es keine Zeitvorgabe – sie könnten innerhalb einer Stunde entscheiden oder nach einer Woche, wie Richter Peter Cahill jüngst erklärt hatte. Das Gericht gab ihnen für die Beratungen ein 14 Seiten langes Dokument mit Richtlinien als Entscheidungshilfe an die Hand. Die Geschworenen dürfen während der Unterredungen nicht mehr nach Hause gehen, sondern werden in einem Hotel untergebracht. Die Jury bleibt aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres anonym.

Die Auswahl der Geschworenen hatte sich in diesem Fall lange hingezogen. Verteidiger, Staatsanwälte und das Gericht befragten zweieinhalb Wochen lang Dutzende Kandidaten, um trotz der Bekanntheit des Falls möglichst faire und unvoreingenommene Jury-Mitglieder zu finden. Zudem wollte die Anklage auch sicherstellen, dass Schwarze und andere Minderheiten ausreichend in der Jury vertreten sind.

Der schwerwiegendste Anklagepunkt gegen Chauvin lautet Mord zweiten Grades ohne Vorsatz. Darauf stehen im US-Bundesstaat Minnesota bis zu 40 Jahre Haft. Nach deutschem Recht entspräche dies am ehesten Totschlag. Zudem wird Chauvin auch Mord dritten Grades vorgeworfen, was mit bis zu 25 Jahren Haft geahndet werden kann. Auch muss er sich wegen Totschlags zweiten Grades verantworten, worauf zehn Jahre Haft stehen. Dieser Anklagepunkt entspräche nach deutschem Recht der der fahrlässigen Tötung. Chauvin hat auf nicht schuldig plädiert.

Floyds Schicksal hatte in den USA mitten in der Pandemie eine Welle der Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt ausgelöst – und wurde zur größten Protestbewegung seit Jahrzehnten.

Geschäfte verrammeln ihre Auslagen

Der Prozess in Minneapolis findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Polizei und Nationalgarde haben ihre Präsenz in der Stadt bereits deutlich verstärkt, viele Geschäfte haben aus Furcht vor Ausschreitungen bereits ihre Vitrinen verrammelt. Nach Floyds Tod war es in Minneapolis bei Protesten zu Ausschreitungen gekommen; mehrere Gebäude gingen in Flammen auf.

Chauvin war nach dem Vorfall entlassen worden. Er befindet sich gegen Kaution auf freiem Fuß und war während des ganzen Prozesses anwesend. Neben Chauvin sind drei weitere am Einsatz gegen Floyd beteiligte Ex-Polizisten angeklagt, die in einem separaten Verfahren ab dem 23. August vor Gericht stehen werden. Ihnen wird Beihilfe zur Last gelegt. Auch ihnen könnten langjährige Haftstrafen drohen.

nik DPA

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