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Jane Birkin: Liebe, immer noch

Ah, das Stöhnen... Seit "Je t'aime" ist die Britin Jane Birkin Traumfrau der Hippies. Jetzt bezirzt sie deren Enkel mit melancholischen Chansons.

Mit offenen Tennisschuhen und einer übervollen Hermès-Tasche in der Hand - so stürmt Jane Birkin munter lächelnd durchs Leben. Zu Dreharbeiten und Demonstrationen, zu Auftritten mit ihrer Band oder einfach nur zum Flughafen. 1969 versetzte ihre Stimme eine ganze Generation in Wallung - mit dem lasziv gestöhnten Skandal-Chanson "Je t'aime, moi non plus", das damals der Papst verbot. Inzwischen haben ihre drei Kinder (von drei verschiedenen Männern) sie bereits zur vierfachen Großmutter gemacht.

Vorreiterin der sexuellen Revolte

Derzeit befindet sich die Vorreiterin der sexuellen Revolte auf Welttournee, war mit ihren arabischen Musikern schon zu Konzerten in England und Japan; bald ist Deutschland dran, später die USA, und an diesem Abend tritt sie in Villeurbanne bei Lyon auf. Kurz noch mal nachschauen, ob auch das Wassertöpfchen von Dora, ihrer zerknautschten Bulldogge, in der Hermès-Tasche ist - und ab geht es zum Soundcheck. "Sieht sie nicht aus wie Winston Churchill?", fragt die 56-Jährige und tätschelt Dora, benannt nach Sigmund Freuds letzter Patientin, zärtlich das Hinterteil.

"La Birkin"

Der Saal in dem Provinzort ist bis auf den letzten Platz besetzt, meist von ganz jungen Leuten. Seit mehr als 30 Jahren lebt die schöne Britin in Paris, ist dort populärer als jeder andere nichtgallische Show-Star. Die Franzosen lieben es, wenn sie mit ihrem unnachahmbar überdrehten Akzent die heimischen Chansons singt; und jedes Kind weiß, dass "La Birkin" zwischen 1968 und 1980 die große Liebe von Serge Gainsbourg war, dem Oberbarden der Nation.

Gainsbourgs Abschiedsgeschenk an seine Muse

Ausschließlich dessen Songs stehen an diesem Abend auf dem Programm, mit orientalischem Flair neu arrangiert vom algerischen Violinisten Djamel Benyelles. Viele der 15 Balladen, die nun auch auf Birkins neuem Album "Arabesque" zu hören sind, hat der ewig Champagner süffelnde und Gitanes qualmende Liedermacher eigens für seine Muse geschrieben - auch nach 1980, als sie ihn bereits verlassen und vom Regisseur Jacques Doillon ein Kind bekommen hatte. "Amours des Feintes" (Liebe der Toten) etwa schrieb der geniale Gainsbourg kurz vor seinem Tod im Jahr 1991 - ein Abschiedsgeschenk an die Frau, die er wohl mehr verehrte als jede andere in seinem Leben.

Traumfrau der Hippie-Generation

Jahrelang fiel es ihr schwer, diese melancholischen Chansons zu singen. Doch nun steht sie wie befreit auf der Bühne, bewegt sich sanft zu den Rhythmen ihrer Band - die Traumfrau der Hippie-Generation, die noch immer Kleidergröße 36 trägt. "Gainsbourg war jüdisch, von seinem Temperament her aber auch etwas arabisch", sagt die Diva. Die Offenheit in seiner Familie, erzählt sie, habe ihr Interesse an fremden Kulturen verstärkt: "Bereits als Mädchen hatte ich Lust, wie Rebecca West nach Serbien zu reisen, ich wollte damals Bauchtanz lernen und in einem Harem leben."

"Erst vor drei Tagen träumte ich von Serge"

Ihre Auftritte enden mit Appellen für Birmas Bürgerrechtlerin Aung San Suu Kyi; aufopferungsvoll kümmert sich die Birkin um Flüchtlinge aus Tschetschenien oder trommelt für Amnesty International. Petitionen stapeln sich in ihrer Pariser Wohnung an der Rue Jacob, die zugleich britischer Salon, arabischer Diwan und Gainsbourg-Museum ist. "Erst vor drei Tagen träumte ich von Serge, er trug seinen alten dunkelgrünen Samtmantel", sagt die Umtriebige, die gleich zum Geburtstag eines ihrer Enkel muss. "Ich umklammerte seine Knie, aber er konnte nicht bleiben." Hastig stopft sie einen Schlafanzug in die Hermès-Tasche und seufzt: "Wer weiß, wo ich die nächsten Tage schlafe."

Tilman Müller