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Affäre Christian Wulff: Geisterstunde in Großburgwedel

Hier geht er in die Kirche, hier kauft seine Frau Babywindeln ein. Aber in Großburgwedel fällt kein Wort über Christian Wulff. Fast kein Wort. Ein Ortstermin.

Von Jan Rosenkranz

Sonntags, elf Uhr, Heidehotel Klütz. Die CDU von Burgwedel und Umgebung hat zum Neujahrsempfang geladen, hat Deutschland- und Parteifähnchen auf die weiß gedeckten Tafeln gestellt, die Niedersachsen-Flagge an die Wand gepint und eine mit örtlichem Wappen. Dessen Zehnender-Geweih krönt nun die Häupter der Redner.

Und derer gibt es viele:

Der Ortsvorsteher der gastgebenden CDU-Fuhrberg, der Ortsbürgermeister und Chef des CDU-Stadtverbands, der Bürgermeister der Stadt Burgwedel, der Abgeordnete des Europa-Parlamentes, der Abgeordnete des Landtags, und schließlich möchte auch der Vertreter der Region noch ein paar Worte an die etwa 50 Gäste richten.

Es geht um Fukushima und Euro-Krise, um Klärwerkserweiterungen und Radwegeprioritäten, um Gesundheit und Glück für 2012. Eineinhalb Stunden wird begrüßt und gesprochen und eisern vermieden, den Namen des Unaussprechlichen zu erwähnen. Die Worte "Bundespräsident" und "Christian Wulff" bleiben jedenfalls unerwähnt.

Prominente und Zuchthengste

Keine Rede wert. In dieser Gegend, zumal in Großburgwedel, zwanzig Kilometer nördlich von Hannover, sind Prominente so gewöhnlich wie Zuchthengste. Heinz-Rudolf Kunze kommt öfter zum Essen vorbei, zwei Musiker der Scorpions wohnen um die Ecke und mitten drin nicht einer, nein, gleich zwei Präsidenten. Der eine, Hörgeräte-Hersteller Martin Kind, ist Präsident des Fußballclubs Hannover 96. Der andere, Christian Wulff, deutsches Staatsoberhaupt, zurzeit Problembär der Bundesrepublik Deutschland.

Was denkt Großburgwedel über die Malaise ihres berühmtesten Mitbürgers? Warum nur hat der Bundespräsident, damals noch Ministerpräsident von Niedersachsen, ausgerechnet hier sein Domizil errichtet? Und warum um Gottes Willen ausgerechnet dieses: In einer Sackgasse mit Wendehammer, eng an eng, so dass die Giebel der Nachbarshäuser sich beinahe berühren, liegt das Wulff'sche Eigenheim, ein beige geklinkertes EFH mit Krüppelwalmdach und Doppelgarage, gesichert durch zehn Kameras und zwei Meter hohe Lorbeerhecken, die den Handtuch großen Rasengarten blickdicht abschirmen. Ein Jederhaus für den Jedermann.

EFH mit Krüppelwalmdach

Ein Heim wie gemacht für den netten Herrn Wulff, adrett und bescheiden und so klein, wie die Darlehenszinsen. Vielleicht rettet ihn am Ende gerade diese Durchschnittlichkeit der Immobilie, die offensichtliche Abwesenheit jeglichen Luxus'. Vielleicht nämlich wäre die öffentliche Meinung genauso ungnädig ausgefallen wie die veröffentlichte, hätte Wulff mit dem 500.000-Euro-Kredit jene Dachgeschosswohnung im bürgerlichen Hannoveraner Philosophenviertel erworben, in der er zuvor gewohnt hatte. Makler nennen Objekte dieser Art gern Penthouse - mit riesiger Dachterrasse und Ausstattung in gehobenem Niveau.

Stattdessen Großburgwedel also. Weil Wulffs Frau Bettina hier aufgewachsen ist. Stattdessen EFH mit Krüppelwalmdach. Weil die Kinder einen Garten brauchen und selbst ein Ministerpräsident nur das kaufen kann, was gerade angeboten wird - und "so viel Bewegung ist hier nicht am Markt", wie Frau Roth, die örtliche Immobilien-Maklerin bestätigt. Und schließlich auch, weil die Bewohner Großburgwedels extrem diskrete Menschen sind.

Die Nachbarn der Wulffs reden nicht, jedenfalls nicht mit der Presse, was an sich nicht unsympathisch ist. Sie sagen: "Kein Kommentar". Oder: "Wehe, Sie fotografieren auch mein Haus." Nur ein älterer Herr im Bundeswehrparka, der mit Aluleiter am Haus schräg gegenüber hantiert, äußert sich zur Causa Wulff. Genaugenommen brummelt er, dass ihm auch niemand etwas schenken würde, weder Urlaub noch Zinsen. "Hier", sagt er und zeigt auf sein Haus, "alles selbst erarbeitet". Sollte der werte Herr Nachbar also besser zurücktreten? "Ich mag ihn zwar nicht", sagt der Mann. "Aber der soll mal schön in Berlin bleiben, solange er Präsident ist, lässt er sich hier nämlich selten blicken."

Die CDU schweigt. Und schweigt

Und was spricht Großburgwedel sonst? Die "Großburgwedeler Nachrichten" umfahren den Komplex weiträumig, die lokalen Anzeigenkunden wüssten das zu schätzen. Am Tresen der Schänke "Am Markt" ist das Meinungsbild so vielfältig wie in der rot geklinkerten Fußgängerzone. Variante 1: Der Kredit ist irgendwie anrüchig, aber der Anruf beim "Bild"-Chef geht in Ordnung. Variante 2: Der Anruf beim "Bild" -Chef war dämlich, aber den Kredit hätte ich auch genommen. Variante 3: Da hat er sich schon ganz schön was geleistet, aber nun ist auch mal gut.

Wen man auch fragt, meist folgt auf die Antwort eine kurze Anekdote zum Beweis der präsidialen Bodenhaftung. Da ersteht Bettina im örtlichen Rossmann eigenhändig Windeln. Da grüßt die gesamte Familie auf dem Fuß(!)-Weg zur Eisdiele. Da kauft man selbst Gemüse auf dem Wochenmarkt, Lebensmittel bei Edeka oder Aldi - und mittendrin ein Präsident, der ganz privat zumeist im babyblauen Pullover durch den Ort spaziert.

Viele haben etwas zu erzählen. Nur die CDU - die möchte lieber nicht. Sie übt sich in Verrenkungen, die überall in diesem Tagen zu bewundern sind, egal, ob in Berlin oder Hannover. Burgwedels Bürgermeister Dr. Hendrik Hoppenstedt, zugleich Kreisvorsitzender der Partei, findet leider in drei Tagen keine fünf Minuten Zeit, um über Wulff zu sprechen. Termine, Termine. Thomas Rickenberg, CDU-Fraktionschef im Stadtrat, sagt ein Gespräch erst zu und lässt es zwei Stunden später telefonisch von seiner Gattin absagen. Termine. Leider.

Hefeweizen bei der Jungen Union

Erst als man wenig später Heinrich Neddermeyer erreicht, der dem CDU-Stadtverband Burgwedel vorsitzt, erfährt man die wahren Gründe. "Nein, auf keinen Fall werde ich mich in dieser Angelegenheit äußern", sagt Herr Neddermeyer, "und ich möchte doch darum bitten, dass Sie von weiteren Anfragen an örtliche CDU-Mitglieder diesbezüglich Abstand nehmen!" War das eine Warnung a la Wulff? Was passiert denn sonst? Nein, nein, man habe sich dazu nur eben noch gar nicht verständigen können in der Partei und darum noch kein abschließendes Meinungsbild gefunden. Und persönlich? Haben Sie denn dazu nicht persönlich eine Meinung? Sicher, aber auch die werde er nicht verraten. So leicht lässt sich Herr Neddermeyer nicht aufs Glatteis führen, nicht nach 40 Jahren Erfahrung im Vertrieb von Maschinen, wo er alles erlebt und gesehen hat.

Es ist mühsam. Sehr mühsam. Zum Glück gibt es auch in Burgwedel eine "Junge Union". Vielleicht traut sich der Parteinachwuchs mehr? Ein Dutzend Jungkonservative trifft sich im Schützenhaus zum Stammtisch. Es gibt Hefeweizen und Currywurst und nach den Feiertagen viel zu bereden. Im Moment gebe es kaum ein anderes Thema als, nun ja, Wulff - in der Familie, im Freundeskreis, am Stammtisch. Zugeben wolle das natürlich keiner, aber leider sei es so.

"Passt denn da keiner auf?"

"Meine Oma ist über 70, die ist noch viel empörter als manch anderer im Ort", sagt Sebastian Müller, Student und Chef der Jungen Union. Die Leute hier seien grundsolide, was man sich nicht leisten könne, könne man sich eben nicht leisten, und was sich nicht gehört, gehört sich nicht. Fertig. Er könne ja selbst manchmal nur mit dem Kopf schütteln: "Passt denn da keiner auf, wen der so anruft? Und wenn schon nicht sein Sprecher, warum nicht wenigstens seine Frau? Die war doch PR-Referentin hier in Burgwedel in der Konzernzentrale von Rossmann!" Und, muss er nun zurücktreten oder nicht? "Nicht, wenn nicht noch mehr kommt", sagt Müller und dass die Presse die Kirche nun mal im Dorf lassen solle.

Die Kirche heißt in diesem Falle St. Petri. Sie steht bereits sehr lange an heutiger Stelle, ihre Geschichte reicht zurück bis ins Jahr 1200. Und als am Sonntagmorgen um zehn Pastor i. R. Hans-Eberhardt Matern das gemeinsame Abendmahl feiern will, folgen immerhin drei Dutzend, vor allem ältere Großburgwedeler dem Glockengeläut. Sie sitzen auf lichtgrauen Bänken, um der Predigt zu lauschen. Auch Wulffs saßen sonntags schon öfter hier, ist zu erfahren, "und dass, obwohl er doch katholisch ist!"

Ein Christ wie Christian

Orgel, Gesang, dann predigt der Pastor. Er mahnt die Risse in der Gesellschaft an, die immer größer werden. "Der Riss zwischen jenen, die ehrlich und geradlinig durchs Leben zu kommen suchen, und denen, die durch ihr undurchsichtiges Verhalten eine ganze Nation verunsichern, ist kaum zu kitten", sagt der Pastor. Dann, plötzlich, holt er eine lange Wasserwaage hervor und wedelt damit von der Kanzel. Beim Bauen oder Renovieren eines Hauses sei die unverzichtbar, hält er fest. "Wer also ein Haus ohne Wasserwaage baut, handelt fahrlässig. Wer sein Leben als Christ ohne die Maßstäbe Gottes aufbauen und führen will, auch." Die zehn Gebote, die Bergpredigt, das seien die Maßstäbe, an die es sich zu halten lohnt. "Sicher würden manche Politiker dadurch glaubwürdiger, besonders, wenn sich das C in ihrem Namen findet", sagt der Pastor Matern.

Er hätte auch einfach sagen können: Wenn sie Christian heißen. Aber über den wird in Großburgwedel ja nicht gesprochen. Zumindest nicht auf dem Neujahrsempfang der CDU. "Großburgwedel ist eben sehr diskret", sagt der Ortsbürgermeister als man ihn nach all den Reden endlich erwischt, darum will er zur präsidialen Malaise öffentlich auch lieber gar nichts sagen. "Wir kennen das doch auch nur aus den Medien. Ich müsste selbst die Unterlagen gesehen haben", sagt er entschuldigend. Ein uneingeschränkter Vertrauensbeweis klingt irgendwie anders. Eine Solidaritätsbekundung auch.

Rauchen, quatschen, Gauck

Ein Teil der CDU-Basis muss nach all den warmen Worten jetzt erst mal draußen auf dem kalten Parkplatz rauchen. Und quatschen. Über Kommunalabwässer und Radwegeprioritäten weniger, mehr über Wulff. Das sei ja ein schöner Schlamassel, sagt einer. Hätte man damals bloß den Gauck genommen. Stummes Nicken in der Runde.