Feist Die Erleuchtete

Vor drei Jahren veröffentlichte eine kanadische Sängerin namens Leslie Feist ein himmlisches Album: "Let It Die" wurde vom Geheimtipp zum mehr als 400.000 Mal verkauften Bestseller. Nun folgt mit "The Reminder" der nächste Geniestreich.

Ihre Interviews gibt sie in einem Hörfunkstudio in Hamburg, mit dunklen Rändern unter den Augen und einer Flasche Mineralwasser fest im Griff. Gerade erst ist Leslie Feist, 31, aus Kanada nach Deutschland gekommen und hat noch den Jetlag in den Knochen. Sie fliegt so oft zwischen Toronto und Europa hin und her, dass sie die Filme, die im Flugzeug gezeigt werden, fast auswendig kann.

Leslie Feist ist eine rastlose Frau. Offiziell wohnt sie in Toronto und Paris, aber seit drei Jahren lebt sie praktisch nur noch aus dem Koffer. Der überragende Erfolg ihres Albums "Let It Die" hat ihr Leben in eine nicht enden wollende Reise verwandelt: 33 Monate tourte sie ununterbrochen mit ihren Songs durch die Welt. Denkwürdige Abende waren das, bei denen eine immer größer werdende Schar von Eingeweihten die Kanadierin als leuchtende Heilsbringerin des Indie-Pop feierte. In Deutschland schrieb ein illuminierter Journalist nach einem Auftritt in der Berliner Passionskirche von einem "erlösend schönen, stillen und kühlen Konzert." Was Feists eigentümliche Mischung aus Singer/Songwriter-Pop, Folk und Avantgarde treffend beschreibt.

Die 31-Jährige, die sich als Künstlerin stets nur "Feist" nennt, war Teil der Indie-Band Broken Social Scene und der avantgardistischen kanadischen Musikerszene um Peaches, Mocky und Multi-Instrumentalist Jason Beck alias Gonzales. Ihre Gastauftritte mit Jane Birkin, Gonzales und den Kings Of Convenience verwandelten mittelmäßige Platten in gute und gute Songs in brillante. Auf "Let It Die" schaffte Feist das Kunststück, mit fragilen Eigenkompositionen genau so überzeugend zu klingen wie mit Covern von Ron Sexsmith oder den Bee Gees.

Jetzt erscheint ihr neues Album "The Reminder", und wieder ist es die Magie ihrer Stimme, die mühelos das ganze Werk trägt. Für die Aufnahmen lud die Sängerin befreundete Musiker in die La Frette-Studios am Rand von Paris ein. Sehr entspannt lebte dort die Musik-Kommune zusammen und spielte quasi im Wohnzimmer 13 neue Songs aus Feists Feder ein. Die klingen zwar deutlich gitarrenlastiger als auf "Let It Die", die Lust am Experiment, an ungewöhnlichen Sounds und Rhythmen aber hat die in Calgary aufgewachsene 31-Jährige nicht verloren. Es wird Zeit, dass Feist auch in Deutschland die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr gebührt - was mit diesem Künstlernamen schwierig werden könnte.

Feist, wussten Sie eigentlich, dass Sie einen für Deutschland ganz und gar unpassenden Namen haben?

Wieso?

Feist bedeutet hierzulande soviel wie fett. Wir denken an dicke, schwitzende Männer in alten Unterhemden und Jogginghosen, die mit einer Bierflasche auf dem Bauch den ganzen Tag vor dem Fernseher hocken. Die sind feist!

Genau deshalb riet mir wohl die Plattenfirma davon ab, aus "Leslie Feist" einfach "Feist" zu machen. Aber das ist jetzt nun mal mein Name.

In Ihrer Musik ist nichts fett, nichts feist. Es scheint, als würde sie an Intensität verlieren, je lauter Sie singen. Und als würde sie umso eindringlicher, je leiser Sie werden.

Stimmt. Das habe ich entdeckt, als ich in der Band Broken Social Scene gesungen habe: Muss ich laut singen, klinge ich wie ein Horn. Dann tröte ich einfach nur noch Noten aus mir heraus und meine Stimme verliert jegliche Wärme. Es ist wie mit einem Bekannten, den man nach vielen Jahren wieder trifft: Man sollte nicht zusammen in einen lauten Club gehen, wo man gegen die Musik anschreien muss. Um sich wieder richtig kennen zu lernen, muss man leise sprechen. Dann bekommt man vom anderen viel mehr mit.

Woher kommen die vielen Ideen für Ihre Songs? Welche Einflüsse verarbeiten Sie?

Schwierige Frage. Neulich sollte ich für einen Radiosender eine Liste machen mit meinen 15 Lieblingssongs. Ich durchsuchte meinen iPod und merkte: vollkommen unmöglich! Natürlich könnte ich irgendwelche 15 Stücke raussuchen, aber das würde nichts bedeuten. Sie wären nicht wichtiger oder unwichtiger als andere Lieder. Außerdem: Auf meinem iPod sind so viele Songs!

Wieviele?

(lacht) Eine Million? Keine Ahnung, ich höre die Songs immer in zufälliger Reihenfolge. Zu meinem letzten Geburtstag bat ich meine Freunde, mir CDs mit ihren Lieblingsliedern zu brennen. Da waren unglaublich viele Sachen bei, die ich noch nie gehört hatte. Ich kann nicht sagen, was mich beeinflusst. Zuletzt habe ich die amerikanische Band Midlake entdeckt. Großartig. Aber beeinflusst sie mich? Ich weiß nicht.

Anders gefragt: Woher liegen Ihre musikalischen Wurzeln? Kommen Sie aus einem besonders musikalischen Elternhaus?

Nein, zuhause gab es keine besonderen Anregungen. Mein Vater malte eher. Wir hatten nur ein paar Alben zuhause: Talking Heads, The Police, The Beatles, Elvis Presley. Mein Bruder mochte Kraftwerk und The Art of Noise sehr. Aber ich hatte keine eigene Plattensammlung oder so was. Ich war ziemlich verschlossen damals. Aber immerhin sang ich als Kind ständig vor mich hin. Meine Mutter steckte mich in einen Chor. Wir trällerten "Lollipop Lollipop" und solchen Kinderkram.

Wie kamen Sie von "Lollipop" in den Kreis erlauchter kanadische Musiker wie Peaches, Mocky und Gonzales?

Meine erste Band fand ich über die Highschool: Ein paar Mädels suchten eine Sängerin und ich dachte, ich könne das, weil ich in einem Chor war.

Ein Irrtum?

Ziemlich. Das schöne am Chorgesang ist ja, dass man mit den anderen Stimmen einfach verschmilzt. Man steht mitten in der Musik. Man braucht sich nicht wirklich zu zeigen. In der Band sollte ich nun alleine singen und dachte: Was hast Du eigentlich für eine Stimme? Ich war 15 Jahre alt und hatte keine Ahnung, wer ich war und wie ich singen sollte.

Gab es keine Vorbilder für Sie?

(lacht) Nicht in Calgary. Ich versuchte einfach, tiefer und voluminöser und intensiver zu singen als meine Stimme es eigentlich hergab. Ich wollte wie ein Junge klingen.

Das ist heute zum Glück anders.

Ja, aber selbst auf "Monarch", meiner allerersten Solo-Platte, klang ich noch so, als würde ich lieber ein Junge sein. Es war ein langwieriger Prozess, meine eigene Stimme zu finden.

Warum heißt Ihr neues Album "The Reminder" ("Die Erinnerung")?

Es hat keine konkrete Bedeutung. Ich mag keine eindeutigen Botschaften. Ich mag Rätsel. Musik soll rätselhaft sein. Meine neuen Songs können den Hörer an etwas erinnern. Aber ich bestimme nicht, an was. Ich würde nie jemandem vorschreiben, wie er meine Musik zu verstehen oder zu deuten hat.

Musik-Tipp

"The Reminder" von Feist erscheint am Freitag, 20. April

Ihr Album "Let It Die" wurde von Musikkritikern als ein fast perfektes Werk bejubelt und verkaufte sich weltweit über 400.000 Mal. Hatten Sie bei der neuen CD keine Angst vor den hohen Erwartungen? Spürten Sie keinen Druck?

Zumindest keinen negativen. Der Erfolg von "Let It Die" hat mir große Gelassenheit gegeben. Ich bin nicht mehr so getrieben, wie ich es vor jenem Album zehn Jahre lang war. Ich bin nun ziemlich furchtlos. Und nachdem ich so lange mit "Let It Die" auf Tour war, war es einfach an der Zeit, neue Songs zu schreiben. "The Reminder" ist das Ergebnis. Ich habe deutlicher als früher gespürt, wo ich musikalisch hin wollte. Es ist ein Album, das ich einfach für mich gemacht habe. Auch das gibt mir Ruhe.

Sie klingen erstaunlich entspannt. Macht es Ihnen nichts aus, dass Sie seit Jahren praktisch nur aus dem Koffer leben?

Ich weiß nicht, wo ich zuhause bin. Es ist kein Ort, es sind eher Leute. Freunde. Gedanken. Ein Teil von mir lebt in Paris, ein anderer in Toronto und viele andere Teile leben irgendwo sonst in der Welt.

Sie vermissen nicht Ihr eigenes Bett?

Doch manchmal schon, aber es ist gerade in meinem Leben offenbar nicht an der Zeit, ein Bett zu vermissen. Ich bin inzwischen wie eine Katze. Ich kann überall schlafen.

Interview: Tobias Schmitz

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