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Russland wird zum Politikum des ESC: Da steht nicht Putin auf der Bühne

Trotz Buhrufen in Kopenhagen: Russland hat sich für das Finale des Eurovision Song Contest qualifiziert. Damit stellt sich auch für deutsche Zuschauer die Frage: Darf ich für dieses Land anrufen?

Ein Kommentar von Jens Maier, Kopenhagen

Im Halbfinale qualifizierten sich die russischen Teilnehmerinnen Anastasia und Maria Tolmatschowa fürs ESC-Finale am Samstag. Trotzdem wurden sie ausgebuht.

Im Halbfinale qualifizierten sich die russischen Teilnehmerinnen Anastasia und Maria Tolmatschowa fürs ESC-Finale am Samstag. Trotzdem wurden sie ausgebuht.

Die beiden Zwillinge sind gerade einmal 17 Jahre alt: "Shine" singen Anastasia und Maria Tolmatschowa und strahlen dabei um die Wette. In weißen Kleidern und mit langen blonden Haaren stehen sie auf der Bühne. Süß und unschuldig sehen sie aus. Dennoch gab es am Dienstagabend beim ersten Semifinale des ESC Buhrufe für die Zwillinge. Nicht wegen ihres Liedes oder ihres Gesangs. Sondern weil sie aus Russland stammen.

"Der Eurovision Song Contest ist unpolitisch", wiederholen die Verantwortlichen des ESC gebetsmühlenartig. Egal ob vor zwei Jahren beim Autokraten in Baku oder jetzt in der Ukraine-Russland-Krise, es sind immer die gleichen Phrasen. Der Wettbewerb sei eine reine Unterhaltungsshow, bei der Politik nichts zu suchen habe. "Wir sind kein politisches Ereignis", sagt Sietse Bakker, ESC-Sprecher zu stern.de.

Das ist Unsinn. Russland will am kommenden Freitag eine Militärparade auf der Krim abhalten. Eine Machtdemonstration Putins. Nur einen Tag später, am Samstagabend, buhlt das gleiche Land mit den Unschuldszwillingen vom Lande um die Gunst Europas. Das passt nicht zusammen. Von Fernsehzuschauern und Jurys zu erwarten, zwischen dem offiziellen Russland und dem ESC-Teilnehmerland zu trennen, ist illusorisch.

Schon immer gab es Sympathiewertungen

Dazu kommt, dass die Zwillinge nicht in einem nationalen Vorentscheid vom russischen TV-Publikum ausgewählt, sondern direkt vom Staatsfernsehen nominiert wurden. So wie bereits im letzten Jahr Dina Garipova. Während damals in Russland die Gesetze gegen Homosexuelle verschärft wurden, sollte sie mit ihrem Weltverbesserungssong "What if" die Europäer einlullen, dass die Welt doch viel schöner sein könnte, wenn wir alle nur etwas mehr aufeinander zugingen. In diesem Jahr zeigen nun die Zwillinge die liebreizende Seite Russlands, während sich das Land mal eben die Krim einverleibt. Zufall ist das ganz sicher nicht.

Wenn Russland also recht offensichtlich versucht, den Wettbewerb zur Propaganda zu nutzen, warum sollen dann die Zuschauer bei ihrer Stimmabgabe nicht auch politisch abstimmen dürfen? Das wäre nicht einmal neu: Schon immer gab und gibt es beim ESC Sympathiewertungen. Egal ob Skandinavier untereinander, Portugiesen und Spanier oder Aserbaidschaner und Türken - viele Länder eint nicht nur der gleiche Musikgeschmack, sondern eine Freundschaft. Das hat selbstverständlich auch Auswirkungen auf die Punktwertungen beim ESC. Die Frage ist, wie groß sie in diesem Jahr sein werden und ob die Tolmatschowa-Zwillinge zur Projektionsfläche des Ukraine-Konflikts werden.

Die Abstimmung könnte zum Politikum werden

Darf ich für Russland anrufen? Diese Frage werden sich vermutlich viele Zuschauer in Westeuropa stellen. "Die Mädels können nichts dafür", relativiert Michael Sonneck, Vorsitzender des Eurovision Fanclubs Deutschland (ECG). Er sieht die Buhrufe während des ersten Semifinales als unfaire Geste. "Wenn jemand nicht klatscht, ist das okay", sagt Sonneck. "Aber ausbuhen finde ich unangemessen. Da steht ja nicht Putin auf der Bühne."

So wie er sehen das viele andere Eurovisionfans auch. Sie halten nichts von einer gezielten Strafaktion gegen Russland. Der ESC soll nicht ausbaden müssen, was Angela Merkel und andere Politiker versäumen. Trotzdem könnte die Abstimmung am Samstagabend zum Politikum werden. Nämlich dann, wenn Europa sich mit der Ukraine solidarisiert.

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