HOME

Echo-Preisverleihung: Kulturkampf um Frei.Wild

Seit Monaten tobt ein Streit um die Band Frei.Wild. Sie huldigt ihrer Heimat Südtirol und schimpft auf "Gutmenschen und Moralapostel". Ist das erlaubte Gesellschaftskritik oder rechtsextremer Müll?

Von Thomas Schmoll

Im Laufe des vergangenen Jahres fasste Philipp Burger den Entschluss, "einfach mal Rede und Antwort zu stehen". Also setzte er sich locker und lässig in Lederkluft auf einen Stuhl, die Lehne nach vorn, im Hintergrund die Südtiroler Berge, die Gipfel von Schnee bedeckt, und nahm ein Video auf, das er Ende Oktober auf YouTube veröffentlichte. "Hallo liebe Welt da draußen. Hier spricht der Philipp Burger, der Sänger von Frei.Wild". Die drei anderen Bandmitglieder tauchen während der zwölf Minuten und 15 Sekunden nicht auf, die aus seiner Sicht "klaren Worte" spricht Burger allein, weil "ich einfach denke, dass ich der bin, dem die ganze Geschichte am meisten auf der Leber, auf dem Magen liegt".

Mit der "ganzen Geschichte" meint der Rockmusiker den seit Monaten tobenden Streit um seine Band, der nun eskaliert. Die Gruppe aus Südtirol, das einst zu Österreich gehörte und 1919 endgültig Italien zugesprochen wurde, huldigt in ihren Liedern ihre Heimat in einer Weise, die Kritiker als nationalistisch, rechtsextrem und völkisch ansehen. Frei.Wild stürmt die Charts und spielt in der Schweiz, Österreich und Deutschland vor ausverkauften Hallen mit Tausenden Besuchern. Ihr Erfolg bescherte der Band eine Nominierung für den Echo-Preis in der Kategorie "Rock/Alternative National". Zwei der vier anderen Kandidaten für die Auszeichnung, MIA. und Kraftklub, boykottieren die Veranstaltung und verzichten lieber auf den Preis, als mit Frei.Wild öffentlich aufzutreten. Die Ärzte legen die Entscheidung über eine Rücknahme des Vorschlags in die Hände "der sicherlich weisen Juroren", von Unheilig liegt noch keine Stellungnahme vor.

Die Ärzte und MIA. gegen Rechts

"Es mag nicht in unserer Hand liegen, welche Künstler für einen Echo nominiert werden, aber es liegt in unserer Hand, von unserer Nominierung dankend Abstand zu nehmen", begründet MIA. auf ihrer Facebook-Seite die Entscheidung. Die Chemnitzer Band Kraftklub meint: "Wir möchten nicht weiter in einer solchen Reihe genannt werden." Die Boykott-Entscheidung hat den Streit um die Südtiroler weiter angeheizt. Im Netz tobt ein regelrechter Kulturkampf, der über weite Strecken genauso polarisierend und aggressiv geführt wird, wie es die deutschen Texte von Frei.Wild sind. So stellt Nils Gerster auf der Facebook-Seite von Kraftklub fest: "Was ich wirklich erschütternd finde, das ist die Tatsache, mit welchem Aggressionspotenzial die FW-Apologeten hier reagieren. Die Fangemeinde scheint ein Fall für einen Sektenbeauftragten zu sein, wenn ich mir ansehe, in welch quasi-religiöser Überhöhung dieser völkisch-nationalistischen Band gehuldigt wird." In deren Lager wird immer wieder festgestellt, die Gruppe und ihre Anhänger seien keine Neonazis. Gegen die Fans der anderen Bands wird ohne Rücksicht auf Umgangston und gute Kinderstube gepöbelt: "Kraftklub ist eine Band aus Typen, die aus dem Osten kommen und es jeden Tag mit ihrer Mutter treiben."

Stilisierung als Opfer

Wie immer man zu Frei.Wild steht: Klar ist, dass die Band ein Lebensgefühl unter Jugendlichen anspricht, ein teils diffuser Mix aus Politikverdrossenheit und Wut auf Politiker und Manager. Die rappelvollen Konzerte sind kein Hort von Neonazis und Schläger-Skinheads. "Die Band Frei.Wild macht zu 100 Prozent lebensbejahende und aufbauende Songs und scheinbar ist es auch das, wonach sich die Leute da draußen sehnen", sagt Philipp Burger und hat damit wohl Recht, auch wenn das nicht allen gefällt. Seine Kritiker glauben ihm sowieso nicht. Seine öffentlichen Distanzierungen vom Rechtsextremismus und Nationalsozialismus ("Wir wollen keine Nazis auf den Konzerten") halten sie für Sprechblasen. Da er als Jugendlicher in der Skinhead-Band Kaiserjäger spielte, nehmen es ihm nicht alle ab, wenn er sagt, die Band und ihre Fans sei "ganz ganz ganz weit entfernt" von jeglichem rechten Gedankengut. In seiner Jugend habe er "ganz gewiss nicht so gelebt, wie man das hätte machen sollen", nämlich "mit so 'ner kranken Ideologie". Er fordert eine Chance für sich, "irgendwie den Weg ins normale Leben zurückzufinden".

Der Sänger stilisiert sich zum Opfer, das "die Medien" verunglimpfen und in die rechte Ecke stellen. Hier schlägt er die Brücke zu den Fans von Frei.Wild: "Wir freuen uns auf euch und lassen uns von den ganzen Arschlöchern nicht die Laune verderben. Wir wissen, wo wir stehen - und ihr steht hoffentlich bei uns." In Südtirol habe das Wort Heimat einen anderen Klang, "der ganz bestimmt nicht rechts behaftet ist". Denn schließlich: "Wir haben nie Wert darauf gelegt, Italiener zu sein. Das hat uns die Geschichte eingebrockt." In einem der Songtexte heißt es: "Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat. Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk." In einem anderen: "Ich scheiße auf Gutmenschen, Moralapostel." Die einen sehen darin eine Attacke auf die Demokratie, die anderen normale Kritik an der Gesellschaft. Zu den Kritikern gehört der Extremismus-Forscher Andreas Speit. In der ZDF-Sendung "Aspekte" sprach er von einer "harten Absage an eine offene, heterogene, moderne Gesellschaft".

Merkwürdige Rolle der Echo-Organisatoren

In der Neonazi-Szene ist Frei.Wild auf eine andere Art umstritten. Dort halten einige Protagonisten die Band für Weichlinge, andere sehen in ihr ein Mittel, rechtes Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Burger sagt: "Wir sind die absoluten Verräter für die." Der bayerische NPD-Funktionär Patrick Schröder erklärte im Oktober in einem rechtsextremen Internet-Kanal: "Die Band, das ist meine offene Meinung, ist politisch viellicht nicht hundertprozentig bei uns auf Linie, aber immerhin 80 Prozent. Und sie geben 30 Prozent davon zu." Davon könne die Szene deutlich mehr profitieren als von der Gruppe Böhse Onkelz, die ebenso umstritten war, obwohl sie sich vom Rechtsextremismus distanzierte. Ihnen wurde wie heute Frei.Wild geschickte PR vorgeworfen. Die Südtiroler vertreiben ihre CDs über ein eigenes Label und betreiben einen Fanartikel-Shop, sind also Unternehmer in eigener Sache.

Eine merkwürdige Rolle spielen in der Debatte die Organisatoren des Echo-Preises, die trotz des Boykotts von Kraftklub und MIA. keine Stellung beziehen, sondern sich auf die Regularien zurückziehen. "Wir sind uns der aktuellen heftigen Diskussionen und der emotionalen Reaktionen bewusst. Wir haben den Fall lange und intensiv diskutiert, befinden uns aber in einem laufenden Bewertungsprozess, der sich an existierenden Regularien orientieren muss", heißt es auf der Webseite. Ein Ausschluss von Bands, "die sich über Charts-Platzierungen qualifizieren", sei nicht möglich, weil zum Beispiel "eine Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" nicht vorliege. Fans von Kraftklub sehen das anders. Die Entscheidung der Band, die Preisverleihung zu boykottieren, wurde rund 15.000 mal auf der Facebook-Seite mit einem "Gefällt mir" bedacht.