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ESC 2015: der Songcheck: Das sind die Favoriten für Wien

Ein heißer Schwede, grande Amore aus Italien und verliebte Wikinger: Wer tritt die Nachfolge von Conchita Wurst beim ESC an? Das sind die aussichtsreichsten Kanidaten im Songcheck und zum Reinhören.

Von Jens Maier, Wien

Wer tritt die Nachfolge von Conchita Wurst an? Am 23. Mai findet das Finale des Eurovision Song Contest in Wien statt. Die ersten Sänger sind bereits vor Ort, die Proben in der Wiener Stadthalle haben begonnen. Für Deutschland geht Ann Sophie an den Start. Hoffnung auf einen vorderen Platz kann sich die Hamburgerin allerdings nur wenig machen. Behalten britische Buchmacher Recht, landet sie abgeschlagen auf den hinteren Rängen. Fünf Kandidaten werden den Sieg demnach unter sich ausmachen. Das sind die Favoriten für Wien und ihre Songs zum Reinhören:

Australien: die männliche Kylie

Hello, Australia! Jahrelang durften sie nur zuschauen, jetzt zum ersten Mal mitmachen. Obwohl Australien tausende von Kilometer von Europa entfernt ist, nimmt der Kontinent in diesem Jahr am ESC teil - und ist sogar fürs Finale gesetzt. Der Grund: Zum 60. Geburtstag des Song Contest sind die Australier in Wien als Ehrengäste eingeladen. Aussies meet the Ösis. Damit sollen vor allem die über zwei Millionen treuen Fans im Land belohnt werden, die Jahr für Jahr um fünf Uhr morgens aufstehen, um Grand Prix zu gucken. Doch Australien will nicht nur dabei sein, sondern gewinnen. Dafür soll der 33-jährige Guy Sebastian sorgen. Der Sänger ist in seiner Heimat ein Superstar und Pop-Export Nummer eins - die männliche Kylie Minogue. Seine Karriere begann vor zwölf Jahren mit dem Sieg bei der Castingshow "Australian Idol", der dortigen Ausgabe von "DSDS". Mit seinem Debütalbum "Just as I Am" stellte er einen Verkaufsrekord auf, brachte es seitdem auf sechs Nummer-Eins-Hits.

In Wien wird er mit

"Tonight Again"

antreten, einer Soul-Pop-Nummer, die an die Musik von Bruno Mars und Justin Timberlake erinnert. Sebastian hat an dem Song, der in nur drei Tagen entstanden ist, selbst mitgeschrieben. "Ich wollte etwas präsentieren, das Spaß macht", sagt er selbst. Doch sein geschmeidiger Saxophonsound ist ein bisschen zu brav, um in Wien der Discokracher zu sein. Aus der Wiener Stadthalle wird mit "Tonight Again" sicher kein Mitklatsch-Musikantenstadl. Punkten kann Sebastian hingegen mit seiner guten Live-Stimme. Auch deshalb gilt er bei britischen Buchmachern als Titel-Aspirant. Sollte er tatsächlich gewinnen, darf sich Deutschland Hoffnungen machen, den nächsten ESC auszutragen. Denn der australische Sender muss sich im Falle eines Sieges ein europäisches Partnerland suchen. Gewinnt Australien, könnte es also heißen: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.

Schweden: Mister Charming mit der Strichmännchenarmada

Wenn es nur nach dem Aussehen ginge, hätte er den Sieg wohl schon in der Tasche: Måns Zelmerlöw ist der heißeste männliche Pop-Export aus Schweden seit Björn und Benny von Abba. Spätestens nachdem er in Miley-Cyrus-Manier nackt auf einer Abrissbirne eine Schwulengala moderierte, sehen das nicht nur seine weiblichen Fans so. Der 28-jährige Tausendsassa ist in seiner Heimat als Sänger, Schauspieler und Moderator bekannt. Bereits zwei Mal hat er am schwedischen Vorentscheid Melodifestivalen teilgenommen - und ist gescheitert. Im dritten Anlauf hat es nun geklappt. Sein Song "Heroes" ist typische schwedische Popware - im besten Sinne. Denn die Skandinavier waren in den vergangenen Jahren nicht nur beim ESC sehr erfolgreich, sondern haben Großbritannien als Popnation Nummer eins abgelöst. Egal ob Lady Gaga, Taylor Swift oder Katy Perry - die Produzenten der erfolgreichsten Superstars kommen aus Schweden.

Mit Folkelementen, Dancebeats und einem Mitgröhl-Refrain folgt "Heroes" dem Erfolgsrezept der schwedischen Musikindustrie. Kritiker behaupten, der Song sei ein Plagiat von David Guettas "Lovers on the Sun". Tatsächlich klingen die beiden Titel besonders am Anfang ziemlich gleich, doch die Vorwürfe ließen sich bislang nicht erhärten. Und die Schweden haben noch einen Trumpf im Ärmel: Zelmerlöw wird in Wien mit einer Armada von Strichmännchen auftreten. Die kleinen Kerle werden neben ihn projiziert und treten mit ihm virtuell in Interaktion. Obwohl die Männchen ziemlich einfach aussehen, ist das Ergebnis beeindruckend: putzig und innovativ zugleich. Und der Beweis dafür, dass es eben doch noch immer etwas Neues auf der Bühne zu sehen gibt. Mit Strichmännchen, Charme und Schwedenpop darf sich Zelmerlöw Hoffnungen auf den zweiten schwedischen ESC-Sieg in diesem Jahrzehnt machen - und er wäre der besungene "Hero".

Norwegen: Melancholie in der Nordsee

Mit Essen spielt man nicht. Doch genau das tun Debrah Scarlett und Kjetil Mørland aus Norwegen in ihrem Video zu "A Monster like me". Genauer gesagt bewerfen sie sich mit Hähnchenkeulen und Meeresfrüchten. Was nach Slapstick aus Dieter Hallervordens Palim-Palim-Zeit klingt, ist ganz großes Kino: mystisch und dunkel, aber auch irgendwie skurril und spannend - so wie der Song. Der sticht unter den unzähligen Balladen, die in Wien aufgeführt werden, positiv hervor.

Das liegt zum einen an der Komposition, die von Sänger Mørland stammt. Ihm ist das Kunststück geglückt, eine gefühlvolle Ballade mit spektakulärem Geigerfinale zu kreieren, die in keiner Sekunde ins Kitschige entgleitet. Das schafft sonst nur Adele. Zum anderen an den Künstlern selbst. Scarlett und Mørland sind das perfekte Paar. Er ein markanter Wikinger, sie die skurrile Elfe mit Flechtfrisur. Ein Duo, an dem man sich weder satthören noch -sehen kann. Zwei Intellektuelle, die über ein dunkles Geheimnis in einer Beziehung singen. Das klingt nach schwerer Kost, ist jedoch grandiose Unterhaltung. Selbst dann, wenn die beiden sich auf der ESC-Bühne nicht mit Essen bewerfen werden. Auch nicht mit Wiener Schnitzel.

Italien: Liebesgrüße aus Rom

Im vergangen Jahr steuerte Österreich die dramatische Pophymne für den ESC bei, 2015 ist es Italien. Die Heimat der Oper schickt die drei Tenöre Il Volo nach Wien. Im Gegensatz zu Conchita Wurst tragen Piero Barone, Ignazio Boschetto und Gianluca Ginoble weder Vollbart noch Abendkleid. Glücklicherweise sehen sie auch nicht aus, wie man sich italienische Opernsänger gemeinhin vorstellt. Die Boyband mit Vibrato hat den Look von Eros Ramazzotti und die Stimme von Luciano Pavarotti. Das dürfte für die Punktewertung besser sein als umgekehrt. Die Italiener singen - wie soll es anders sein - von der "Grande Amore", der großen Liebe. Eine orchestrale Orgie mit Streichern, Klaviersolo und vollem Stimmeinsatz, vom tiefen f bis zum hohen g. Da wird selbst Andrea Bocelli neidisch.

Grande Katastrophe oder grandios? Die Meinungen gehen auseinander. Das Video wurde aber bereits über 25 Millionen Mal auf Youtube angeschaut und ist damit Lenas 45-Millionen-Rekord mit "Satellite" auf den Fersen. Kurioserweise werden im Video Anspielungen auf die drei Hollywoodfilme "Ghost, Nachricht von Sam", "Zurück in die Zukunft" und "Spiderman" gemacht. Das macht den Song vollends zum kitschigen und durchgestylten Liebesschmachtfetzen. Doch mit ihrem Bubicharme und ihrem schicken italienischen Zwirn machen dir drei Jungs den Übermut ihrer Produzenten wieder wett. Bello e impossibile.

Estland: Sisi und Franz im Pärchenclub

Dem holländischen Duo Common Linnets gelang 2014 in Kopenhagen nicht nur überraschend Platz zwei, sondern mit der Country-Pop-Nummer "Calm after the Storm" der Radiohit des Jahres. Kein Wunder, dass die Wiener Bühne von Sänger-Duos gestürmt wird, die es ihnen gleichtun wollen. Willkommen im Pärchenclub ESC. Eines der besten gemischten Doppel sind Elina Born und Stig Rästa aus Estland. Mit 79 Prozent der Anrufer entschieden sie den dortigen Vorentscheid für sich - ein überwältigendes Ergebnis. Der Song "Goodbye to Yesterday" stammt aus der Feder von Rästa selbst, der auf der Suche nach einer Sängerin auf Youtube auf eine junge Frau aufmerksam wurde, die ein Lied von Christina Aguilera nachsang: Elina Born.

Begeistert von ihrer Stimme schreib er sie via Facebook an: "Dein Beitrag hat mich zu Tränen gerührt". Drei Jahre später mimen die beiden nun beim ESC das Paar, das über seine zerbrochene Liebe singt. Noch eine dramatische Liebesschnulze - wie originell, werden viele denken. Doch der Song trieft nicht vor Kitsch und Schmalz, sondern ist eine gelungene Symbiose aus melancholischer Ballade und modernem Popsong. In seiner Machart mit Trompeten und Gitarren erinnert er an "Summer Wine" von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra - ein Klassiker neu interpretiert. Stimmlich reichen Born und Rästa zwar nicht an das große Duo heran, doch sie sind authentisch und sympathisch wie Sisi und Franz. Das könnte am Ende reichen, um Europa in kollektiven Liebeskummer zu versetzen und Estland den zweiten Sieg in seiner ESC-Geschichte bescheren.