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Cascada gewinnen ESC-Vorentscheid: Die Jury schafft sich selbst ab

Aufgabe einer Jury ist es, Qualität zu bewerten und nicht auf den Massengeschmack zu schielen. Mit der Entscheidung, Cascada acht Punkte zu geben, haben die Juroren eine fatale Entscheidung getroffen.

Ein Kommentar von Carsten Heidböhmer

Als Mary Roos gestern Abend beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest die Jury-Wertung bekanntgeben wollte, wirkte sie etwas verunsichert und entschuldigte sich schon mal vorsorglich für das Resultat. Die Sängerin mag da schon geahnt haben, dass die Punktevergabe der fünf Juroren dem Abend eine überraschende Wendung geben würde.

Die Entscheidung darüber, wer Deutschland im Mai beim Eurovision Song Contest in Malmö vertritt, fiel in diesem Jahr in drei Runden. Zunächst floss das Ergebnis der Online-Abstimmung der ARD-Rundfunksender ein. Dort setzte sich LaBrassBanda mit 12:10 gegen Cascada durch. Die Fernsehzuschauer entschieden beim finalen Telefonvoting genau umgekehrt: 12:10 für Cascada.

Somit war das Zünglein an der Waage an diesem Abend die Jury. Dass die ARD für den Vorentscheid ein solches Experten-Gremium installiert hat, ist im Prinzip sinnvoll. Auch beim Eurovision Song Contest entscheidet seit 2009 zu 50 Prozent eine Jury. Das sollte das Urteil stärker ausbalancieren. Denn die Juroren sind auch bei den Proben dabei, können die Lieder also öfter hören und müssen sich nicht auf den einmaligen Eindruck verlassen. Letztendlich wird damit ein stärkeres Augenmerk auf Qualität gelegt: künstlerische Substanz wird auf-, reine Showeffekte werden abgewertet.

Jury voller Musikkenner

Nach Jahren der reinen Volksherrschaft wollte die ARD in diesem Jahr auch für den Vorentscheid die Meinung von Experten miteinfließen lassen - und installierte mit Anna Loos, Roman Lob, Peter Urban, Tim Bendzko und Mary Roos eine Jury voller Musikkenner. Drei der Kandidaten weisen sogar einschlägige Grand-Prix-Erfahrung auf.

Cascada fahren zum ESC. Wie finden Sie das?

Diese Juroren - davon konnte man ausgehen - haben ein Herz für gute Musik. Sie scheren sich nicht um den Faktor Bekanntheit und Plattenverkäufe, sondern fällen ein Geschmacksurteil. Das ist als solches natürlich nicht anfechtbar. Insofern ist es völlig legitim, dass die Jury LaBrassBanda nur einen Punkt gegeben hat, den avantgardistischen Blitzkids mvt. die Höchstwertung. Dass die Juroren jedoch dem äußerst stumpfen, Ballermann-kompatiblen Dance-Act Cascada acht Punkte spendet - darüber darf man sich dann doch wundern. Zumal ihr Song "Glorious" nichts als ein billiger Abklatsch des Vorjahressiegers "Euphoria" von der Schwedin Loreen ist. Die Historie zeigt: In den seltensten Fällen gewinnt ein Song, der das Erfolgsmodell des Vorjahrs einfach kopiert.

Dass Cascada weltweit 30 Millionen CDs verkauft haben, mag bei der Jury-Entscheidung miteingeflossen sein. Hat so ein Künstler nicht bessere Karten als ein No-Name? Doch wenn die Jury den ohnehin schon bevorteilten Künstlern - Cascada haben 1,8 Millionen Facebook-Fans, einige der Mitbewerber nur wenige Tausend - ihre Punkte gibt, wozu braucht man sie dann noch? Zudem hätten die Experten wissen müssen, dass in den vergangenen Jahren internationale Berühmtheit selten einen Vorteil brachte. Die strahlenden Sieger waren - wie Lena - dem restlichen Europa zumeist völlig unbekannt.

Die Entscheidung der Jury führt so zu einem in jeder Hinsicht enttäuschenden Ergebnis. Künstlerisch ist Cascada der kleinste gemeinsame Nenner, die Aussichten auf Erfolg sind jedoch nicht größer, als wenn Deutschland LaBrassBanda an den Start geschickt hätte. Doch das wäre immerhin originell gewesen.