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Eurovision Song Contest : Ein Portugiese verzaubert den ESC – so lief das erste Semifinale

Ein Schwede auf dem Laufband, ein melancholischer Portugiese, ein Zopfmonster aus Montenegro und ein aserbaidschanisches Pferd im Klassenzimmer: Das erste ESC-Semifinale bot Trash, aber auch Songs mit Gefühl. Der Überblick.

Von Jens Maier, Kiew

Eurovision Song Contest

18 Teilnehmer kämpften im ersten Semifinale des Eurovision Song Contest in Kiew um den Einzug ins Finale am Samstag. Zehn kamen per Jury- und Zuschauerabstimmung weiter. Das sind die Gewinner und Verlierer:

Überraschung des Abends

Ein melancholischer Portugiese verzaubert diesen ESC: Salvador Sobral singt mit "Amar Pelos Dois" (Liebe für zwei) eine herzzerreißende Liebesballade auf Portugiesisch. Ohne Technikschnickschnack und Pyrogedöns steht der 27-jährige Lissaboner auf der Bühne und beeindruckt allein mit seiner Stimme und seiner außergewöhnlichen Performance. Sobral nimmt man den verliebten Jungen sofort ab. Wenn er singt, scheint er in einer anderen Welt zu sein. Charismatisch. Einzigartig. Zauberhaft. Der junge Mann war der Liebling des Publikums. Damit wahrt Portugal seine Chancen auf einen Sieg im Finale am Samstag - es wäre der erste.

Enttäuschung des Abends

Ganz klar: Belgien. Vor Beginn der Proben in Kiew lag Blanche mit "City Lights" bei den Buchmachern ziemlich weit vorne, durfte sich Hoffnungen auf eine Top-drei-Platzierung im Finale machen. Doch die 17-Jährige mit der tiefen Stimme stand auf der Bühne wie ein verängstigtes Reh. Alles an ihr schien zu schreien: Ich will weg hier. Einzig das Publikum in der Kiewer Messehalle half ihr durch den Song, klatschte und feuerte sie an. Da huschte das erste Mal ein Lächeln über ihr Gesicht. Gut, dass es der moderne Popsong doch noch ins Finale geschafft hat. Doch um den Sieg wird Blanche nicht singen.

Eurovision Song Contest

Sonst noch Ausfälle?

Ja, und zwar sehr haarige. Montenegros Teilnehmer Slavko Kalezic hielt es für eine gute Idee, sich einen über einen Meter langen Zopf in sein kurzes Haar einflechten zu lassen. Den schwang er zu "Space" (oder um bei seinem radebrechendem Englisch zu bleiben: "Speiß") wie eine Peitsche. Da bekommt der Satz "Schüttel dein Haar für mich" eine ganz neue Bedeutung. Muckis hin oder her: Das Netzhemd tat sein Übriges, um ihn aus diesem Wettbewerb zu katapultieren. Zu Recht.

Slavko Kalezic

Gib mir Peitsche:  Slavko Kalezic aus Montenegro schwingt seinen meterlangen Zopf wie eine Waffe


Beste Show

Die kam mal wieder aus Schweden. Robin Bengtsson sang seine Pophymne "I Can't Go On", während er mit vier Begleitern auf Laufbändern tanzte. Die simple Idee führt dank der Inszenierung zu beeindruckenden Effekten. Wenn er und seine Tänzer hin und herfahren, sieht das aus wie Synchronschwimmen auf dem Trockenen. Perfekt.

Verstörendster Moment

Ein Pferd im Klassenzimmer - oder genauer gesagt: ein Mann mit Pferdemaske. Den brachte die Aserbaidschanerin Dihaj mit. Während sie in der Ecke kauert und Zeilen ihres Liedes "Skeletons" an Kreidetafeln malt, steht er auf einer Leiter. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was die Choreographen alles eingeschmissen hatten, als sie sich das ausdachten. Seine Wirkung verfehlte der Auftritt trotzdem nicht: Er blieb in Erinnerung.

Und die Gastgeber?

Drei männliche Moderatoren - angesichts des ESC-Mottos "Celebrate Diversity" (Feiere die Vielfalt) eine unverständliche Wahl, auch wenn die drei Jungs sympathisch rüberkamen und Alexander und Volodymyr hinter der Bühne mitfeierten und tanzten. Die Ukrainer stellten eine solide Show mit beeindruckender Bühnentechnik auf die Beine. Bis zum Finale am Samstag müssen die Gastgeber allerdings noch eine Schippe drauflegen. Mehr Überraschung, mehr Spektakel. Und endlich Verka Serducka, die im Jahr 2007 für die Ukraine antrat und Zweite wurde. Sieben, sieben, eilulu.

Wurde es auch politisch?

Dass Jamala in der Pause noch einmal den Siegertitel "1944" aus dem vergangenen Jahr singen würde, war klar. Jegliche Anspielung auf den Streit mit Russland verkniffen sich die Gastgeber jedoch zum Glück. Einzig Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko wagte in seinem Grußwort im offiziellen Programm eine politische Botschaft: "Kiew akzeptiert freudig jeden Teilnehmer und Gast dieses Musikfestivals", schreibt er. Ein Seitenhieb auf die Regierung in der Ukraine, die der russischen Teilnehmerin die Einreise verweigert und damit für einen Eklat gesorgt hatte.

Schwulster Moment des Abends

Den boten die beiden halbnackten Tänzer der Griechin Demy. Die formten am Schluss ihres Auftritts mit ihren Körpern ein Herz. Schööööön.

Demy beim ESC

Während Demy aus Griechenland ihren Song performt, formen ihre beiden halbnackten Tänzer mit ihren Körpern ein Herz

Unsere persönlichen zwölf Punkte gehen an …

Artsvik aus Armenien. Die fegt als eine Art Bezaubernde Jeannie über die Bühne und singt mit "Fly With Me" eine orientalisch angehauchte Ethnopopnummer, die aber nicht verkitscht, sondern modern wirkt.

Wer ist nun weiter?

Moldau, Aserbaidschan, Griechenland, Schweden, Portugal, Polen, Armenien, Australien, Zypern, und Belgien. Am Donnerstagabend werden im zweiten Semifinale zehn weitere Kandidaten ausgewählt. Alle zwanzig treffen dann am 13. Mai im großen Finale des Eurovision Song Contest auf die Big Five: Italien, Großbritannien, Frankreich, Spanien und Deutschland, sowie auf das Gastgeberland Ukraine.

Und wer gewinnt am Samstagabend den ESC?

Buchmacher, Fans und Journalisten: Sie alle sagen einen fulminanten Sieg des Italieners Francesco Gabbani mit seinem "Occidentali's Kharma" vorher. Aber dieser Abend hat gezeigt: Der Portugiese Salvador Sobral könnte ihm noch gefährlich werden. Rom oder Lissabon? Das könnte am Samstag die Entscheidung sein.

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