Eurovision Song Contest Genöle aus Germany


Nach dem 19. Platz von Roger Cicero wird hierzulande über die "Balkan-Mafia" gejammert - dabei folgte auch die 52. Ausgabe des Eurovision Song Contest nur den üblichen Gesetzmäßigkeiten. Ein Plädoyer für mehr Größe in der Niederlage.
Von Peter Luley

Es ist schon nach Mitternacht, der 52. Eurovision Song Contest in Helsinki hat seinen Sieger gefunden, und ein langer Fernsehabend neigt sich allmählich dem Ende zu, als in der ARD harte Worte fallen: Der Eiserne Vorhang stehe ja seit heute wieder, verkündet Thomas Hermanns, Conférencier der deutschen Aufwärm- und Nachbereitungs-Show, aus einem kleinen Varieté in der Hamburger Speicherstadt. Sein Co-Moderator Georg Uecker befindet schnoddrig-liderlich, es habe eine Lesbe über eine Transe triumphiert. Und der notorische Altrocker Heinz Rudolf Kunze, selbst bei nationalen Vorentscheid gescheitert, gibt sich aufrichtig "empört" über das Ergebnis.

"Die Diskussion geht weiter", hatte zuvor sogar der sanft-ironische NDR-Kommentator Peter Urban die über dreistündige Live-Übertragung aus der finnischen Hauptstadt abmoderiert - für seine Verhältnisse eine geradezu dramatisch-dräuende Äußerung. Was, um Himmels Willen, war geschehen?

Die großen Grand-Prix-Nationen landen am Ende

Der serbische Beitrag "Molitva" (Gebet) von Marija Serifovic, eine mit Inbrunst vorgetragene Herzschmerz-Ballade in schwülstiger Grand-Prix-Tradition, hatte gerade den Wettbewerb sehr deutlich für sich entschieden - und dabei die Drag Queen Verka Serduchka aus der Ukraine mit einer Gaga-Polka sowie ein sexy Russinnen-Trio auf die Plätze zwei und drei verwiesen. Der Schmachtfetzen erhielt von neun der 42 abstimmenden TV-Nationen die Maximalwertung zwölf Punkte, unter anderem aus Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien, Mazedonien und Ungarn. Der deutsche Beitrag "Frauen regier'n die Welt" von Roger Cicero musste sich derweil mit Platz 19 von 24 begnügen - einträchtig abgeschlagen mit den anderen großen Grand-Prix-Nationen (und Finanziers) Spanien (20.), Frankreich (22.) und Großbritannien (23.).

Nun also tobt die Debatte über verdächtige Solidarität unter ehemaligen sozialistischen Bruderstaaten, die schon seit dem Halbfinale am Donnerstag schwelte, so richtig. Der Boulevard kann sich über die "Balkan-Mafia" erregen und die Chancenlosigkeit vermeintlicher Qualitäts-Songs aus dem Westen gegenüber Ethno-Getrommel und Gestampfe aus dem Osten beklagen. Andere reißen Witzchen über die Türkei als "westlichstes Land" auf den vorderen Rängen und fordern bereits eine Änderung des Reglements.

Wer auffällt, gewinnt

Dabei folgte die Veranstaltung eigentlich nur den seit Jahren bekannten Gesetzmäßigkeiten, zu denen es nun mal gehört, dass nicht unbedingt die musikalisch gehaltvollste Nummer gewinnt, sondern eine, die auffällt, durch intensiven Vortrag in Erinnerung bleibt, womöglich sogar durch schlechten Geschmack provoziert. Zur Erinnerung: Der Sangeswettstreit fand diesmal in Helsinki statt, weil im Vorjahr die grausamen finnischen Gruftrocker Lordi gewonnen hatten. Und Diskussionen über Länderseilschaften beim legendären Telefonvoting gibt es etwa genauso lang wie den Wettbewerb selbst.

Zur Einordnung der jüngsten Runde in den Gesamtzusammenhang helfen vielleicht folgende Fakten: Auch Österreich, Finnland und die Schweiz, mithin keine Ostländer, vergaben ihre Höchstpunktzahl an Serbien. Zumindest die spanischen und englischen Beiträge - Euro-Trash par excellence - landeten verdientermaßen am Tabellenende. Und dass nicht der kalkulierte Schulmädchen-Sex des Russentrios Serebro oder die gewagt geschnittene Lederhose der moldawischen Sängerin Natalia Barbu prämiert wurden, ließe sich sogar als Votum für den Vorrang der Musik vor der Optik werten. Im Übrigen gab es die typische Mixtur aus kleinen Perlen und Groteskem: Ein schön röhrender Janis-Joplin-Blues aus Ungarn stand neben Windmaschinen-Pop aus Finnland und Mazedonien, herzig-esoterischer Folk aus Irland neben Glamrock aus Schweden und italienisch singenden Barden aus Lettland.

Merkwürdige Kandidatenauswahl in Deutschland

Dass die handwerklich solide, aber brav-unspektakuläre Swing-Nummer des Hutträgers Roger Cicero letztlich keine Chance auf einen vorderen Platz haben würde - wer hätte ernsthaft etwas anderes erwarten können? Mindestens genauso auffällig wie die aktuelle Ost-Dominanz ist dagegen die derzeit mal wieder gedämpfte Anteilnahme an dem Event hierzulande: Nach dem letzten Platz von Gracia im Jahr 2005 hat der ausrichtende NDR die Modalitäten geändert und schon den Rahmen des Vorentscheids verkleinert. Seither wird aus einem nach nicht nachvollziehbaren Kriterien zusammengestellten Dreier-Feld ein Kandidat ermittelt, von dem man den Eindruck hat, die Deutschen wollten in erster Linie für ihren Mut zu Außenseitertum und Selbstironie gemocht werden. Das galt schon im vergangenen Jahr für die nette Country-Combo Texas Lightning - nur dass damals noch 10,49 Millionen Bundesbürger zuschauten, während sich diesmal nur 7,38 Millionen für den Ausgang des Spektakels interessierten.

Frenetischen (Lokal-)Patriotismus und teilweise absurd hysterische Leidenschaft, wie sie beim Eurovision Song Contest aktuell der wilde Osten demonstriert, der nach Aufmerksamkeit und Anerkennung dürstet, überlässt man hierzulande derzeit Stefan Raab und seinem Bundesvision Song Contest auf ProSieben, wo Matadore wie Jan Delay für Hamburg und Seeed für Berlin antreten. Das kann man sicherlich so machen. Nur verträgt sich solche Sophistication nicht mit anschließendem Genörgel über mangelnde Anerkennung, mit Schmähungen der Sieger und Forderungen nach Reglement-Änderungen. Da wäre doch mehr Größe in der Niederlage wünschenswert.

Aber was soll's: Der Grand-Prix-Zirkus wird das Genöle aus Germany sowieso lässig wegstecken. Die alte Pop-Maschinerie zieht einfach weiter, im nächsten Jahr halt mal nach Belgrad.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker