VG-Wort Pixel

Bilanz Eurovision Song Contest Jubel-Show, Fan-Frust und ein Waterloo


Es war der umstrittenste Eurovision Song Contest aller Zeiten: Trotzdem hat Baku eine würdige Siegerin hervorgebracht und Roman Lob den achten Platz beschert. Eine Bilanz in acht Punkten.
Von Jens Maier, Baku

1. Die Jubel-Show

Es war die Bombast-Show, die viele erwartet hatten: Mit viel Feuerwerk und Bling-Bling versuchte sich Aserbaidschan vor Europa ins rechte Licht zu setzen. Doch vor allem die Postkartenfilme und der Pausenakt zeigten, wie ideenlos die Gastgeber agierten. Wo war das Motto "Light your fire" geblieben, wo das Kristallthema von Halle und Bühnenaufbau? Welche Geschichte sollte erzählt werden? Dass ausgerechnet der Schwiegersohn des Präsidenten als Pausenfüller auftrat, passt in ein Land, in dem Korruption an der Tagesordnung ist. Geschmacklos auch, wie Schwiegerpapas Liebling theatralisch die aserbaidschanische Fahne küsste. Zum Glück bewahrte Anke Engelke die Show davor, zur reinen Imageshow des autoritären Regimes zu werden. Ihr mutiges Statement wird in die Geschichte des Grand Prix eingehen: "Es ist gut, abstimmen zu können und gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf dem weiteren Weg, Aserbaidschan. Europa wird dich dabei beobachten."

2. Die würdige Siegerin

Nach 13 Jahren kehrt der Eurovision Song Contest nach Schweden zurück: Zu verdanken haben die Skandinavier das der exzentrischen Sängerin Loreen. Die 28-Jährige hat mit ihrem Ausdruckstanz ganz Europa betört. In Baku war sie einer der Teilnehmer, die ganz klar für Menschenrechte Stellung bezogen haben. Sie hat sich mit Menschenrechtsorganisationen getroffen und ließ sich nicht den Mund verbieten. Vor allem deshalb ist die Frau mit den schwarzen Fransenhaaren und den marokkanischen Wurzeln eine würdige Siegerin. Stolz sein kann aber auch Thomas Gustafsson, der Komponist des Siegersongs "Euphoria". Gustafsson kann mit insgesamt 58 eingereichten Titeln im schwedischen Vorentscheid als so etwas wie der schwedische Ralph Siegel bezeichnet werden. Nur dass er mit seinen Werken immer noch Erfolge feiert.

3. Die freundlichen Gastgeber

Abgesehen von allen Diskussionen über Menschenrechte und Presse- und Meinungsfreiheit haben sich die Aserbaidschaner als freundliche Gastgeber präsentiert. Fast alle Besucher haben die extreme Hilfsbereitschaft und Begeisterung der Bakuer sehr gelobt. Auf der Straße schallte es aus allen Ecken ein freundliches "Hello, where are u from?". Die Propaganda der autoritären Führung, vor allem gegen die Deutschen und ihre extrem kritische Berichterstattung, schien nicht verfangen zu haben

4. Das Waterloo der EBU

Die European Broadcasting Union (EBU), Veranstalterin des Eurovision Song Contest, gibt sich gerne als Vorkämpferin für Meinungs- und Pressefreiheit aus. In Baku erlebte sie ihr Waterloo. Kein einziges Mal hat sie gegen das autoritäre Regime Stellung bezogen und wurde stattdessen zum willfährigen Helfer eines Präsidenten, der Aserbaidschan als sein Eigentum betrachtet. Kritische Nachfragen von Journalisten waren meist unerwünscht und wurden nur sporadisch oder gar nicht beantwortet. Es wäre gar nicht auszudenken was passieren würde, wenn dieses unfähige Management in die Lage käme, den ESC eines Tages im totalitären Weißrussland austragen zu müssen. Deshalb muss dringend eine Diskussion darüber geführt werden, wer das Recht hat in die EBU aufgenommen zu werden und wie mit den Ländern umgegangen werden soll, die Meinungs- und Pressfreiheit trotzt anders lautender Beteuerungen mit den Füßen treten.

5. Der erfolgreiche Roman Lob

Deutschland kann stolz auf seinen "Star für Baku" sein: Roman Lob hat geschafft, was viele nicht für möglich gehalten hatten. Der 21-Jährige hat mit einem achten Platz sein Ziel, unter die ersten zehn zu kommen, erreicht. Deutschland ist damit das erfolgreichste Land der sogenannten Big Five, die automatisch fürs Finale qualifiziert waren, und landete sogar vor der als Favoritin ins Rennen gestarteten Italienerin Nina Zilli. Aus 20 Ländern erhielt der Mann mit den braunen Rehaugen Punkte, darunter jeweils zehn aus Irland, Ungarn, Estland, Dänemark und Portugal. Insgesamt kam er damit auf 110 Zähler und somit mehr als Lena Meyer-Landrut bei ihrer zweiten Teilnahme im vergangenen Jahr in Düsseldorf (10. Platz, 107 Punkte). Jetzt will Lob erstmal "ausschlafen und regenerieren", wie er stern.de sagte. Zurück in Deutschland will er "Songs schreiben, die nächste Single raus bringen und im Oktober auf eine Clubtour gehen". Ob er sich eine weitere Teilnahme am ESC vorstellen kann? "Wenn man mich fragt, warum nicht? Ich würde mir das aber extrem durch den Kopf gehen lassen. Vor hatte ich das nicht. Man muss ja auch anderen Leuten mal die Chance geben."

6. Die wütenden Fans

Das Verbot von armenischen Songs im Euroclub, das plötzliche Verbot, Flaggen mitzubringen, die nicht zu einem der Teilnehmerländer gehören (in Düsseldorf durfte selbstverständlich die Regenbogenflagge in der Arena geschwungen werden) und die seltsame Platzvergabe im Finale sind nur einige Beispiele dafür, wie das feige Verhalten der EBU auf dem Rücken der Fans ausgetragen wurde. Vor allem über die Sitzplätze in der Kristallhalle haben sich sehr viele Fans geärgert. Es gehört zur Tradition des ESC, dass die besten Plätze des Hauses, direkt an der Bühne, den vielen Fanclubs vorbehalten bleiben. In diesem Jahr saßen aber vor allem Bonzen in der ersten Reihe, die Fans mussten mit schlechteren Karten Vorlieb nehmen.

7. Deutschland bleibt Grand-Prix treu

Deutschland bleibt auch im Jahr eins nach Lena eine Grand-Prix-Nation: Knapp neun Millionen Zuschauer haben am Samstagabend in der ARD das über dreistündige Finale in Baku angeschaut. Das war mehr als jeder dritte Fernsehzuschauer (Marktanteil: 36,6 Prozent). Zwar hatte der Song Contest damit rund 3,5 Millionen weniger Zuschauer als beim Heim-Grand-Prix in Düsseldorf vor einem Jahr, trotzdem kann die ARD mit diesem Wert zufrieden sein. Bei den 14 bis 49-Jährigen betrug der Marktanteil 43,6 Prozent (4,11 Millionen Zuschauer), bei den 14- bis 29-Jährigen 48,2 Prozent (1,17 Millionen Zuschauer). Der Spitzenwert wurde zum Ende des Auftritts von Roman Lob gemessen: 9,78 Millionen Zuschauer.

8. Die Zukunft des deutschen Vorentscheids

Die ARD will auch in Zukunft am Prinzip einer Castingshow zur Auswahl des deutschen Teilnehmers für den ESC festhalten. "USFB war keine Castingshow, sondern eine Talentsuche", sagte NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber zu stern.de. "Wir wollen auch weiterhin versuchen, jungen musikalischen Talenten eine Plattform und ein Sprungbrett zu liefern. Unser Ziel ist Nachhaltigkeit, dass also Menschen ein bisschen Aufmerksamkeit für ihr Talent bekommen und die Chance haben, eine eigenständige Karriere einzuschlagen." Ob die Zusammenarbeit mit ProSieben beendet wird oder weitergeht, ließ Schreiber offen. "Wir haben verabredet, dass wir erstmal Baku abwarten und uns dann zusammensetzen." Sobald eine Entscheidung getroffen sei, werde diese kommuniziert.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker