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"Unser Star für Oslo": Eine neue Nicole?

Im ersten Durchlauf von Raabs Eurovision-Vorentscheid ergibt die Formel "sensible Juroren plus solide Kandidaten" über weite Strecken dezente Langeweile. Bis die letzte Kandidatin schließlich alles "wegflasht". Ist "Unser Star für Oslo" etwa schon gefunden?

Von Ingo Scheel

Es schien, als hätte ProSieben sich alle Mühe gegeben, den in einigen Wochen bevorstehenden Switch zum Senderpartner ARD schon jetzt vorzubereiten. So unspektakulär, an der Grenze zum Schnarchigen war die erste Show über weite Strecken. Diszipliniertes Publikum, das durch die Bank auf Banner, Tröten und "Heini für Oslo"-Shirts verzichtete. Solide Moderatoren mit niedrigem Stotterfaktor und eine Jury, die nur eines im Sinne hatte: nur ja die Kandidaten nicht verletzen, brüskieren, bloßstellen. Dazu passte die Einschaltquote von 2,6 Millonen - nicht schlimm, aber auch kein überragender Wert.

Es wirkte zunächst hüftsteif, entpuppte sich mit Fortlauf der Sendung jedoch als wohltuende Alternative zu all den pöbelnden Bohlens, den überdrehten Soosts und heulenden Darnells. Die Juroren - das waren in der ersten Ausgabe des Vorentscheids zum "Eurovision Song Contest" Sängerin und Schauspielerin Yvonne Catterfeld und der in Ehren ergraute Marius Müller Westernhagen. Und Stefan Raab natürlich. Schließlich ist "USFO", nach "BuViSoCo" und "SSDSDSSWEMUGABRTLAD", sein drittes, wie schon die Vorgänger mit kräftiger Stimme und unaussprechlichem Namen ausgestattetes Casting-Baby.

Grat zur Langeweile ist schmal

20 Kandidaten von insgesamt 4500 Casting-Teilnehmern haben es in die Endrunde geschafft und die ersten Zehn davon schickten sich gestern Abend an, in die Fußstapfen von Nicole zu treten. Ziel der Aktion: der geschundenen deutschen Eurovisionsseele ein bisschen Frieden zu verschaffen. Doch der Grat vom "Frieden" zur "Langeweile" ist schmal und so kommt der groß angelegte Sangeswettstreit nur langsam in die Hufe. Musiklehrer Benjamin gibt zu Beginn einen soliden Robbie Williams, die Jury verortet ihn anschließend gar zwischen Elvis und Bowie. Derlei Güteklassen liegen für Nachfolgerin Kerstin in weiter Ferne. Die 21-Jährige aus Osnabrück erinnert mit ihrem Amish-People-Zopf an Kelly McGillis in "Der einzige Zeuge", und ihre Version von Evanescences "My Immortal" hätte jedem Kirchentag zur Ehre gereicht.

Und so geht es weiter: Johannes, 25, ist Mediengestalter, hat aber nicht einmal einen Fernseher. Möchte gern so klingen wie Seal, hat dazu aber weder das Format noch die Stimme. Ein Problem, das auch Daliah kennt, die sich an "At Last" von Etta James versucht und mit dem Zeugnisvermerk "bemüht" auf ihren Platz geschickt wird. Zwischen den Songs äußern sich Raab, Catterfeld und Westernhagen dennoch betont besonnen und ausgleichend. Insbesondere letzterem ist die Rolle des Juroren zuweilen unangenehm, findet er den Wettstreit unter Künstlern ohnehin "idiotisch". Doch wie konstatiert der ewige Marius schon zu Beginn: "Wenn ich die Dinge schon nicht ändern kann, dann will ich mithelfen, die Qualität zu steigern."

Lena nimmt die Bühne im Handstreich

Tatsächlich flackert in der zweiten Hälfte des Teilnehmerfeldes mehr Feuer unterm Euro-Eintopf: Cyrils "Hotel California" rockt fast und mit Paulo Nutinis "Loving You" belegt Gartenbau-Spezi Michael Kraus, dass es nicht immer Robbie Williams sein muss. Das haarige Temperamentsbündel Meri weiß danach nur zu gut, dass spätestens seit Sandy Shaw ("Puppet on a String") nackte Füße die Siegchancen beim Eurovision Song Contest steigern. Katrin aus Köln hat schließlich Pinks "Nobody Knows", das findet jedenfalls die Jury, fast schon zu gut drauf, Sebastian aus München ist dagegen doch nicht so ganz der neue Michael Bublé.

Dafür könnte Lena, die letzte und mit 18 Jahren jüngste Teilnehmerin des Feldes, aber vielleicht die neue Nicole sein: Mit dem "Hoppla, jetzt komm' ich"-Charme einer Nora Tschirner, dem Kussmund von Dita von Teese und einem Teint, als käme sie grad von Dreharbeiten zum neuesten "Twilight"-Film, nimmt die Teenagerin, die nie auf einer Bühne gestanden hat, Konkurrenz, Publikum und Jury im Handstreich.

Raab war "voll geflasht"

"Das hat mich voll geflasht!" bekennt ein begeisterter Stefan Raab, während Westernhagen, mit dem Weitblick des Alters gesegnet, schon jetzt hofft, sie möge sich von den "tauben und blinden" Plattenfirmen nicht verdrehen lassen. Dass sie dafür genügend Selbstbewusstsein zu haben scheint, zeigte sich bereits bei den Proben zur Sendung. Ihren Song, Adeles "My Same", wollte der Bandleader ihr ausreden. Zu sperrig, zu unbekannt sei das Original. Die 18-Jährige beharrte jedoch auf ihrer Meinung und tat gut daran. Nach dem Telefon-Voting der ProSieben-Zuschauer steht Lena jetzt, neben Kerstin, Meri, Cyril und Katrin, in der nächsten Runde.

Wie lautete noch gleich das Ziel von Stefan Raab? Einen Kandidaten auszuwählen, dem das deutsche Publikum mal wieder die Daumen drückt und den Sieg gönnt. Wer den Applaus und die Reaktionen am Abend in Köln gehört hat, vermag sich mit ein wenig Phantasie vorstellen, dass Lena es bis nach Oslo schaffen könnte.