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Eurovision Song Contest: Warum sind so viele ESC-Fans schwul?

Bunt, schrill, schwul. Der Eurovision Song Contest gilt als Highlight im Jahreskalender der Homosexuellen. Aber was macht den größten Musikwettbewerb so attraktiv für Lesben und Schwule?

Von Lars Peters, Wien

Zwischen all den Nationalflaggen tauchen im ESC-Publikum auch immer wieder symbolische Regenbogenfahnen auf

Zwischen all den Nationalflaggen tauchen im ESC-Publikum auch immer wieder symbolische Regenbogenfahnen auf

Ein Kameraschwenk über die ersten Reihen der Zuschauer beim ESC spricht Bände: Fast ausschließlich Männer sind da zu sehen, viele von ihnen schwul. Zwischen den Fahnen der teilnehmenden Länder wird immer häufiger die Regenbogenfahne geschwenkt, das Zeichen für den Gleichstellungsbewegung von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen. Ganz klar: Der ESC steht bei Homosexuellen besonders hoch im Kurs. Doch warum?

Obwohl die Frage auf der Hand liegt, sind viele ESC-Anhänger und -Journalisten zunächst ratlos, wenn sie mit der Frage konfrontiert werden. Klaus Woryna, Präsident eines deutschen ESC-Fanclubs, meint, dass der Song Contest eine friedvolle, musikalische Olympiade voller Glitzer und Glamour sei und als länderübergreifende Party viele Schwule anziehe. Ähnlich sehen das die schwedischen Reporter Ronny Larsson und Ken Olausson. Viele Schwule seien nicht so sehr an Sport interessiert. Für sie ist der ESC das, was für andere die Fußball-WM ist. "Wenn man dann feststellt, dass andere Schwule ihn auch mögen und man gemeinsam zur selben Musik feiert, verstärkt das die Liebe zum ESC noch mehr", legen die beiden nach.

Auch Heteros lieben es

Das gemeinsame Feiern von Musik ist auch für die Spanier Tony Lopez und Javier De Hoyos ein wesentlicher Grund für die große Vorliebe von Schwulen zum ESC. Und es sei eine wunderbare Möglichkeit für Schwule, Kreativität zu erleben und zu entwickeln. In der Tat: Ob Monsterrocker, Gala-Dress oder Trickkleid - wer Inspiration für die nächste Kostümparty sucht und dort auffallen will, wird beim ESC immer fündig.

Wegen der Kombination aus Wettbewerb auf der einen und der kreativen Überdrehtheit auf der anderen Seite, wird der Wettbewerb häufig als "camp" bezeichnet. Das ist auch das erste, das dem isländischen Journalisten Gunnar Dofri in den Sinn kommt: "Große Kunst wird beim ESC genauso ernst genommen wie vollkommener Trash. Das könnte ein Grund sein. Aber: Ich bin heterosexuell - und auch ich liebe es!"

In der Tat heben das die befragten Fans und Journalisten aus fast allen Ländern hervor: Der ESC ist vielleicht bei Schwulen und Lesben besonders populär, aber geliebt wird er doch von allen unabhängig von ihrer Sexualität. Der litauische Reporter Kestutis Juska liefert Beweise, indem er auf eine der größten Nachrichtenwebsites seines Landes geht und die Vielzahl von ESC-Artikeln zeigt. "Das Interesse am Wettbewerb wächst in Litauen Jahr für Jahr. Alle schauen ihn und reden drüber. Das ist kein speziell schwules Thema!"

Dennoch gibt es aber eine spezifisch homosexuelle Lesart des Wettbewerbs. Davon ist auch der britische Journalist William Adams überzeugt: "Es sind die Divas. Schwule Männer werden unterdrückt, Frauen werden unterdrückt. Aber niemand kann sie davon abhalten, auf die Bühne zu gehen, dort zu singen und es allen zu zeigen!" Das führt in seinen Augen sogar soweit, dass der ESC bei der Selbstfindung vieler Schwulen und Lesben eine Rolle spielt. In dem Moment, in dem sie spüren, anders zu sein und womöglich noch gar nicht wissen, dass sie homosexuell sind, bietet der ESC ihnen etwas, mit dem sie sich identifizieren können. Gerade in Ländern wie Russland oder Moldawien, in denen das öffentliche Informieren über Homosexualität unter Strafe steht, kann der Wettbewerb so eine wichtige Rolle spielen.

Die russische Verlogenheit

Womöglich liegt den Schwulen und Lesben gerade deshalb der ESC so sehr am Herzen. Und vielleicht haben sie deshalb in den letzten Jahren auch so aggressiv auf die russischen Beiträge reagiert. Denn während die Regierung in Moskau die Daumenschrauben für Homosexuelle anzieht, lässt man beim ESC eine hübsche Frau davon singen, dass alle Menschen gleich sind. Aus Sicht vieler Schwuler und Lesben missbraucht ein homophobes Regime damit "ihren" Wettbewerb. Die einzige Lösung in der Machtlosigkeit der Fans waren dann Buhrufe und Regenbogenfahnen.

Im Gegensatz zur russischen Verlogenheit lieben Schwule und Lesben jedes Zeichen beim ESC, das ihnen und 200 Millionen Menschen weltweit zeigt, dass Homosexualität selbstverständlich ist. Vor zwei Jahren war es ein lesbischer Kuss der Finnin, im letzten Jahr der Sieg von Conchita Wurst und in diesem Jahr gibt's beim litauischen Vortrag einen heterosexuellen, einen lesbischen und einen schwulen Kuss gleichzeitig. Was für manchen Zuschauer überflüssig erscheint, ist für Schwule und Lesben ein Gänsehautmoment. So werden getreu des diesjährigen ESC-Mottos Brücken gebaut. Oder wie die serbische Teilnehmerin Bojana Stamenov singt: "Finally I can say: Yes, I'm different, but it's okay".