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Grand-Prix-Vorentscheid: Cicero swingt für Deutschland

Deutschland swingt beim Grand Prix: Als heimlicher Favorit ist Swing-Musiker Roger Cicero (36) beim deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest ins Rennen gegangen - und sorgte für die Überraschung des Abends. Wird er am 12. Mai in Helsinki nach 25 Jahren für Deutschland den Grand Prix gewinnen?

Die hoch favorisierte Casting-Band Monrose schlug der 36-Jährige ebenso aus dem Rennen wie den erfahrenen Deutschrocker Heinz Rudolf Kunze (50). Mit seinem Song "Frauen regier'n die Welt" sang sich Cicero am Donnerstagabend - dem Weltfrauentag - in die Herzen des Publikums im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg ebenso wie in die der TV-Zuschauer. Per Anruf und SMS hatten die Fans in der ARD-Live-Show ihr Lied für den Wettbewerb am 12. Mai in Helsinki gewählt. Noch etwas ungläubig, aber glücklich lagen sich Cicero und seine Musiker am Ende in den Armen.

Den Monrose-Mädels verschlug es die Sprache

Bis zuletzt war der Ausgang des Rennens völlig offen, galten doch die jungen Fanscharen der Casting-Band Monrose als sehr stark. Doch nach Countrymusik im vergangenen Jahr, als die Band Texas Lightning um TV-Komiker Olli Dittrich sich durchsetzte, entschieden sich die Zuschauer erneut für das Ungewöhnliche. Nicht zuletzt galt Cicero vor allem in den letzten Tagen vor dem Vorentscheid als heimlicher Favorit - bei der Abstimmung auf der offiziellen Internet-Seite des Grand Prix (www.eurovision.de) lag er sogar vorn.

Dass moderner Swing mit deutschen Texten seine Chancen in Europa haben könnte, betonte Cicero noch einmal. "Ich glaube, eine größere Chance als mit englischsprachigem Text", meinte er. "Das hat etwas Mystisches und könnte etwas erreichen." Dennoch sei er sehr nervös gewesen, gestand der Musiker. Sein Kollege Kunze bestätigte das Außergewöhnliche am Grand Prix: "Ich habe in den letzten Tagen darüber nachgedacht, wann ich so einen Bohei schon mal erlebt habe. Noch nie!". Den Monrose-Mädels verschlug es vor Aufregung bisweilen die Sprache. Dafür punktete Moderator Thomas Hermanns, seit rund 30 Jahren Grand-Prix-Fan, mit seinem Wissen und seiner Schlagfertigkeit.

Dass vor allem Routinier Kunze, der seit fast 30 Jahren auf der Bühne steht, von der Live-Erfahrung profitieren wird, hatten viele Experten bereits vermutet. Der oft als "Dichter und Denker des Deutsch-Rock" bezeichnete Musiker enttäuschte sie nicht: Mit einer gefühlvollen Interpretation von Udo Jürgens' Siegertitel "Merci Chérie" aus dem Jahr 1966 präsentierte er sich in guter Form und erntete kräftigen Applaus. Auch sein rockiger Wettbewerbssong "Die Welt ist Pop" mit knallig-bunter Leuchtreklame begeisterte das Publikum. Rund 800 Zuschauer verfolgten bei ausgelassener Stimmung im Schauspielhaus die Show, die gleich am ersten Tag ausverkauft war.

Cicero hat deutlich mehr Live-Erfahrung

Bereits in den Proben vor dem Vorentscheid hatten sich die Konkurrenten nichts geschenkt - nur Monrose zeigten sich da insbesondere bei ihrer Coverversion von Katja Ebsteins "Wunder gibt es immer wieder" (1970) noch sehr unsicher, trafen Töne nicht und feilten an der Choreografie. Ganz anders dann ihr Auftritt in dem Moment, als es darauf ankam. In Jeans und High Heels lieferten sie eine R&B-Version des Ebstein-Songs, dass man das Lied erst beim Refrain wiedererkannte. Trotz monatelanger Wettkampferfahrung bei der ProSieben-Show "Popstars" schien der Grand Prix seine besondere Wirkung auf die Mädchen zu haben. Sichtlich erleichtert umarmten sie sich nach ihrem ersten Auftritt.

Deutlich mehr Live-Erfahrung hat Cicero, Sohn des Jazzpianisten Eugen Cicero. Mit viel Witz und Humor - inklusive dunkler Sonnenbrille - stimmte er eine schwungvolle Version des Lieds "Zwei kleine Italiener" (Conny Froboess/1962) an. Die Nervosität war ihm anzusehen, als er am Ende kräftig durchatmete. Dabei sprachen alle Vorzeichen für den in Hamburg lebenden Sänger, hatte er doch nicht nur dieselbe Garderobe und Betreuerin im Schauspielhaus wie die Vorjahressieger Texas Lightning. Auch die Generalprobe wenige Stunden zuvor hatte Cicero wie die Countrymusiker "gewonnen". Bei seinem eigenen Song ließ er dann seinen Charme sprühen und zeigte sich souverän. Das Publikum im Saal feierte ihn mit frenetischem Applaus. Nun dürfte er hoffen, dass die Vorzeichen ein Ende haben: Texas Lightning belegten beim internationalen Finale nur Platz 15.

Dorit Koch/DPA / DPA