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Kaum Höhepunkte beim Echo: Triumph für Tote Hosen, Eiertanz um Frei.Wild

Auch der Echo-Preis spürt den demografischen Wandel: Zur Feier in Berlin stehlen Babyboomer und Senioren den Newcomern die Show.

Es war der Höhepunkt eines an Gefühlsausbrüchen eher dünnen Abends: Als Hannes Wader auf die Bühne tritt und den Lebenswerk-Echo von seinem Kollegen Reinhard Mey entgegennimmt, erheben sich die Zuschauer zum Applaus. Wader und Mey, die 70-jährigen Liedermacher, können doch noch ein wenig Gänsehaut bei den Menschen erzeugen. Als Wader zur Gitarre greift und seinen Klassiker "Heute hier, morgen dort" anstimmt und kurz danach die Toten Hosen die Punk-Version nachliefern, gewinnt die Show zum Deutschen Musikpreis endlich etwas an emotionaler Tiefe.

Ja, klar: Lenas Kampf gegen die Tränen berührte ihre Fans und die Freude von Rapper Cro für zwei Echos war auch hinter seiner Panda-Maske zu spüren. Doch Til Schweiger nuschelte lustlos eine Laudatio und der Geiger David Garrett coverte als Ein-Mann-Orchester Coldplays "Viva La Vida" mit Virtuosenroutine. Den Ton gaben beim 22. Echo-Preis aber die Veteranen an. Vor allem die Toten Hosen aus Düsseldorf und ihr Sänger Campino (50) erwiesen sich als die großen Protagonisten.

Haarscharf schrammte der Echo, der sich gerne mit dem Grammy und den Brit-Awards vergleicht, auch diesmal an der Peinlichkeit vorbei. Die Veranstalter ließen die ansonsten souveräne Moderatorin Helene Fischer, 28, im knallengen Silberanzug durch den Saal einschweben und die Preisverleihung "Rock/Alternative national", um die es einen heftigen Streit gegeben hatte, entkam nur knapp dem Eklat.

Frei.Wild unter den Teppich gekehrt

Die Bands Kraftklub und MIA. hatten den Mitbewerbern Frei.Wild Nähe zur rechten Szene unterstellt und mit Boykott gedroht. Die Veranstalter hatten die Südtiroler daraufhin ausgeschlossen. Bei der Preisverleihung versuchten die Veranstalter die Debatte unter den Teppich zu kehren. Ohne die Mitbewerber zu nennen, rief die britische Sängerin Katie Melua etwas verwirrt nur kurz die Band Unheilig und ihren Frontmann Der Graf auf die Bühne.

Bis zuletzt hatte Frei.Wild betont, rechtes Gedankengut abzulehnen. Vor der Halle verteilte die Gruppe um den Sänger Philipp Burger T-Shirts mit einem durchgestrichenen NPD-Logo an 200 Fans, die sich aus Protest gegen den Ausschluss vor den Messehallen versammelt hatten. Den Veranstaltern war wohl der Eiertanz zwischen Politik und Kunstfreiheit bewusst. Dieter Gorny, der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie, versprach, sich nach dem Echo einer Debatte zu stellen.

Ungewollt politisch wurde es auch im Saal. Fast zur gleichen Stunde, als Carla Bruni ans Mikrofon trat, wurde in Frankreich bekannt, dass gegen ihren Ehemann, den früheren Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, offiziell Ermittlungen wegen umstrittener Spenden im Wahlkampf 2007 aufgenommen worden sind.

Heimspiel für Helen Fischer

"Von Zeit zu Zeit begegnet sie dem ehemaligen französischen Präsidenten - wenn auch nicht auf Augenhöhe." So stellte Max Raabe unter großem Gelächter Bruni vor, die einige Zentimeter größer als ihr Mann ist. Dann wurde es still im Saal und Bruni sang ihr Chanson "Mon Raymond". In ihrem schwarzen Hosenanzug verbreitete Bruni wohl mehr Glanz als manche schrille Gestalt auf der Bühne. Nach der Show verschwand sie sofort und blieb nicht zur Party.

Eine Art Heimspiel wurde die Gala für Helene Fischer. Souverän führte die Schlagersängerin und Entertainerin durch den Abend. Als sie auch noch zwei Echos bekam, zeigte sie sich überrascht und gerührt. Die gute Quote dürfte auch ihr zu verdanken sein. Mit 3,73 Millionen Zuschauern lag die ARD-Liveübertragung deutlich besser als im Vorjahr. Damals sahen nur 2,6 Millionen zu, was laut Media Control die schlechteste Quote war, seit die Echo-Vergabe 1997 erstmals im Fernsehen übertragen wurde.

2013 war es der Abend der Toten Hosen, die insgesamt vier Echos mit nach Hause nehmen konnten, unter anderem für den Hit des Jahres "Tage wie diese". "Beim nächsten fange ich an zu weinen", sagte Campino nach dem zweiten Echo während der Gala.

Tränen rollten zwar dann nicht mehr über die Wangen des Punkrockers. Dennoch gab es große Emotionen beim Ehrenpreis für die britische Band Led Zeppelin. Mit Rockerromantik fragte Campino rhetorisch ins Publikum, wie viele Liebesbeziehungen wohl zu "Stairway To Heaven" begonnen worden oder zu Bruch gegangen und wie viele Joints wohl zu "Whole Lotta Love" geraucht worden seien.

Esteban Engel und Teresa Fischer, DPA / DPA