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ESC-Gewinnerin Loreen: Abbas Erbin

Schweden ist aus dem Häuschen: Endlich wieder ein ESC-Sieg! Endlich wieder eine Künstlerin vom Schlage Abbas. Im Freudentaumel vergessen die Schweden sogar Loreens politisches Statement.

Von Swantje Dake

Nein, die typische Schwedin stellt sich der gewöhnliche Europäer wohl anders vor. Langhaarig ja, aber doch eher blond als pechschwarz. Und bitte blaue Augen anstatt einer mystischen Aura. Doch Loreen, die Siegerin des Eurovision Song Contest 2012, repräsentiert das Land im Norden besser als man auf den ersten Blick annehmen könnte.

Zumindest teilt sie die Begeisterung für den europäischen Liederabend mit ihren Landsleuten. Die "Abba"-Nation ist deutlich euphorischer, wenn es um den Grand Prix geht als beispielsweise die Deutschen. Die Hälfte der 9,5 Millionen Einwohner des Landes saß am Samstagabend trotz hochsommerlichen Pfingstwetters und einer hellen Sommernacht vor dem Fernseher.

Und Loreen verfolgte das Ziel "Grand Prix" äußerst hartnäckig. Im vergangenen Jahr scheiterte sie noch im schwedischen Vorentscheid, ihr Beitrag "My Heart Is Refusing Me" wurde trotzdem ein Hit. Entsprechend hoch gehandelt wurde sie im Vorfeld - nicht nur im eigenen Land. Fans und Buchmachern hat die mystische Pop-Hexe mit der Dance-Pop-Nummer "Euphoria" auf ihren Listen ganz weit oben.

Musikalische Früherziehung

Loreen heißt mit bürgerlichem Namen Lorine Zineb Noka Talhaoui. Ihre Eltern stammen aus Marokko kamen ein Jahr vor Loreens Geburt nach Schweden. Der Vater verließ die Familie und ging nach Spanien als Loreen sechs war. Musik spielte in der Familie schon immer eine große Rolle. "Bei uns war es selten ruhig", sagte Loreens Bruder Sejfo der schwedischen Zeitung "Expressen". "Aber Loreen setzte immer noch einen drauf."

Eine Castingshow ebnete der heute 28-Jährigen den Weg ins Showgeschäft. Vor sieben Jahren wurde sie vierte bei "Idol", der schwedischen Version von "Deutschland sucht den Superstar". Damals nannte sie sich noch Lorén Talhaoui und schlug mit deutlich kürzerem Haar und weniger Mystik R’n’B-Töne an. Auf diese Musikrichtung mag sie sich aber nicht reduzieren lassen und nennt auf ihrer Homepage Enya, die Australierin Lisa Gerrard und - natürlich - die Isländerin Björk als ihre Vorbilder. "Die Musik, von der ich mich inspirieren lasse, bringt dich in eine Art Trance", schreibt sie.

Neben ihren musikalischen Vorbildern dankte sie auf der Pressekonferenz nach ihrem Sieg vor allem ihrer Mutter, Choumicha Talhaoui-Hannson. "Ohne sie wäre ich nicht hier", so Loreen. "Sie hat mir beigebracht, wie man mit beiden Beinen im Leben steht und nicht abhebt", sagte sie laut der #link;http://www.aftonbladet.se/nojesbladet/melodifestivalen/article14887082.ab;schwedischen Zeitung "Aftonbladet".

Und deswegen wird sie sich auch etwas Zeit lassen und selbst in der großen ESC-Euphorie nicht durchdrehen. Erst im Herbst soll eine neue Platte erscheinen. Die Tour im Sommer durch Schweden ist kleingehalten, ihre Auftritte werden nur 30 bis 45 Minuten dauern. Ein paar ihrer älteren Lieder, ein paar Coversongs. "Wir geben Loreen ein bisschen mehr Zeit, weil sie mehr ist als nur ein Lied", sagt Björn Lindborg von der Plattenfirma Warner zur Zeitung "Expressen". "Sie ist eine echte Künstlerin, die eine lange Karriere vor sich hat." Auch der ESC-Experte des "Aftonbladet", Markus Larsson, sagt Loreen eine ruhmreiche und internationale Karriere voraus. "Das hier ist eine Liga mit Abba."

Die privat-politische Loreen

Dass Loreen tatsächlich kein Popsternchen an den Marionettenfäden der Musikindustrie ist, zeigte sie in den Tagen vor dem ESC-Finale. Sie traf sich mit Vertretern der Menschenrechtsbewegung "Sing for democracy" und löste allein damit schon einen Eklat aus. Der schwedische Botschafter wurde ins aserbaidschanische Außenministerium einbestellt. Die Sängerin solle sich doch bitte um ihre Aufgabe kümmern und nicht politisch aktiv werden. Daraufhin äußerte sich Loreen auch nicht weiter zur Menschenrechtslage. "Was ich sagen kann, ist, dass es zwei Seiten von mir gibt, eine ist privat, eine ist die Arbeit, die ich hier tue", sagte Loreen. Den öffentlichen Fokus wolle sie beim Eurovision Song Contest auf Musik halten.

Für die TV-Zuschauer wurde die Reporterfrage nach Loreens Treffen mit der Opposition bei einer live übertragenen Pressekonferenz am Freitag nicht übersetzt. Stattdessen versuchte der Moderator, das unbequeme Thema mit den Worten zu überspielen, dass "alle wegen der Musik nach Baku gekommen" seien. Nach ihrem Sieg spielte Loreen auf der Pressekonferenz erneut auf die Menschenrechtslage an. Wie ihr Tanzstil denn einzuordnen sei, wurde die Künstlerin gefragt. "Der Tanz demonstriert Freiheit."

Schweden freut sich schon jetzt auf Mai 2013, wenn das Finale des Eurovision Song Contest in Stockholm ausgetragen wird. Dann wieder ohne faden Beigeschmack.

mit Agenturen